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Antifa

Eine große Anzahl von Linken hat sich in den Projektgruppe (Hg.)
letzten Jahren in antifaschistischen Gruppen or-
ganisiert. Viele, vor allem auch jüngere Leute,
reagieren damit auf einen immer aggresiver und
offener auftretenden Neofaschismus in der
(neuen) Bundesrepublik und arbeiten der staat-
licherseits betriebenen Verharmlosung rechts-
extremer Terrorbanden entgegen. Es ist nicht
Antifa
Diskussionen und Tips aus der
zuletzt dem direkten praktischen Engagement
antifaschistischen Praxis
autonomer Antifa-Gruppen zu verdanken, daß
Neo-Nazis ihrem mörderischen Handwerk auf
der Straße nicht unbehelligt nachgehen kön-
nen. Denn nicht erst seit dem Rostocker Po-
grom bestehen erhebliche Zweifel an der ›de-
mokratischen‹ Gesinnung staatlicher Behörden
und der Polizei.
Die Herausgeber dieses Buches haben in den
letzten Monaten Gespräche mit verschiedenen
antifaschistischen Gruppen aus dem gesamten Projektgruppe (Hg.)
Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland
geführt. Die Gruppen wurden nach ihrer Entste-
hungsgeschichte, ihrer aktuellen politischen Ar-
beit, ihren politischen Einschätzungen und Zie-
len befragt. Die Antworten vermitteln einen leb-
ISBN: 3-89408-016-7

Edition ID-Archiv
haften und repräsentativen Querschnitt von
dem derzeit wohl aktivsten Teil der linken »Sze-
Edition ID-Archiv

ne«.
Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 1

Antifa

Edition ID-Archiv
Berlin – Amsterdam
Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 2

Projektgruppe (Hg.)

Antifa
Diskussionen und Tips aus der
antifaschistischen Praxis

Edition ID-Archiv
Berlin – Amsterdam
Inhalt

Vorwort 7

Interviews:
Als die Skin-Bewegung noch in den Anfängen war 15
(»Alt«-)Antifas Hamburg
Frauen sind nicht weniger rassistisch … 33
Fantifa Kassel
Antifaschismus auf antiimperialistischer Grundlage 49
Antifa (M), Göttingen
Sich abzuschotten, nützt nichts 67
Antifa Guben
Wir brauchen eine verbindliche Struktur 87
Antifa Bonn/Rhein-Sieg
Was hast du denn mit 14 im Kopf gehabt? 105
Edelweißpiraten Berlin
Auch im Alltag gegen Rassismus kämpfen 117
Eine Hamburger Fantifa-Gruppe
Der nationalistischen Stimmung entgegenstellen 127
Antifa Halle
Historisch unbelastet 143
Gespräch mit Schweizer AntifaschistInnen
Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 6

Vorwort

Eine große Anzahl von Linken hat sich in den letzten Jahren
in antifaschistischen Gruppen organisiert. Viele, vor allem
auch jüngere, Menschen reagieren damit auf einen immer
aggressiver und offener auftretenden Neofaschismus in der
(neuen) Bundesrepublik und arbeiten der staatlicherseits be-
triebenen Verharmlosung nazistischer Gruppen entgegen.
Es ist nicht zuletzt dem direkten praktischen Engagement
autonomer Antifa-Gruppen zu verdanken, daß Neonazis
ihrem mörderischen Handwerk nicht unbehelligt nachge-
hen können. Denn nicht erst seit dem Rostocker Pogrom
bestehen erhebliche Zweifel an der »demokratischen« Ge-
sinnung staatlicher Behörden und der Polizei.
Als Herausgeber dieses Buches haben wir im Herbst 1993
Gespräche mit verschiedenen antifaschistischen Gruppen
aus der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich ge-
führt. Sie wurden nach ihrer Enstehungsgeschichte, ihrer
aktuellen politischen Arbeit, ihren politischen Einschätzun-
gen und Zielen befragt. Die von den Gruppen autorisierten
Interviews vermitteln einen lebhaften und repräsentativen
Querschnitt von dem derzeit wohl aktivsten Teil der auto-
nomen Linken. Die Gespräche mit AntifaschistInnen aus
Bern, Zürich, St. Gallen, Winterthur und Wien wurden mit
aufgenommen, weil wir wissen wollten, wie Linke mit ähnli-
chen Problemen im benachbarten Ausland damit umgehen.
Freilich hätten wir auch antifaschistische Gruppen aus Po-
len oder Frankreich besuchen können. Diesen Gedanken
mußten wir aber verwerfen, da es zum jetzigen Zeitpunkt
unsere materiellen und personellen Kräfte überfordert hät-
te.
Die Auswahl der bundesdeutschen Gruppen erfolgte nach
der Maßgabe, den verschiedenen in der autonomen Antifa
existierenden Strömungen und Ansätzen einigermaßen ge-

