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1.

Nebiel)te fiub gemal)lte gen¶terief)eiben!


legt man tom SJlatit in ble kitcfje pin
Ta ift affee bunfel unb bii¶tet·
llnb fo fießt'8 auc§ bet err $§ili¶te
Tet mag benn too¶l berbrießlit§ fein
llnb lebenelang verbrie§Iic§ bleiben.
Rommt aber nur einmal berein!
Segriißt bie heilige Gapelle;
Ta i¶t's auf einmal farbig helle,
efcf)icf)t' unb 3iettath glängt in Oct;n
Sebentenb toitit ein eblet Scfjein;
Tiet toitb euch kinbern @cttcß taugen
Grbaut eucf) unb ergef)t bie Slugen!
Johann Wolfgang Goethe
(1749 1832)
-
4'>
Sd) tveiß nid)t, tono fott ce bebeuten,
a¶ß id; lo traurig bin;

in Rärd)eu are aften ßeiten,


Bad Tommt mit nid)t aus bem Sinn.

Sie Suit unb es bunfelt,


i¶t fü§1
linb tuf)ig †fient het Siljein;
Ter @ipiel hed Berged innfelt
3m übenblonnenid)ein.
Sie (d)öufte 3ungfran figet
ort oben tvunberbar,
f)t golbued @efd)melbe bliget,
le tämmt if)r golbenee I
gat.

*
le tämmt es mit golbenem Ramme,
ub fingt ein 2ieb babei;
as l)at eine tonuberfame,
ettaltige Melobei.

en d)iffer im fleinen Od)iffe


rgreift es mit toilbem 2Bel)
Y (d)aut nid)t ble Belleuri¶fe,
Heinrich Heine e (diaut nur ginauf in ble off.
(1797 -
1856)
d) ble 20effen verfd)(ingen
glaube,
Wm εbe Od)iffer unb Stal)n;
11nh Sad §at mit il)rem Singen
Sie Sotelei getfjan.

44 45
in $tingling, ben bed 90if¶end beijier Zurft
Sind) Gaid in Wegnpten trieb, ber Triefter,
eljelme eléfleit ju erletnett, batte
d)on mand)¢n Grab utit (d)nellem elft burg)tilt
Ottt¢ tig it)n feltte gerid)begierbe tvett¢r,
linb fitttm be(ánftigte ber .†ieropbattt
en ttttgebultig Strelditben. ,,Sad flab' id),
enn id; nid)t Wlf¢ß tynbe, fyrad; ber 3ftngling,

't ibte etiva f)iet ein Beniger unb Wielitt


3(t beitte ©«btf)tit, tvie b¢t 6tunc ©litti,
Friedrich Schiller war eine summe, ble man greger, riciner
oserigen rann una immer bed, settett
(1759-1805)
3(t fit ttid>t titte tittfge, ttttgetfjellte ?

Nimm einen ton and einet .9armoule,


Olintm eine garb' attd b¢m Stegettbogen,
tinò glied tvad bit bleibt f(t Widiti, fo inng

'Dag (d)ðne 50 b¢t 26ne (cólt uttb garben."

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3nbem fie einft
To
(pratf>en, ganhen (ie
3n einer einiamelt
Sìotonbe (till, mer 3fmgling ging g¢bantettvoff ttd4 524 ff;
900 eitt
efÏ¢lficit Bilb von Difefengrôtie ST)m raubt bed BBigend brennenbe Begf¢t
em
3úngling ht ble 2tugelt fiel. en €¢taf, et tvål3f Í¡gy glûlyenb auf Dem 2nger,
Settuuntert
Si!<ft er ben fúntti du Itub rà¶ë ßdy auf um g);(tterntdit.
ttab fpriét: Ba<3 Sum tempel
2aß Qiuter biefem ijl , fúl)tt
Solciet fid unfreptoillig íÔn ber ¶¢eue Tritt.
verbirgt?
,,Ole abrbeit", fit hic Nútwort - 2eigt tvarb ed if)m, ble ?)(gu¢t ¡n erficigett,
Stadt
Bie? tuit ieneq linb mittett in bad Snn're het Slotettte
chtlicit (fre? í¢ út
alffin unb biric
€ernbe lit ¢J, Lie nian to.int ¢ilt bebet3teg Sprung ben '10agenb¢n.
inir vert;úllt?

let flebt et nun, unb gt¢u¢nooll


,,Sad nut¢c niit het untfångt
Gottheit and, veriest 2en €fnfamen Die icknloft
er hittopfnut. Strife,
Sein Sterbli¢er, Sie nut het tritte boblet
Diúttt bic(en fagt fie' !!Bieberf;all
Seleier, bid 14 f¢IBR ihn $tt ben g¢lyelmen
linb wet mit I;ebe* @rititen unterbrtát.
ungmfil>ter (4ulo'get 18on oben burd) bet Suppel
Zen belligen, hattb befinung wirft
verbot'ntn friiber bebt' Set 9]lonb hen bietchen (ilberbleuen
er, Sátin,
fyridthieGottf>eit-9tun?,,tetfieI;t lino furditbar trie em gegentuárt'get
in feltfamer ble abrbeit·" Gott
trafelíptuel Su (clbß, Org1ã ht burg bed Gewblbed
n bátteft alfo gin(ternife
niema(6 it;ii get;oben? Sn iót¢m fattgett Edyleier ble
34? E¢0tíí¢ nid>t! Geftalt.
Itub toat gué nie
$¢tf¤út." 340 fa)T
-
l'a3¤
i4 ni¢t. Wenn von (!r trÍtt hinan mít ungetti em
Stur bi¢ic bùnue het Enf>rf¿eit d>rftt;
84eibemaith mid;
trennte ~ 64en will ble (te<be ganb bad geílige berillyttn;
,,tino ein Gefen,
fállt it;m feht On yttt ed lyelf; itno
Wúbrer ch'• fúly! bitrch (¢ttt Geb¢lu,
¢Wlétiger tu¢ín €nl>n,
aid bu ed Itno (thfit
$ft biefer búnut $lot - meinR, weg ntit unfiátbetem Wrme.
fl>n
fúr beine .9ano \tugggittliger, mag miñ¶r bu ti;mt7 60 tuft
Swat leidt, bod)
bentntifémer fúr bein Su feinem Smtern ein¢ trene
emiŒtu." Stimm¢.
18¢rçuden ben Wilflerligen mill(t bu i