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 8

recht zu werden. Neben den übergreifend ideologischen, risiert die ihnen Mißliebigen. An anderen Orten konnte sie
sollten die Besonderheiten, die sich aus Unterschieden der nach zum Teil sehr heftigen Auseinandersetzungen in die
sozialen Zusammensetzung nach Alter, Geschlecht und Re- Schranken gewiesen werden. Die Arbeit ostdeutscher Anti-
gion möglicherweise ergeben, exemplarisch repräsentiert fa-Gruppen ist im Westen kaum bekannt. In den Ge-
sein. Die von uns befragten Gruppen sind nun nicht als die sprächen wurde deutlich, daß von den westdeutschen Grup-
»Speerspitze der Bewegung« mißzuverstehen. Selbstredend pen weiterhin wenig Kontakte zu ostdeutschen Antifas exi-
hätten wir andere Gruppen aus der ehemaligen DDR, Fanti- stieren.
fa-Gruppen aus anderen Orten, »Alt«-Antifas oder »Ju- Die Erfahrungen ost- wie westdeutscher Antifa-Gruppen
gendfrontler« aus anderen westdeutschen Städten usw. be- zeigen sehr deutlich, daß es offensichtlich Situationen gibt,
fragen können. Wir hoffen, daß sich ein Großteil der auto- in denen man sich die Mittel des Widerstandes nicht frei
nomen Antifa-Gruppen in der einen oder anderen geäußer- aussuchen kann. Von Ort und Zeitpunkt verschieden, haben
ten Position wiederfindet; dem Umfang jedes Buchprojektes sich Antifa-Strukturen zumeist als Reaktion auf fortwähren-
sind einfach auch quantitativ Grenzen gesetzt. de Naziangriffe gebildet. In Westdeutschland kam es ab An-
fang der 80er Jahre in allen möglichen Regionen zu direkten
Durch die Wahl der Interviewform sind in diesem Buch
Auseinandersetzungen zwischen Linken und der neuen Ge-
auch aktive Antifas vertreten, die ansonsten keine umfang-
neration der Nazis. Trauten sich die Altfaschisten in der
reichere Textproduktion betreiben. Die aufgezeichnete
Bundesrepublik bis dahin zumindest nicht allzu öffentlich an
mündliche Kommunikation schien uns das beste Mittel, da-
Linke und MigrantInnen heran, versuchten die Neonazis
mit über einen subjektiven Zugang möglichst viele der Be-
nun auch direkt in den großstädtischen Hochburgen der lin-
teiligten zu Wort kommen, also nicht von vornherein be-
ken bzw. alternativen Szene und in den Vierteln mit hohem
stimmte Personen und Gruppen ausgeschlossen sind.
MigrantInnen-Anteil Fuß zu fassen. Ähnlich war es in der
Schon vor dem Zusammenbruch der DDR bildeten sich
Schweiz, als Nazis neben den MigrantInnen auch immer
dort gegen die immer aggressiver auftretenden Nazis antifa-
wieder die einst dort sehr starke 80er-Bewegung angriffen;
schistische Strukturen heraus. Nicht erst seit 1989 mischten
in Österreich war eines der faschistischen Angriffsziele die
sich Linke da ein, wo es den offiziellen »Antifaschismus«
autonomen Demonstrationen zum Wiener Opernball.
schlichtweg nur auf dem Papier gab. Schließlich kam es wie-
Der gewalttätig vorgehenden Neofaschisten konnte sich al-
derholt im Verlauf der 80er Jahre zu Schändungen jüdischer
lerorten nur selbstorganisiert und militant erwehrt werden.
Friedhöfe und zu rassistischen Angriffen vor allem auf aus
In Jugendklubs, bei Konzerten, in Kneipen, auf der Straße
anderen »sozialistischen« Staaten kommende »Vertragsar-
oder an den Schulen stehen gerade Jugendliche oftmals vor
beiter«. In den Interviews schildern Gruppen aus der ehe-
der Frage, Neofaschisten das Feld zu überlassen oder sich,
maligen DDR die Schwierigkeiten, die sie speziell in den er-
mit allen Konsequenzen, dagegen zusammenzuschließen.
sten beiden Jahren nach dem Anschluß mit dem aufkom-
Diese existentiell überlebensnotwendigen Auseinanderset-
menden Neofaschismus hatten. Die »West-Linke« verhielt
zungen finden, von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert,
sich weitgehend passiv, während neofaschistische Reiseka-
an allen (un)möglichen Orten in der gesamten Republik
der in den letzten Winkeln der DDR auftauchten. In etli-
statt.
chen Städten der ehemaligen DDR gewann die Neonazi-
Nazis tauchen aber nicht aus dem Nichts auf. Die staatli-
Szene mit der völkischen Welle, die den Anschluß der DDR
cherseits betriebene Verschiebung der Gesellschaft nach
begleitete, unter den Jugendlichen die Oberhand und terro-
rechts findet auf gesellschaftlicher Ebene ihre Entspre-

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 10

chung. Die Toleranzschwelle staatlicher Behörden gegen- wüstesten Schlägerführer vor den Augen seiner »Kamera-
über nazistischer Gewalt ist hierzulande traditionell sehr den« herauszugreifen, um deren Mannes- und Überlegen-
hoch. Bevor Neonazis Häuser anzünden und Menschen ver- heitskult zu brechen. Nur wer sich nüchtern darauf einstellt,
brennen, hat sich in der Regel schon alltäglich einiges weni- die verschiedenen Sprachen auch zu sprechen, kann damit
ger »Sensationelles« ereignet, ohne daß dagegen energisch rechnen, von schlagenden Nazis ernst genommen zu werden
eingeschritten worden wäre. Und selbst wenn es richtig zu und Einfluß auf ihr Verhalten ausüben zu können. Das ist
sein scheint, Justizbehörden und Polizei weiterhin an ihre nicht schön, läßt sich aber bei einem überwiegend brutal
»demokratische« Verfaßtheit zu erinnern, hilft das wenig vorgehenden Gegner nicht ändern.
gegen ein blaues Auge oder einen antisemitischen »Witz«. Die Frage nach einem sinnvollen militanten Auftreten zieht
Selbst bei weitaus drastischeren Vorkommnissen muß häu- sich durch alle Gespräche der von uns befragten Gruppen.
fig erst ein öffentlicher Druck entfacht werden, damit die Viele kritisieren hierbei die einseitige Fixierung mancher
Behörden gegen die neonazistischen Täter überhaupt straf- Antifas auf unreflektierte, oftmals machistische Aktionen.
rechtliche Ermittlungen einleiten. Ältere autonome Antifas sehen im Vergleich zu den 80er
Aus den unmittelbaren und aufgezwungenen Konfrontatio- Jahren ein Schwinden der politischen Qualität und einen
nen mit Neonazis haben sich in der alten Bundesrepublik in Rückfall hinter bereits geführte Diskussionen um Militanz.
den 80er Jahren dauerhafte Strukturen der Abwehr, die au- In den Gesprächen wird auch deutlich, daß militantes Vor-
tonome Antifa, herausgebildet. Relativ früh wurde entgegen gehen für die meisten Antifa-Gruppen nur ein Bestandteil
den offiziellen Verlautbarungen klar, daß hinter den plötz- ihrer Politik ist. Viele Gruppen organisieren politische und
lich auftauchenden Nazischlägern straff organisierte Kader kulturelle Veranstaltungen, erstellen Broschüren und Zeit-
neofaschistischer Organisationen standen (und stehen). schriften, machen Jugendarbeit, arbeiten noch in anderen
Zwangsläufig mußten die Organisationsstrukturen der Neo- linken Projekten oder haben theoretische Schwerpunktset-
nazis aufgedeckt werden, um sie bekämpfen zu können. In zungen. Allgemein hat sich eine Akzeptanz verschiedener
der autonomen Antifa hat sich durchgesetzt, zwischen fa- Arbeits- und Ausdrucksformen durchgesetzt – allerdings un-
schistischen »Führern« und Mitläufern einer mittlerweile ter dem voraussetzenden Anspruch, je nach den persönli-
entstandenen Nazi-Szene zu differenzieren und, sofern es chen Möglichkeiten gegen Neonazis auch praktisch im öf-
die Situation zuläßt, mit unterschiedlichen Mitteln gegen sie fentlichen Raum zu intervenieren.
vorzugehen. Gewalt wird von den meisten organisierten An- Wie eine solche Praxis aussieht, ist von Fall zu Fall verschie-
tifas als letztes und abschreckendes Mittel befürwortet. den. In letzter Zeit bemühen sich einige Antifa-Gruppen um
Nach Möglichkeit wird es dosiert gegen die Drahtzieher des eine bessere öffentliche Darstellung ihrer Politik. Die regio-
braunen Netzes eingesetzt, um diese von ihrem Rekrutie- nalen Medien werden nun immer öfter mit Material zu den
rungsfeld zu isolieren und so weitere Gewalttaten zu verhin- örtlichen Neonazi-Szenen versorgt, da erkannt wurde, daß
dern. Der Einsatz von Gewalt ist in der Regel zielgerichtet ein guter Artikel manchmal mehr politischen Druck ausü-
und soll auch für den faschistischen Gegner einschätzbar ben kann als eine klandestine Aktion.
bleiben. Er dient der Abschreckung und soll den Neofaschi- Im Gegensatz zur übrigen autonomen Szene hat die autono-
sten deutlich machen, daß es auch für ihre persönliche Exi- me Antifa in den letzten Jahren gerade einen enormen Zu-
stenz von Vorteil ist, sich zu mäßigen. Die praktischen Aus- lauf von Jüngeren erfahren. In den Gesprächen machen An-
einandersetzungen haben gezeigt, daß Nazigruppen sehr au- tifas neben den allgemeinen politischen Konjunkturen die
toritär verfaßt sind und es oftmals ausgereicht hat, sich den älteren Autonomen dafür selbst verantwortlich. Sie hätten