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5teln Sterblid>er, fprag bed tafeld Witnb,
th'úttt blefen 64teter, bid Id) (elbft ifyn t)ebe.
Bog (elite nid>t berfelbe Muttb tiitt¡n:
Wet blefen €ditei¢t I)ebt, fell al):Ocit (d)duen?
Er
auf.
Sep bintet if)m, tvad tui[l! 36) fjeb' it;n
€r raft6 mit laut¢r Ottmm': gd) Ivill fie (d>auttt.
Gd)Attett!
Sellt 10m ein longed Gdpo (pottenb udd).
dr (pr14t'i ttnb ()at ben 54teier aufgebettt.
,,9htn, fragt if)t, unb toad geigte fí¢ ibm f)ier7,

t .
03¢(innungloß unb bleid), r
34 iveiß ed ni4t.
So fanten flin am anbern 2dg ble grietier
Sittt gufigtile(I ber 3(ië audgelitecit.
Und et .allba geícfjen unb erfabten,
at (eine $ttuge nie befantit, 9ttti etuig
at (eined tebend geiterfeit habin,
I)tt tié eitt tiefet Grant 3tim (tú')en Stabe.
,,1!!)el) bem," bied inat (ein tintenuttgvolted Wort,
R$eun ungellitme graget in it)n brangett,
,,Sel) al)tficit gellt burd) Odluth;
bem, het in het
,, nimmermet;t erftentid (eën."
le toirò itym
VRIDOLIN ENXING
Komponistund Musiker
51
50
t 0 me f f) 0110.

Sebette beinen gimmel, 3euß,


Rit ßBoffenbunft,
linb iihe, bem Anaben gleich,
Set Si¶teln fòpft,
Wn Eic§en bic§ unb Berge4§ð§n;
Wu§t mir meine Orbe
Soc§ loffen ¶tegn,
linb meine þútte, ble bu nit§t gebaut,
linb meinen gerb,
lim bef¶en GInt§
Tu mitf; beneibe¶t.

3c§ fenne nicijts Šttmerea


llutet het Gonn', alB euch, $òttet!
3§t nä§tet fûmmerlit§
Son Opferiteuern
linb @ebetBI)autf)
Gute Maje¶tät,
linb barbtet, tväten
ic§t kinber unb Bettlet
Johann Wolfgang Goethe . offnunsatolte I§oren.
(1749 1832)
-

52 53
SDa icf; ein .Rinb toor, .
tilut;nte¶t bu et on,
Witf;t tuulite too nue flotf; ein, 3ct; fotfte bas e6en f)a fen,
Ref)tt' icf) mein berirtte¾ Wuge 3n ü¶ten flie en,
eil nicf)t alle
But Gonne, als toenn brüher tvät Blütfjenttäume teiften?
Giu Of)T, 3u gören meitie .flage,
Œin er3, toie mein'B, giet fig' icg, forme Rettitfjen
Eicf) bee Sebrängten gu et6armen. Wac§ meinem Silbe,
Gin @eft§fec§t, bas mit gleic§ fei,
20er half niit Su leiben, gu tveinett,
2Biber ber Titanen Übermutf;? 3u genie§ett unb 3u freuen fitf),
20er rettete noin Tobe mité, linb beitt stit(t yr ac§ten,
Son Effaberei?
4aft bu nicf;f affeß fel6Ìt hoffenbet,
eilig glübenb erg?
linb glüßteit jung unb gut,
Betrogett, Wettungebant
Tem Scf)fafenben ba bro6en?

$cf; bief; el>ren? Sofüt?


Oaft bu bic Sct;mer3en gefinbert
de bed Selabenen ?

þaft bu ble Thränen geftillet


3e bes eäng¶ícten?
#at mid) 3um 9)lanne
nicht geitf)miebet
Sie allmächtige Seit
linb baß etuige Sc§idlaf,
931eine pettu unb beine?

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ãl¶te tro §ebene.

Mit gelben Blumen §änget


unb voll mit wilben Sofen
Sad tanb in ben Gee,
34: golben 64eäne,
ub tvunfen von Rû¶en
Tunft (§t bad gaupt
3n'd geilig nû¢terne ©a¶et.

e4 mit, wo nehm' (4, wenn


6 Sintet ift, ble Blumen, unb wo
en Sonnen¶¢ein,
ub €¢atten het Orbe?
ie Mauern (te§en
Gytagloß unb falt, im inte
Friedrich Hölderlin RÍitten ble agnen.
(1770 1843)
-

56 57
amm..........-- .-..mm

Stononad>t.
tear, ale I)ätt' ber gimmel
e Œtbe (till gefüßt,
3 fie im füteníctimmer
on it)m nun träumen müßt'·
'
ie Suft ging buté ble Belber,
iefl0ten toogten factit,
e tauld)ten leie ble älber,
o (ternflat tvat bie Watf)t.

Unb meine eele fpannte


eit it)te §Iügel gue,
fog butd) bie ftillen 2aube
Stf6 flüge fie nad) þauß.

Joseph von Eichendorff


(1788 -

1857)

58 59
cr innbe im ßloor.
O (gaurig ift'8 über'd ¾oor 3u geþn,
emt eß toimmelt vom gaiberauge,
i4 tvie ¶þantome ble ünfte bregn
nb ble Wante fjäleft am Strauge,
uter jebem Tritte ein Ouelíc§en fyringt,
Senn auß ber Spalte e6 3if4t unb fingt,
D f(aurig i¶t'è ü6et'ß Moor su geßn,
Senn baß Wöf;tigt ini¶tert im gauge!

eft I;ält ble gibel baß 3itternbe Rinb


nb rennt alß ob man e4 jage;
ogt ü6er bie gläge faufet ber Einb -

a6 tafgelt brü6en am age?


aß i¶t ber gefpen¶tige
@räberinec0t,
er bem Rei¶ter ble beffett 2orfe ber3e
u, I;u, eß brigt tvie ein ittes Winb!
.binbudet bad Anäblei 3age.

Som Hier (tartet Geftumpf fjerter,

ArmettevonDroste-Hülshoff Itufjeimlig niclet ble gölpre,


er Ruabe rennt, gelpannt bao 21;<,
(1797 -
1848)
Suré micient;alme tvie Speere;
unb tvie es tiefelt unb inittert barini
Taß ift ble unfelige Spinnerin,
2aß i¶t ble gebannte Opinnlenor',
Tie ben gafþel bref;t im Get fyre!