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 12

den Umschlag vom klapprigen Altfaschismus zu einem ag- Dieser Interviewtermin sollte der letzte auf unserer Reise-
gressiven Neonazismus in der Bundesrepublik nicht erkannt route sein. Ein paar Tage bevor wir es führen wollten, ver-
und die davon Bedrohten allein gelassen. Subjektivistische haftete der Staatsschutz fünf Leute aus dem Umfeld der kur-
revolutionäre Flausen, kombiniert mit einer alternativen Be- disch-türkischen Antifa-Gruppe. Der Staatsschutz wirft ih-
liebigkeit, hätten vielleicht für einen gemütlichen Kneipen- nen eine Beteiligung an der Ermordung des Führungsfunk-
abend gereicht, aber, die antirassistischen autonomen Grup- tionärs Gerhard Kaindl von der faschistischen »Deutschen
pen ausgenommen, mit antifaschistischer Praxis wenig zu Liga für Volk und Heimat« vor. Kaindl war im April 1992
tun. Auch hätte die autonome Bewegung sich nicht mit von einer vermummten Person in einer Berliner Gaststätte
ihren Niederlagen auseinandergesetzt, geschweige denn erstochen worden. Insgesamt stellte der Staatsschutz in die-
Formen gefunden, wie sie die gemachten Erfahrungen an sem Zusammenhang 18 Haftbefehle gegen überwiegend
jüngere Leute hätte vermitteln können. Durch die Organi- kurdische und türkische Linke aus. Der Vorwurf lautet auf
sierung in autonomen Antifa-Gruppen seien eine größere Verabredung zum Mord, wobei bis zur Niederschrift dieser
Verbindlichkeit und die konkrete Arbeit wenigstens an ei- Zeilen noch keine Erkenntnisse vorlagen, worauf sich diese
nem zentralen Punkt im Kontext linksradikaler Politik ge- Behauptung stützen will. Antifascist Genclik war bei den
währleistet worden. Behörden seit längerem äußerst unbeliebt, weil diese Grup-
Mag man der allgemeinen Kritik an den desolaten Struktu- pe gute Kontakte zur bundesdeutschen Linken unterhielt
ren autonomer Politik vielleicht zustimmen, so ist doch und versuchte, die vom Rassismus bedrohten türkischen Ju-
fraglich, inwiefern die Antifa davon weniger betroffen sein gendlichen in der Antifa zu organisieren.
soll. Momentan gibt es zwei Hauptströmungen, die perspek-
tivisch verschiedene Organisationsmodelle vertreten. Die
einen versuchen über die Antifaschistische Aktion/Bundes-
weite Organisierung (AA/BO) eine überregionale, hand-
lungsfähige Organisation zu schaffen. Die KritikerInnen
dieses Modells, und das ist nicht gerade die Minderheit un-
ter den Antifas, befürchten einen zentralistischen, hierarchi-
schen und autoritären Wasserkopf, der die verschiedenen
Antifa-Gruppen nur auf eine ideologische Linie bringen
will. Die Kritik entzündet sich insbesondere an einer der
treibenden Kräfte in der AA/BO, der Antifa (M) aus Göttin-
gen. Sie propagiert einen »Antifaschismus auf antiimperiali-
stischer Grundlage«, den andere Antifa-Gruppen als eine
Neuauflage der Philosophie des Klassenkampfes auf partei-
kommunistischer Grundlage betrachten und deswegen ab-
lehnen. Wie auch immer dieser ideologische Richtungsstreit
ausgeht, in diesem Band kommen Antifa-Gruppen mit un-
terschiedlichen inhaltlichen Ansätzen zu Wort.
Nicht mehr zustande kam das vorgesehene Gespräch mit ei-
ner Nachfolgegruppe von Antifascist Genclik aus Berlin.

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 14

Als die Skin-Bewegung noch in den


Anfängen war
Gespräch mit Hamburger Antifas

Neben Städten wie Nürnberg, Westberlin und Frank-


furt/M. hat sich auch in Hamburg bereits sehr früh ein kon-
tinuierlich tätiger autonomer Antifa-Zusammenhang her-
ausgebildet. Die Hamburger Antifa entstand aus den Aus-
einandersetzungen mit Neonazis Anfang der 80er Jahre in
der Stadt. Die »Alt«-Antifas schildern in dem Gespräch die
Entstehung und Entwicklung norddeutscher Antifa-Struk-
turen, inhaltliche Brüche, die es gab, und äußern ihre Skep-
sis, mit der sie die Antifa in den 90er Jahren betrachten.

Könnt ihr vielleicht eingangs die Situation in Hamburg Anfang


der 80er Jahre schildern, die zur Herausbildung von Antifa-
Gruppen führte?
Achim: Es gab da ein ehemaliges Kino, in dem sich regel-
mäßig Typen von der »Savage Army« getroffen haben. Die
»Savage Army« war eine Gruppe ohne großen politischen
Hintergrund, die aber rechts einzuordnen war. Die haben
zusammen mit den »Löwen«, einem damaligen rechten
Fußballfanclub des HSV, Leute verprügelt, als schlagender
Anhang der ANS1. Anfangs waren die aber schwer einzuord-
nen gewesen.
Benno: Rechte wie Linke kannten sich damals alle und hat-
ten in Hamburg einen gemeinsamen Punk-Hintergrund.
Und die Diskussion entfachte sich dann erst an der Punk-
Musik, daran, welche Bands nun rechts und welche links wa-
ren. Aus der Punk-Szene heraus entstand auch die »Savage
Army«, aus der sich dann später viele Hamburger Faschisten
rekrutierten. Die »Savage Army« war eine der ersten me-
dienwirksamen Schlägertruppen in der BRD. Anfangs hat-

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 16

ten die noch Kontakte ins links anpolitisierte Punk-Spek- sehr bedeutsam. Ein Fotograf hatte Fotos von der Auseinan-
trum. Erst im Laufe der Jahre hat sich das polarisiert und dersetzung zwischen DemonstrantInnen und den Bullen ge-
eindeutig auseinanderentwickelt. Führende Hamburger Fa- macht und auch veröffentlicht. Aufgrund dieser Bilder gab
scho-Schläger, Figuren wie Wacker, Grashoff oder Burk- es dann den ersten bedeutsamen Versuch, Leute von uns zu
hardt, kamen alle mal aus der Punk-Szene.2 kriminalisieren. Auf den Fotos konnten einzelne genau er-
kannt werden. Zudem kam dieser Fotograf aus KB-Zusam-
War das eine Hamburger Besonderheit, daß zunächst alle einfach menhängen, und daran entwickelte sich auch ein Konflikt
Punks waren und sich dann bald in Nazi-Punks und linke Punks zwischen der autonomen Antifa und dem KB.
teilten und aufeinander losgegangen sind?
Der Fotograf hatte die Fotos einfach weiterverkauft?
Benno: Mehr aufeinander eingedroschen haben.
Achim: Nein, die sind damals in der Zeitung des KB, dem
Achim: Das war zu dem Zeitpunkt, als die Skin-Bewegung AK, veröffentlicht worden. Diese Veröffentlichung zeigte
noch in den Anfängen war. Wacker ist später der führende deutlich, wie wenig die mit diesen militanten Auseinander-
Skin hier gewesen. Und da gab es viele, die sich an den Skins setzungen zu tun hatten. Da sie selber eher legalistische Po-
orientierten und die schon sehr früh rechts waren. Das war litik betrieben, haben sie die Kriminalisierungsgefahr für an-
aber zunächst eher ’ne Clique als ein fester ideologischer dere eben überhaupt nicht in Erwägung gezogen.
Zusammenschluß. Der KB ist letztendlich aus dem Antifaschistischen Bündnis
In der Auseinandersetzung mit dieser rechten Szene hat sich ausgeschieden. Das hatte vor allem damit zu tun, daß sie die-
das »Antifaschistische Bündnis« herausgebildet. Das war sen »Verhandlungs«-Antifaschismus immer weiter betrie-
Anfang der 80er ein sehr breites Bündnis. Es setzte sich zu- ben: also Material sammeln, eine Broschüre machen, einen
sammen aus Mitgliedern vom damals in Hamburg sehr star- Nazi outen und hoffen, daß der Staat dann schon was ma-
ken Kommunistischen Bund (KB), dem DKP- und dem chen wird. Unsere Überlegungen beim Kampf gegen Nazis
Volksfront-Spektrum, aus autonomen Gruppen und diver- gingen eher dahin, nicht so sehr auf die bürgerliche Öffent-
sen anderen Organisationen. Später, als das Bündnis seine lichkeit oder den Staat zu vertrauen. Aus den Kontroversen
Tätigkeit ausweitete, kamen noch weitere dazu. Das war, als um die Aktion in Fallingbostel hat sich dann ein überregio-
wir versuchten, den Bundesparteitag der NPD in Fallingbo- naler Antifa-Zusammenhang entwickelt.
stel zu verhindern. Dieses norddeutsche Antifa-Plenum bestand überwiegend
Christine: Fallingbostel ist ein Kaff in der Heide, und die aus autonomen Gruppen. Es gab so einen Minimalkonsens,
Aktion dort bedeutete für den norddeutschen Raum das Co- eine von traditionellen Gruppen wie der VVN und dem KB
mingout der autonomen Antifa. Obwohl auch Gruppen aus unabhängige Antifa-Politik entwickeln zu wollen.
dem traditionellen Spektrum wie die VVN hinmobilisierten, Und was gehörte noch zu dem Minimalkonsens?
bestimmte die autonome Antifa eindeutig das Bild und
konnte ihre militanten Formen durchsetzen, als es zu Aus- Achim: Militanz.
einandersetzungen um die Erstürmung der Halle kam. Christine: Auf jeden Fall konkret eingreifen. Das was die
autonome Antifa lange bestimmt hat, war eben, gegen ir-
Ist die Halle gestürmt worden?
gendwelche Faschistentreffen direkt vorzugehen oder ge-
Achim: Nein, sie ist nicht gestürmt worden, das haben die fährdete Orte wie Jugendzentren gegen Fascho-Angriffe zu
Bullen verhindert. Aber etwas anderes wurde im nachhinein verteidigen.