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Boran, Doran, nut immer im Bauf ,

Botan alã teoll' eß if>n §ofen


Bot feinem guge brobelt es auf,
€õ þfeift if;m unter ben Soßlen
Sie eine gelpenftige Melobei;
Tae ift ber @eigemnann ungetreu,
Taß ift ber biebif4e giebler Anauf ,

Ter ben o#3eitgeller ge¶tollen!

Ta bir¶t baß Roor, ein SeuÍ3tt Gebt

ertor auß bet flaffenben I;Ie;


Sel), toel), ba ruft Margreth:
ble berbammte
,,¶o, go, meine arme Seele!"
Ter Anabe Jpringt toie ein tvunbee Wef),
Sär' niclyt 64ugengel in feiner Wäb',
3eine bleigenben Anöd>el¢en fänbe ipät
ein Stäber im Boorgef4tvef;Ie.

3a grünbet ber Boben ficly,


mäf)(ig
11nh brüben, neben ber Weibe,

Tie 2amþe flimmert Ío f]eimatlplich,


mer Anabe ftelyt an ber 64eibe· KLAUS BURGER
Tief atf;met er auf, 3um Woor 3urüd Komponist und Musiker
immer tvirit er ben (dyeuen Blitt:
'Jfod;
3a, im Beröf):e tear'8 .iürd)terfid),
D idjaurig tvar'ä in ber gaibe
'

63
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'3)ie §tabt.

m
grauen Stranb, am grauen Mee
nb feitab liegt ble Stabt;
et Webel brücft ble täger f4tver,
nb but ble Stille brauft baß Mee
intönig um ble Stabt.

ß rauf4t fein Balb, eß f lägt im Mai


ein Bogel o§n' Unterlag;
ie Banbergauß mit §artem 6 tei
ur fliegt in erbíteena4t borbei,
m 6tranbe toef;t baß @taë.

o hängt mein gangeß erg an bit


u ÛY
Theodor Storm
(1817-1888) et $Ugenb Baub¢ï fût unb für
ul>t lägelnb bo auf bir, auf bir,
u graue Stabt am Meer.

64 65
Pie Jülje im Jeuct.

Silb µdt ber Slig. 3n jaf)(em Sitf)te (tel)t ein 21)urm.


Ter Tonner rofft. Œin Bleiter fämpft mit (einem Blon,
pringt ab unb pod)t auß ifjor tmb lärmt Gein Wlantel fauft
Sm Einb. Er f)ñít beu (d)cuen gutf)8 am Siigel feit.
in (d)mnícò Gifter¶cnfter (d)immert golben ýcíl
linb inarrenb öffnet jegt baß Tí;or ein Œbelmann . . .

- ,,36) 6in ein kned>t bee Riinig6, afß Œourier geld)idt


Blad) Wimes. gerbergt mid)! 3fyr femit beß Riinige Stod!"
-,,GS (tiirmt S)?ein @aft bilt bu. Tein Rfeib, tvaß filmmert'8 mid)
2titt ein unb tvärme 36) forge fiit bein Tí;ier!"
bid)!
Oct 3teiter tritt in einen bunflen Slf]nenlaat,
Bon eine6 toeiten gerbes $cuer (d>tvag erfjellt,
Hub je nad) feinee Bladerne launenfja¶tem Siét
ref)t f)ier ein gußenott im garnifé, bort ein Wei6,
in (tof3eô Ebellució aue 6taunem 9tf;nenbilb . . .

cc Sleiter toirft fig in ben Geffel bor bem gerb


Hub ¶tarrt in ben febent'gen Oranb. Œr briitet, gafft . . .

Seiß ftrñu6t fid) if)m bad gaar. Or fennt ben þerb, ben Saal...
ie glamme gifd)t. Stoei gliße guden in ber Glut.

en tí6enbtijg beftellt bie greife Gdjaffnerin


lit Sinnen blenbenb tveig. Saß Œbelmägblein I;itft.
in knabe trug ben Atug mit Bein. Oer Rinber Blid
angt (6)redeneftart am @aft unb I;angt am gerb entfegt . . .

ie glamme gifd>t. Stoei Siiße ônden in het Glut


Conrad Ferd mand Meyer
(1825-1898)

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67
--,,$ctbommt! Toeleíbc Sappen! Ticier felbe Goal! Wuf (einen Sibern faitet Ofei imb (ditummernb finit
Trei 3al)re finb's Wuf einer gugenottenjagb
. . . . . .
€r auf bad 2ager. 2tnußen pliitidjert 3tegenfínt.
in fein, fjaleitarrig Weiß ,,So (tedt ber 3nnier? Sprich! . . .

Gic id))ucigt. ,,Setemt'!" €ic id):veigt. ,,Gich it;n f)crane!"


Œr tritumt. ,, citef)!" Sie (dpucigt. ,,Sich it;n f)crane!" Gie
Gie (tf)tveigt. (dyneigt.
36) toerbe tvilb. Oct Stof31 $U)_¿erte bas Geld)öPf Gr gerrt bad Weib. .ßtvei Biiße gucien in ber @fut.
Siihe parf' id) if]r unb blöfic fic unb ittede lie
ie
Wujipriif;t unb gifd)t ein genermeer, bas if)n tierid)(ingt . . .

2ic¶ mitten in bie Glut ,,Sich it;n (Jeraue!" Sie


. . . . . .
-
,,Œrivady'! Tu follteit längit ton f)imien fein! Œë tagt!"
Íditveigt - ·

Turd) bic Tapetenti)(it in baß Gemad) gelangt,


€ic tvinbet fid) Ent;ft bu baß Wappen nid)t om 2f)or
. . .

Sor feinem Sager fief;t bee Gif)(ofice gert -- ergrant,


Wer I)ie¶i bid; f)ier 3u Galte gel)cu, bummer Warr?
cm geftern braun ild) nod) gefrauft boe gaar.
at er nur einen 2ropfen Blute, ettviirgt er bid)."
Gintritt ber Œbefmamt. ,,2u träum(t! Su Tildic, Sait ."
Sie teiten burd; ben EBalb. Rein Süftd)cn regt fid; fjent.
. .

Scriptittert liegen Weitettiimmer quer im ¶fab.