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 18

Gleichzeitig sollte das mehr sein als nur ein Anti-Nazi- Bedrohung der Hafenstraße dazu, daß es auch zu einer Ein-
Kampf, also ein ewiges Den-Nazis-Hinterherlaufen. Wir bindung von Leuten kam, die damit eigentlich wenig zu tun
richteten uns auch gegen den Staat, und von daher war es hatten, vor allem von Punks, die so mehr aus der Häuser-
widersinnig, an den Staat irgendwelche Appelle zu richten, kampfszene waren. Also, bei mir war das auch so, es gab halt
Nazi-Organisationen zu verbieten, wie das die VVN tat. diese Konfrontation mit den Rechten, man hing halt auch
Achim: Unterschiedliche Vorstellungen gab es bei uns vor im Viertel um den Hafen rum, und da mußten wir uns dazu
allem um die Frage, inwieweit eine Bündnispolitik mit refor- verhalten.
mistischen Kräften aus der Linken sinnvoll ist. In der Folgezeit ist man dazu übergegangen, in den jeweili-
gen Stadtteilen sich zu organisieren und die Faschisten und
Aber zunächst hat sich in Hamburg das, was sich später Antifa- ihre Treffpunkte dort anzugreifen. Es gab ja Kneipen, von
schistisches Bündnis nannte, aus einer sehr unmittelbaren Ausein- denen man wußte, daß sie als Nazi-Treffpunkte fungierten.
andersetzung, dem sehr offenen Auftreten von Neonazis auch in Und da sind dann eben Antifas rein, mit Haßkappen und
den sogenannten Szene-Stadtteilen, entwickelt? Keulen usw. ...
Benno: Ja, die waren sehr offensiv. Haben die Faschisten in den frühen 8Oer Jahren vorwiegend
Achim: Einmal ist Wacker angetrunken in die Kneipe »On- Jagd auf Linke gemacht, sind sie nicht von Anfang an auch auf
kel Otto« in die Hafenstraße gekommen und hat sich da Menschen losgegangen, die sie für Ausländer hielten?
dreist hingesetzt. Zu diesem Zeitpunkt war allen bereits klar, Achim: 1985 ist Ramazan Avczi am Landwehrbahnhof im
daß das ein rechter Skinhead ist. Der kam ursprünglich aus Osten Hamburgs ermordet worden. Er ist dort an einer be-
der Wiking-Jugend und hat hier versucht, systematisch zu kannten Faschistenkneipe vorbeigegangen und von Nazis
agitieren. Wacker ist ins »Onkel Otto« gekommen und hat angefallen worden. Er war noch mit zwei anderen Leuten
offensichtlich nicht einmal damit gerechnet, daß er da uner- unterwegs, die entkommen konnten. Die Nazis haben Avczi
wünscht sein könnte. erst niedergeschlagen und sind dann noch mit dem Auto
Benno: Genau, das ging dann so weit, daß er erst eine Keu- über ihn drübergefahren. Das war das erste Mal, an das ich
le auf den Kopf bekam und so einen mittleren Schädelbasis- mich erinnern kann, daß die Nazis für alle unübersehbar mit
bruch hatte. Und am darauffolgenden Wochenende spielte dieser Brutalität gegen MigrantInnen vorgegangen sind.
der HSV gegen die Dortmunder Borussia. Da ging das los
Gab es in der Folge eine nennenswerte Zusammenarbeit zwischen
mit diesem »Am-Wochenende-ist-Fußball-und-da-greifen-
der (deutschen) Linken und verschiedenen Migranten-Gruppen
wir-die-Hafenstraße-an«. Da schrien die Rechten dann
hier in der Stadt? Wie haben denn die MigrantInnen in Ham-
»Rache für Wacker«. Damals gab es die »Borussen-Front«
burg auf die Angriffe der Faschisten reagiert?
unter der Führung von Siegfried Borchardt3 noch, die ka-
men dann alle, und auch andere Fußballfanclubs solidari- Benno: Es gab ziemlich starke Jugendgangs von Einwande-
sierten sich mit den Nazis und mobilisierten zum Sturm auf rern in vielen Stadtteilen. Eine nannte sich die »Champs«
die Hafenstraße. Die waren dann auch etwa 300 Leute, nur und hat sich wohl auch aus der Notwendigkeit zur Selbstver-
haben die Bullen die dann an den Landungsbrücken abge- teidigung gegründet. Die waren ziemlich stark, in Bergedorf
fangen. gab es die »Red Bombers« ... Anläßlich der Ermordung von
Das ist auch so ein Punkt, den man relativ rasch vergißt: der Avczi gab es eine Demonstration von etwa 15 000 Men-
Hafen als das ewige Angriffsziel. Unter Linken führte die schen. Punktuell gab es einzelne, mit denen man was ma-