On fiþen fie. Sie Orci in if;rer (cf)tontgen Trad)t Tic friif)(ten Bugícin 310itÏñ)ern, I;ntb im Traume nod).
Ilub er.
206) feins ber Rinber iprid)t boe Tild)gebet
Brichtel'Oc EBoffen fdpoimmen burd; ble flare Suit,
3f)n ftarren fic mit aufgerifinen Wugen an --
Wfe lef)tfen Œngel f)cim tion einer näd)t'gen 2Bad)t.
Ten Bedjer füllt unb iibergießt er, (tiir3t ben Trimf,
Tic bunfeln Gdjollen att;men fräft'gen Œrbgerud).
Springt nul: ,,þctr, gebet jegt mir meine 2ageritatt!
Tie Œ6ne affnet fid). 3m Octbc gefit ein ¶flug.
9Rilb bin id; tvie ein gunb!" Œin tiener leud)tet if)m,
Oct 3teiter lanett aue ben Wugentvinfeln: ,,gerr,
od) auf ber Ed>tucIle tvirft er einen Blid 3urüd
3f)r (cib ein fluger 9Rtmn unb t>olf Befomtenfjeit
linb fiel)t ben knaben (füftern in bee Watere Olyr
lInb toint, baß id; bem gröfiten König eigen bin.
Tem Tiener folgt er taumelnb in boe Tljurmgemad).
2cht toof)I.
'

Sluf BlimmeriviebetÏcf)n!" Oct Stubre (prid)t:


,Tu fagit'B! Tem gr ten STUniß eigen! gente learb
Belt riegett er ble 2f)iir. Œr prüft ¶iftet imb Gdpocrt. Sein lenft mir (dpuer . . Gemorbet flait bu tenfliid; mir
.

Gell píciit ber €turm. Zie 2icle bebt. 2ie tede it f)nt. 9Rein Weib! 11nb ichit! . . . 9Rein ilt bie Stad)c, rebet Gott."
2ie 2tcppe trad)t . .
, Tröf)nt f)ict ein 2titt? . . . Od)feidit
bort cin Ediritt? . . .

3f)n tiinid>t ba6 Of>r. Borüber tvanbelt PRitternad>t.

68
69
HERßSTTAG
ERR: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
I ILeg Deinen Sdiatten auf die
Sonnenuhren
und auf den Fluren lab die Winde los.

Befiehl den lebten Früchten voll


zu sein;
gib ihnen nod zwei südlichere
Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und
lage
die lebte Süße in den sdiweren
Wein.

Wer ieht kein Haus hat


baut sich keines mehr.
Wer ieht allein ist wird es lange
bleiben,
wird waden, lesen, lange Briefe
schreiben
und wird in den Alleen hin
und her
unruhig wandern wenn die Blätter
treiben.

RainerMaria Rilke
(1875 -
1926)

70
7 I

1 -
DER PANTHER
IM JARDIN DES PLANTES, PARIS

EIN Blick vomVorübergehn der Stube


ist
mehr hält.
so müd geworden, daß er nichts
gäbe
Ihm ist, als ob es tausend Stube
keine Welt.
tmd hinter tausend Stäben

starker Schritte,
Der weiche Gang geschmeidig
dreht,
der sich im allerkleinsten Kreise
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Witte
steht.

der Pupille
Nur manchmal schiebt der Vorhang
hinein,
sichlautlos auf--. Dann geht ein Bild
angespannte Stille-
geht durch der Glieder
und hört im Herzen auf zu sein.

LUTZ GÖRNER

73

72
ett von Ribbed auf Ribbed
im gavellano
err ton Ni66ed auf Sib6ed im gatellanb,
in Simbaum in (einem @arten (tanb,
nb fam bie golbene gerbße63tit
nb ble Simen leudteten weit unb 6teit,
a (topfte, wenn'6 Mittag tom Turme (doll,
er von Bibbed fid) beibe Kaf4en voll,
nb fam in gantinen ein gange bal)er,
o rief er: ,,$unge, wifte 'ne meer?"

nb fam ein Môbel, fo rief er: ,,2ûtt im,


umm man romer, id be66 'ne Sim."

o ging e6 eiel Sat)re, biô lo6efam


er Þon Wibbed auf Bib6ed gu flerben fam.
r fúl)lte fein €nbe. 'ô mar 52erbíttöhtit,
ieber lahten ble mimen weit unb breit;
a fagte Þon mi66ed: ,,3d) (d)eibe nun ab.
2cgt mir eine mime mit inô Grab."
Unb brei Tage brauf, aue bem oppelbad)f)auò,
Trugen ton Ni66ed (le f)inanô,
2(fle Bauem unb Búbner mit grierge¶id)t
Gangen ,,$efuß meine guter¶id)t",
Theodor Fontane unb bie Rinber flasten, bas £2erge (dimer:
(18 19 -

1898) ,,52e iô bob nu. Wer gimt unö nu 'ne Ster?"

So flagten bie Rinber. a6 mar nid)t red)t -

tid), fie fannten ben alten Bi66ed (d)(ed)t;


er neue freilid), ber inaufert unb (part,
ält Warf unb Bimbaum (trenge termal)rt.

74 75
i*.
i e 2ß a § fe ( e

alte, oratinenb (d)on


bet ber Gol)n,
gegen ben eigenen
nb »off 191igtraun Sub',
bamalò tr tat, Steif)cit §at man fatt am
er mu§te genau, mas le
inò @ra6 er 6at, bet if)iere
llò um eine Sim' gauò Hub ble Stepublit
auë bem (fillen
tinb im britten Sal)r
Siegent
f)erauß. Begelitte, ba¶¢ cin cin3'ger
Sim6aumfprogling (proßt
.

in
Sie ablofut regiere.
wohl aufunb a6,
unb ble 3at)re gel)en
Simbaum û6er bem Gra6, Sebivebe Tljiergattung verfammelte fid)

2ãngít mólbt fid) ein geldyrieben;


ger6fteßgeit 2Ba§í3ettet tourben
Unb in ber golbenen fürditerfid),
2euditet'ô wieber weit
unb 6teit. ¶arteilud)t itütfjete
Unb tommt ein
3ung' ú6em kird)f)of her, Buttigen itutten getrieben.
Baume: ,,ißi(fe 'ne Beer?"
So flúflert's im ,,2dtt im,
EDIôbel, fo (Iñífert'ô: loarb
Unb tommt ein
'ne Sim." 266 Romité ber Œfel
man rómer, itt gew' bi regieret:
Rumm Son ¾ít=2augoliten Rotarb
köpfe mit einer ,

immet ble ganb Sie f)atten ble


So (penbet Gegen nod) gavellanb. (d)warytotlygolb, ucrpieret.
le
e6 ton Blibbed
auf Sti66ed im
(feine ¶(ethepartei,
Se gab eine
¶timmen;
od)ivagte fie nid)t in
vor bem @efd>rci
le f)atte Sugít
grimmen.
Ter Wit=fangof)ten, ber
Raubitatur
Ginct ichod) ble
le
mit Beter
See Noffee empial)f, ful)r,
in Wlt=Sangolyt
in ble Stebe if)m
ein settätfjer!
llub (ditie: ,,Su bi¶t

77

76
le Säter ¶tub nid)t tobt!
Sm Grab
in bir ,,
¶liefit
\

,,Su lift ein Serratf;ct, ed Wut if)te äute liegen,


Stein Tropfen vom
Giefebfute; fietab
Tie ¶terbfid)cu üffen. Som immel
bi¶t fein Efel, id)ict,
idi glaube
Tu d)aun ¶tc auf und mit Berguitgett.
cine toelig)c Stute.
Tid) loati
aut
,,Serffiirte Giel im @fotia22id)t!
ticlfeid>t, bic
,, u (taimnft uom Sc6ta fSit molícu cud) immer gfcid)eu
it ilt geftreift gebraild); 11nh niemal6 con bem ¶fab bet ¶flid)t
2(ud) beiner Etimme naiefuber Stutt einen Ringerbreit tocid)en.
Stur
Stfingt 3iemtid) tigtiptiicf) liebräiid).
r,
lUffd)c TBonut, ein Ofel ¿tt (cin!
,llub toorft bit tcitt Brembling, fo f)ift on Œlu Œntel Dou fold)cu fangof)ten!
Betftaubedefel, ein falter; lid)ctu id)tein:
Œfelonatur 36) möd)t' ce vou allen
,

Tu fennft nid)t ble Ìicien bec 3d) bin old ein Gief geboren!
- Tit flingt nidit if)r un)(tifdjer ¶falter.
er große dief, het mid) cr3eugt,
,,
,,36) aber ucrienfte bic Seele gan U wat Don bcutid)em Stamme;
3n Jened (iißt etälcl! it bentÍd)et Gielemild) gefäugt
meinem Edituang
36) blu ein Βct, in at mid; ble Mutter, bie Samme.
3¶t iebee aar ein Gief.
,,Sd) blu ein Efel, uitb ivill getreu,
fein 160';
,,3d) bin fein Stämling, id; bin Bie meine Säter, bie Wften,
Giu beutid)et Œlel bin id), Œfelei,
Slu bet alten, lieben
Gleid) Sätern. Gie tunten to bray,
meinen dieltf)ume f)aften.
m
20 pflan3enwüd)fig, to finnig.
€(el, (o ratf;' id) cud;
,,llnb meil id) ein
,,6ie (pielten nid)t mit @alanterei Giel 3um Röniß 3
luñí)fe i
men
Sticole 2a¶tetípiefe; Sir (tiften bad große €(efreid;
frei,
trabten täglid), frifd)=feomm-fröf)fid
le So nut hie Œlel befef)(en.
it if)reu €nden 3ut Wüf)fe.
79
78
Wir affe fiub el! 8-2(! S-Sí!
Sit fiub feine ¶ierbefuegte.
Bort mit beu Stoffen! Go lebe, §urraf;!
er Rönig vom Œfelegefgfegte!"

Go (prog ber ¶atriot. Om Saal


Die Efel 58eifaff ru¶cu.
ie tvaren alle national,
llub ¶tampften mit ben gufen.

ie I;aben bee Stebuere gaupt gefémildt


it einem eigenfran3e·
r bonite ¶tumm, unb f)oghegliidt
ebelt' er mit hem étonu3e·

Heinrich Heine
(1797 1856)
-
Palmström

Palmstr m steht an einem Telche


und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
edset uch IseeeinæMe
ar 11 h mit einem Buch.

Palmströmwagtnichtsichhineinzuschneuzen.-
Er gehört zu jenen Kuuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

ZRrtlich faltet er zusammen,


was er eben erst entbreitet.
Und kein Filhlender wird ihn verdammen,
well er ungeschneuzt entschreitet.

Christian Morgenstern
(1871 -
1914)

82 83
Der Philosoph

Ein Philosoph von ernster Art,


Der sprach und strich sich seinen Bart:

Ich lathe nie. Ich lieb es nicht,


Mein ehrenwertes Angesicht
Durch Zähnefletschenzu entstellen
Und närrisch wie ein Hund zu bellen;
Ich lieb es nicht durch ein Gemecker
Zu zeigen, daß ich Witzentdecker;
Ich brauche nicht durch Wertvergleichen
Mit andern mich herauszustreichen,
Um zu ermessen, was ich bin,
Denn dieses weiß ich ohnehin.

Das Lachenwill ich überlassen


Wilhelm Busch Den minder hochbegabten Klassen.
(1832 1908)
-

84
85

i -
Ist einer ohne Selbstvertraun
Den Teufel laß ich aus dem Spiele.
In Gegenwartvon schönen Fraun,
Auch sonst noa lachen ihrer
So daß sie ihn als faden Gecken viele,
Besonders jene ewig Heitern,
Abfahren lassen oder necken,
Die unbewußt den Mund erweitern,
Und fühlt er drob geheimen Groll
Die, sozusagen, auserkoren
Und weiß nicht, was er sagen soll,
Zum Laden bis an beide Ohren.
Dann schwebt mit Recht auf seinen Zügen
Ein unaussprechlides Vergnügen.
Siefreuen sia mit Weib und Kind
Schon bloß, weil sie vorhanden
Und hat er Kursverlust erlitten, sind.
Ist er moralisch ausgeglitten,
Ich dahingegen, der ich sitze
So gibt es Leute, die doch immer
Auf der Betrachtung höchster Spitze,
Noch dümmer sind als er und schlimmer,
Weit über allem Was und Wie,
Und hat er etwa krumme Beine,
Ich bin für mich und lache nie.
So gibt's noch krummere aÌs seine.
Er tröstet sia und lacht darüber
Und denkt: Da bin ich mir doch lieber.
íe tíÍ)nacÏ)tdfeier bed Seemannå
Ruttel Babbelbu
ie Springburn f>atte fefigematf;t
ilm geterienfai.
Ruttel Labbelbu jumpte ait 2anb,
tuttf; ben greibafen unb bie (tilte t>eilige Watf;t
linb an b¢m ßollttäcf)ter vorbei.
€r (cf;toenite tínen !Bananenlact in ber .Qanb.
Damit tuollte er bem ßolímann ben Scfjäbel (patten.
¢nn er ed toagte, ibn an3ul>altett.
La flof)en ble 3tvei toteínanber mít brobenben Œeben.
Slber auf einmal trafen (itf; mieber beibe im $$nig von
Ocf)tveben.