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 20

chen konnte. Die Jugendgangs haben sich mit den Glatzen Was für Erklärungen hattet ihr, warum ausgerechnet Anfang
richtig gebeult, sind aber ganz schnell von den Bullen ausge- der 80er Jahre so ein Erstarken der neonazistischen Szene festzu-
hebelt und kriminalisiert worden. Zum Teil lief das über stellen war?
diese Drogenschiene und dann aber eben auch über den
§ 129. Die Bombers in Bergedorf sind tierisch schnell platt- Benno: Also, ein ganz einfaches Erklärungsmodell war, die
gemacht worden. Nachdem sie sich ein paarmal so richtig Faschos als den illegalen Arm des rassistischen und kapitali-
massive Schlägereien mit Rechten geliefert hatten, mit so di- stischen Staates zu verstehen. Das war ja auch die Zeit, als
rekten Ansagen wie »wir machen Bergedorf Skinhead-frei«, der KB seine große und von vielen Linken aufgegriffene
ist da ganz schnell der Staatsschutz gekommen und hat de- Staatsfaschismus-Diskussion4 geführt hat. Aber von einer
nen wahnsinnig eins reingewürgt. Und das lief auch unter einheitlichen Einschätzung der verschiedenen Gruppen
einer ziemlichen Ignoranz der linken Öffentlichkeit, von ei- kann eigentlich kaum gesprochen werden.
ner solidarischen Zusammenarbeit kann da keine Rede sein.
Achim: Allgemein ist in der Analyse der gesellschaftlichen
Christine: Es fehlten aber auch einfach die Kontakte unter- Situation aber davon ausgegangen worden, daß sich eine
einander, und so gab es in dem Sinne keine klare Zusam- starke personelle und strukturelle faschistische Kontinuität
menarbeit. durch die Geschichte der BRD zieht. Von daher unterblieb
eine genauere Einschätzung, warum die Nazis in den 80er
Benno: Es gab nur eine gewisse Sympathie. Jahren nun aktiver wurden. Das erstaunte nicht weiter.
Unsere Antifa-Arbeit orientierte sich eher daran, z.B. syste-
Achim: Es gab schon Versuche, sie anzusprechen, obwohl matisch Informationen über Nazis zusammenzutragen, um
die Gangs für uns politisch schwer einzuschätzen waren. überhaupt herauszukriegen, wie sie sich organisieren und an
Punktuell gab es Kontakte und eine Zusammenarbeit. Bei welchen Punkten man sie am besten treffen kann. Es gab
mehreren Angriffen auf die Hafenstraße waren sie präsent natürlich Gruppen, die stärker inhaltlich arbeiteten und
und haben den Hafen mit verteidigt. Versuche, eine ge- über den Faschismusbegriff und eine revolutionäre Perspek-
meinsame kontinuierlichere Praxis zu entwickeln, haben tive diskutierten, und andere, die ihren Anti-Nazi-Kampf
sich aber als sehr schwierig herausgestellt. Die Gangs waren eher sehr praktisch begriffen und nicht viel diskutierten.
eher hierarchisch organisiert, wir mußten halt den Chef an-
sprechen, und der hat dann gesagt »so machen wir das« und Benno: Auf der praktischen Ebene hat das auch ganz gut ge-
hat das dann nach unten weitergegeben. klappt. Für die Faschisten ist das zu einem relativen Problem
Die intensivste Zusammenarbeit hatten wir mit den geworden. Wenn die sich hier auf dem Kiez blicken ließen,
»Champs«. Aber leider haben Teile der »Champs« dann haben die wirklich damit rechnen müssen, auf die Fresse zu
versucht, hier in St. Pauli in die Zuhälterei reinzukommen, bekommen. Die konnten sich nur verdeckt bewegen und ha-
und haben ihre Gang-Struktur dazu benutzt. ben es auch nie geschafft, den Hafen zu knacken. Und wenn
Wir haben die Zusammenarbeit mit den »Champs« dann sie mal jemanden erwischt haben, dann konnten sie davon
schnell eingestellt. Einerseits standen die Gruppen unter ausgehen, es umgehend zurückzubekommen. Die Faschi-
starkem Druck vom Staatsschutz und waren nicht mehr so sten sind ausgespäht worden und konnten sich auch privat
einfach zu kontaktieren, andererseits haben sie Interessen nicht sicher fühlen. Es gab Hausbesuche ... Diese 35 Vorfäl-
entwickelt, die mit unseren Vorstellungen nicht zu vereinba- le in der Anklageschrift hat der Staatsschutz später ja nicht
ren waren. erfinden müssen.