Dobbelbud 18taut liebte ble Sättner Dom ©¢ere,


Denn (ie llammte oud 18at>ern.
linb jegt tear fie bei einer 216ertfrau in ber 2ef>re,
linb bei if>r tuollte Ruttel Labbelbu tí§nact)ten ¶eiern.

Smkõnig vonScf>toeben tear&uttel befannt alskrafel;1er.


Dedto¢gen 6egtiigte bet Sitt il>tt freunblitf;: ,,Hallo

old sailer!"
Dobbelbu liebte freie, f>er3tjafte Neben,
(ettf;
lDesteegen be(cfjentte er gleitf> ben Rönig von Scf;tveben.
t (cfjenfte if)m geigen unb (ect)d Stilti Rolibrí
tinb faßtt:,, a nimm, bu 21(†¢!"
habbelbu (agte nie ,,€ie".
€r I;atte aucf) angett imb eine Raffe
Œl>inefilcf>er Taffen fiit (eine 18taut mitge6tarf>t.
Joachim Ringelnatz
(1883 1934)
-

88
flber mm fanAen ble 03afic ,,Stdle Wad t, geitige Wad>t", Die Weil>nad>tsfer3en im pavillon an ber Mattentwiete
tinb be (dpenite er icbem Glaß eine Taffe erlo(cfjen.

11nb behielt für ble raut nur noch brei. Die alte îlbertfrau begab (icf) gur Bul).
fiber ate er fid) (pater mal barauf feßt¢, Draußen (lanb Dabbelbu
Gingen aud; biefe verfebent1í¢ noch ent3mei, linb futf)te für affe gälle nact) einem Groftf>en.

Obne baß (itf) Dobbelbu felber vertel)te. Da trat aud ber Tür (eine Braut
11nh tocinte faut:
tinb ein Sãb¢en nannte ibn Trunfenbolb atum er 10 ¶pät and þonolulu fãmtŸ
tinb (dyrie: er Babe (ie an bic Scine genecit. Ob er (icf) gar nicf)t mef>r (cf)äme?
Blber Labbelbu 3af;1te affed in englífdpen pfunb in Golb.
linb flappte ble Tür toieber gu.
linb bad äbd>cn (lecite if>m Ghriftbaumfonfelt
Sin ber Tür (tanb: ,,gür Damen".
6till in ble Tafdjen unb lad>elte holb
Linb goß nod) Gencuer 3u bem Giffa mit Stum in ben Seft. €¢ bômmette langfam. Die erften Sunben famen,
Labbelbu bad>t an bie martenbe raut. linb (folperten über ben (cf;1afenben Dobbelbu.
2tber es batte nid>t (ein gefollt,
Lenn nun fangen (ie mieber (o (djon unb (o laut.
linb hebbelbu f>atte bie an3en nod) nícf;t t>ergollt,
Desf>aíb 3af;1te er offed in engfilchen ††unb ín @olb.

Linb bad war alled wie Traum.


Tloglid; brannte ber Beif>nad>tebaum.
föglid; brannte bas Sofa unb bie Zapete,
Ram eine Sarmorplatte ge¶chwirrt,
Stannte ber große 6piegel gegen ben fleinen irt.
Linb bie See ginn f>och unb ber Einb mel)te.
I

Dabbelbu wanfte mit einer blutigen flafe


(91id>t mit (einer eigenen) I>inaud auf ble Straßt.
linb eine bóf>nild>e Stimme ()(nter if>m (dyrie:
,,6ie Dobbel €ie!"
ilnb linfs unb red>td (d)mittten bie Jtolibri.

90 91
läßt,
Was ihre Verdauung übélg
Entw eklungderMenschhe i t
Watte.
das verarbeiten sie zu
i

Sie spalten Atome. Sie


heilen Inzest.
cÏurch Stiluntersuchungen fest,
Und sie stellen
Bäumen gehockt
Einst haben die Kerls auf den daß Cäsar Plattfûße hatte.
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald
gelockt
So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
aufgestockt,
und die Welt asphaltiert und den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
30. Etage.
bis zur Doch davon mal abgesehen und
im Grund
bei Lichte betrachtet, sind sie
Da saßen sie nun den Flöhen entflohn noch immer die alten Affen.
Räumen.
in zentralgeheitten
Da sitzen sie nun am Telephon.
herrscht noch genau derselbe
Ton
Und es

wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.


Fühlung.
Sie sind mit dem Weltall in
atmen modern.
Sie putzen die Zähne. Sie

Die Erde ist ein gebildeter Stern


mit sehr viel Wasserspülang.

Briefschaften durch ein Rohr.


Sie schießen die
Sie jagen und züchten
Mikroben.
Natur mit allem Komfort.
Sie versehn die
Sie fliegen steil in den
Himmel empor

und bleiben zwei Wochen oben.


93

92
DAS IDEAL

Ja, das möchste:

Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,


vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn -

aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer, -nein, doch lieber zehn!


Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve -

Kurt Tucholsky (und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -,

O 890 1935)
-
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

94 95
Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste, Ja, das möchste!

acht Autos, Motorrad -alles lenkste


natürlich selber -das wär ja gelacht! Aber, wie das so ist hienieden:
Und zwischendurchgehst du auf Hochwildjagd. manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Ja, und das hab ich ganz vergessen: Immer fehlt dir irgendein Stück.
Prima Küche -erstes Essen _ Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
alte Weine aus schönem Pokal hast du die Frau, dann fehln dir Moneten -

und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal. hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion. bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.
Und noch ne Million und noch ne Million.
'

Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit. Etwas ist immer.


Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.
Tröste dich

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.


Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daßeineralleshat:
das ist selten.
Sachliche Romanze

Jahre kannten
Als sie einander acht
kannten sië gut),
(und man darf sagen: sie
abhanden.
kam ihre Liebe plötzlich
oder Hut.
Wie andern Leuten ein Stock

traurig, betrugen sich heiter,


Sie waren
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
weiter.
.

und sahen sich an und wußten nicht

Da weinte sie s&ließlich. Und er stand dabei.

Schiffen winken.
Vom Fenster aus konnte man
Viertel nach vier
Er sagte, es wiire schon
zu trinken.
-

und Zeit, irgendwo Kaffee


Nebenan übte ein Mensch
Klavier.

Café am Ort
Sie gingen ins kleinste
Erich Küstner Tassen.
und rührten in ihren
(1899-1974) noch dort.
Am Abend saßen sie immer
sprachen kein Wort
Sie saßen allein, und sie
-

und konnten es einfach


niët fassen.
WELTENDE
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hui,
"
In allen Lüften hat1t es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten - liest man - steigt die
Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen


An Land, um dicke Dämme zu zerdrûc'ken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
'
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis


(1887 1942)
-

100 ici
KINDERKREUZZUG

In Polen, im Jahr Neununddreißig,


War eine blutige Schlacht,

Die hatte viel Städte und Dörfer


Zu einer Wildnis gemacht.

Die Schwester verlor den Bruder,


Die Frau den Mann im Heer;
Zwischen Feuer und Trümmerstätte

Fand das Kind die Eltern nidat mehr.

Aus Polen ist nidats mehr gekommen,

Nicht Brief noch Zeitungsbericht.


Doch in den östlichen Ländern

Läuft eine seltsame Gesdaicht'.

Schnee fiel, als man sich's erzählte

In einer östlichen Stadt

Von einem Kinderkreuzzug,


Bertolt Brecht Der in Polen begonnen hat.
(1898 -
1956)
Da trippelten Kinder hungernd
In Trüpplein hinab die Chausseen

Und nahmen mit sich andere, die

In zerschossenen Dörfern stehn.

102 103
Und da war ein Hund,
Sie wollten entrinnen den Schlachten,
Gefangen zum Schlachten,
Dem ganzen Nachtmahr,
Mitgenommen als Esser,
Und eines Tages kommen
Weil sie's nicht übers Herz brachten.
In ein Land, wo Frieden war.

Da war eine Schule


Da war ihr kleiner Führer,
Und ein kleiner Lehrer für Kalligraphie.
Das hat sie aufgericht'.
Und ein Schüler an einer zerschossenen
Er hatte eine große Sorge:
Tankwand
Den Weg, den wußt er nicht.
Lernte schreiben bis zu Frie...

Eine Elfjährige schleppte


Da war auch eine Liebe.
Ein Kind von vier Jahr,
Sie war zwölf, er war fünfzehn Jahr.
Hatte alles für eine Mutter,
In einem zerschossenen Hofe
Nur nicht ein Land, wo Frieden war.
Kämmte sie ihm sein Haar.

Ein kleiner Jude marschierte im Trupp,


Die Liebe konnte nicht bestehen,
Mit einem samtenen Kragen,
Es kam zu große Kã1t':
Der war das weißeste Brot gewohnt
Wie sollen die Bäumchen blühen,
Und hat sich gut geschlagen.
Wenn so viel Schnee drauf fällt?

Und ging ein dünner Grauer mit,


Da war auch ein Begräbnis
Hielt sich abseits in der Landschaft.
Eines Jungen mit samtenem Kragen,
Er trug an einer schrecklichen Schuld:
Der wurde von zwei Deutschen
Er kam aus der Nazigesandtschaft.
Und zwei Polen zu Grab getragen.

105
104
Protestant, Katholik und Nazi war da, Er sagte ihnen: Nach Bilgoray!

Ihn der Erde einzuhändigen. Muß stark gefiebert haben

Und zum Saluß sprad ein kleiner Kommunist Und starb ihnen weg am achten Tag.

Von der Zukunft der Lebendigen. Sie haben auch ihn begraben.

So gab es Glaube und Hoffnung, Und da gab es ja Wegweiser,

Nur nicht Fleisch und Brot. Wenn auch vom Sanee verweht,

Und keiner sdelt sie mir, wenn sie was Nur zeigten sie nicht mehr die Richtung an,

stahl'n, Sondern waren umgedreht.

Der ihnen nicht Obdach bot.


Das war nicht etwa ein schlechter Spaß,

Und keiner schelt mir den armen Mann, Sondern aus militärisden Gründen.

Der sie nicht zu Tisde lud: Und als sie suchten nach Bilgoray,

Für ein halbes Hundert, da braucht es Konnten sie es nicht finden.

Meht, niët Opfermut.


Sie standen um ihren Führer.

Sie zogen vornehmliënach Süden. Der sah in die Sånceluft hinein

Süden ist, wo die Sonn' Und deutete mit der kleinen Hand

Mittags um zwölf steht Und sagte: es muß dort sein.

Gradaus davon.
Einmal, nachts, sahen sie ein Feuer,

Sie fanden zwar einen Soldaten Da gingen sie nicht hin.

Verwundet im Tannengries. Einmal rollten drei Tanks vorbei,

Sie pflegten ihn sieben Tage, Da waren Menschen drin.

Damit er den Weg ihnen wies.

106
Und er scheint mir durch den Dämmer
Einmal kamen sie an eine Stadt,
Bald schon gar nicht mehr derselbe:
Da machten sie einen Bogen.
Andere Gesichtlein seh ich:
Bis sie daran vorüber waren,
Spanische, französische, gelbe!
Sind sie nur nachts weitergezogen.

In Polen, in jenem Januar,


Wo einst das südöstliche Polen war,
Wurde ein Hund gefangen,
Bei starkem Schneewehn,
Der hatte um seinen mageren Hals
Hat man die fünfundfünfzig
Eine Tafel aus Pappe hangen.
Zuletzt gesehen.

Darauf stand: Bitte um Hilfe!


Wenn ich die Augen schließe,
Wir wissen den Weg nicht mehr.
Seh ich sie wandern
Wir sind fünfundfünfzig,
Von einem zerschossenen Bauerngehöft
Der Hund führt euch her.
Zu einem zerschossenen andern.

Wenn ihr nicht kommen könnt,


Ober ihnen, in den Wolken oben
.

Jagt ihn weg.


Seh ich andre Züge, neue, große!
Schießt nicht auf ihn
Mühsam wandernd gegen kalte Winde,
Nur er weiß den Fleck.
Heimatlose, Richtungslose,

Die Schrift war eine Kinderhand.


Suchend nach dem Land mit Frieden,
Bauern haben sie gelesen.
Ohne Donner, ohne Feuer,
Seitdem sind eineinhalb Jahre um.
Nicht wie das, aus dem sie kamen.
Der Hund ist verhungert gewesen.
Und der Zug wird ungehecer.
FAHRLÄSSIG UMGEBRACHT

Ich liege wo am Wegrand übermattet -

Und über mir die finstere kalte Nacht -

Und zähl schon zu den Toten längst bestattet.

Wo soll ich auch noch hin - von Grauen überschattet -

Die ich vom Monde euch mit Liedern still bedacht


Und weite Himmel blauvertausendfacht.

. Die heilige Liebe, die ihr blind zertratet,


Ist Gottes Ebenbild....!
Fahrlässig umgebracht.

ElseLasker-Schüler
(1876- 1945)

111
10
TODESFUGE
ScHWARZE Mildi der Frühe wir trinken sie abends
nachts
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie
wir trinken und trinken
ein Grab in denLüften de liegt man nidit eng
wir schaufeln
Schlangen der
Ein Mann wohnt im Haus der spíelt mit den
schreibt

der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein gol-


denes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die


Sterne er pleift seine Rüden herbei
sdiaufeln ein Grab in der
er pfeift seine Juden hervor läßt
Erde
Tanz
er befiehlt uns spielt auf nun zum

Sd1warze Milch der Frühe wir trinken didt nadits


wir trinken didi
wir trinken didt morgens und mittags
abends
wir trinken und trinken
Sdilangen der
.
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den
sdireibt
Paul Celan
der schreibt werm es dunkelt nada Deutsdriand dein gol-
(1920 1970)
-

denes Haar Margarete


sdiaufeln ein Grab in den
Dein asdienes Haar Sulamith wir
Lüften da liegt man nidit eng

einen ihr andern singet


Er ruft stedtt tiefer ins Erdreidi ihr
und spielt
schwingts seine Augen er hetzt seine Rüden auf uns er sdienkt uns ein Grab in
greift nada dem Eisen im Gurt er
er der Luft
sind blau
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod
ist ein
einen ihr andern spielt weiter
stedit tiefer die Spaten ihr Deutschland
zum Tanz auf Meister aus

dein goldenes Haar Margarete


Sdtwarze Milch der Frühe wir trinken didi nachts
wir trinken dich dein asdienes Haar Sulamith
wir trinken didi mittags und morgens
abends

wir trinken und trinken


goldenes Haar Margarete
ein Mann wohnt im Haus dein
spielt mit den Schlangen
dein aschenes Haar Sulamith er

Tod ist ein Meister aus


Er ruft spielt süßer den Tod der
Deutschland
steigt ihr als
er ruft streidit dunkler die Geigen dann
Rauch in die Luft

dannhabtihr einGrabindenWolkendaliegtman nidateng

Sd1warze Mildt der Prühe wir trinken dich nachts


wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister
aus
Deutschland

wir trinken didt abends und morgens wir trinken und


trinken
Auge ist blau
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein
er trifft didi mit bleierner Kugel er trifft dich genau
Margarete
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar

115
I14
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
AN DIE NACH GEBORENEN
Ich dem Hungerndenentreiße, was ich esse, und

Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?

Und doch esse und trinke ich.


Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn


ich wäre gerne auch weise.
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Hat die furchtbare Nachricht
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Nur noch nicht empfangen.
Ohne Furcht verbringen.
Was sind das für Zeiten, wo Auch ohne Gewalt auskommen,
ist,
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen Böses mit Gutem vergelten,
Weil ein Schweigen über so viele Untaten einschliefšt! vergessen '
es
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern
Der dort ruhig über die Straße geht,
Gilt für weise.
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde,
Alles das kann ich nicht:
Die in Not sind?
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

ich verdiene noch meinen


Unterhalt.
Es ist wahr:

Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts In die Städte kath ich zur Zeit der Unordnung,
mich
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, Als da Hunger herrschte.
sattzuessen. Unter die Menschen kam ich zur Zeit des Aufruhrs,
ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt,
Zufällig bin Und ich empörte mich mit ihnen.
Bin ich verloren.) So verging meine Zeit,
du hast!
Man sa t mir: Iß und trink du! Sei froh, daß
Die auf Erden mir gegeben war.

I 17
116
Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten.
3
Schlafen legte ich mich unter die Mörder.
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut.
Der Liebe pflegte ich achtlos,
wir untergebrangen sind,
In der
Geduld.
Und die Natur sah ich ohne
Gedenkt,
So verging meine Zeit,
Schwächen sprecht,
Wenn ihr von unseren
Die auf Erden mir gegeben war.
Auch der finsteren Zeit,
Zeit.
seid. Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner
Der ihr entronnen
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.
öfter als die Schuhe die Länder
Cingen wir doch,
Ich vermochte nur wenig. Aber die
Herrschenden
der Klassen, verzweifelt,
wechselnd, Durch die Kriege Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
..

nur Unrecht war und keine Emporung.


Wenn da So verging meine Zeit,

Die auf Erden mir gegeben war.


Dabei wissen wir doch:

Auch der Haft gegen die


Niedrigkeit Die Kräfte waren gering. Das Ziel

Verzerrt die Züge. Lag in großer Ferne.


Unrecht deutlich sichtbar, wenn auch fûr mich
Auch der Zorn über das Es war

Macht die Stimme heiser. Ach, wir, Kaum zu erreichen.

Die wir den B_oden bereiten wollten für Freundlichkeit, So verging meine Zeit,

Die auf Erden mir gegeben war.


Konnten selber nicht freundlich sein'
Ihr aber, wenn es soweit sein wird,
Menschen ein Heller ist,
Daß der Mensch dem

Cedenkt unsrer
Mit Nachsicht.
119

118
Was es ist

'
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was ist
es

sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist niâts als Schmer
sagt die Angst
/
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
c.
** Es ist was es ist

..w#' - sagt die Liebe

Erich Fried Es ist lächerlich -


sagt der Stold - V'
(1921 1989)
-

Es ist leiditsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

121
120