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 22

Anklageschrift? An dieser Stelle des Gespräches folgte eine längere Passage über die
5 Stellung und die Politik des Antifaschistischen Bündnisses zu an-
Benno: Ja, das war nach dieser Aktion gegen Worch der
deren Gruppen in der Stadt. Nach einer Reihe von internen Aus-
Versuch vom Staatsschutz, eine Antifa-Gruppe als terroristi-
einandersetzungen, deren politischer Gehalt aber während des In-
sche Vereinigung dingfest zu machen.
terviews nicht zu klären war, löste sich das Antifaschistische
Achim: Das war ein Einschnitt in Hamburg. Der Staatsap- Bündnis Ende der 80er Jahre auf. Dem Bündnis, der »Combo«,
parat ist zum ersten Mal richtig massiv gegen AntifaschistIn- wurde von anderen Linken vorgeworfen, sehr instrumentell und
nen vorgegangen. autoritär ihre Sachen durchzuziehen. Während sich neue Antifa-
Zusammenhänge in der Stadt herausbildeten, isolierte sich das
Was ist denn dem Worch damals widerfahren?
Bündnis und wurde praktisch arbeitsunfähig.
Benno: So viel war gar nicht passiert.
Achim: Wenn wir die persönlichen Gründe, die intern zur
Achim: Der Presse war zu entnehmen, daß ein Kommando Spaltung beigetragen haben, einmal weglassen, dann glaube
in die Wohnung der Worchs eingedrungen war und dort di- ich, daß sich im wesentlichen ein Widerspruch herausgebil-
verse Akten enteignete. Körperlich war denen weiter nichts det hatte, an dem Ansatz, der so Mitte der 80er Jahre in Ber-
geschehen. lin mit dieser Antifa-Jugendfront entwickelt wurde, ein
Christine: Das Ehepaar Worch ist festgesetzt worden. Konzept, das so eher eine Massenarbeit beinhaltete und das
von Teilen der Autonomen in Hamburg übernommen wur-
Wie festgesetzt worden? de. Beim Bündnis gab es aber die Tendenz, Gruppen zu ver-
Christine: In der Erklärung des Antifa-Kommandos stand, kleinern und die Arbeit zu intensivieren, auch die theoreti-
man sei in die Wohnung reingegangen, habe die Worchs sche. Die Diskussionen waren nicht mehr so angelegt, daß
überwältigt und gefesselt, um gezielt dort die Unterlagen neue Leute sich daran hätten beteiligen können, und wir wa-
mitzunehmen, die Aufschluß über die faschistische Organi- ren nicht mehr in der Lage, zwischen verschiedenen Erfah-
sierung lieferten. rungen zu vermitteln.
Parallel zu unserer Spaltung und Isolation hatten sich mit
Das war sozusagen eine Recherche-Aktion? der Jugendfront, der Antifaschistischen Koordination, der
Achim: Sozusagen. Sieht so aus. Antifa-Hamburg neue Zusammenhänge entwickelt, die im
Prinzip die Arbeit machten, die einst das Bündnis leistete.
Christine: Ja, das Ziel war eben, an Informationen über die Das antifaschistische Bündnis löste sich dann endgültig auf,
faschistische Organisationsstruktur heranzukommen. Das als die GenossInnen, die wegen der Worch-Geschichte in
ist eben nicht immer ganz einfach. U-Haft saßen, wieder rauskamen.
Benno: Sofern ich mich richtig erinnere, tauchte das Mate-
Benno: Das war halt schon so in anderen Gruppen, also, ich
rial dann aber nie auf und konnte, wie es von dem Komman-
war auch in einer anderen Gruppe, daß es hieß, da kommt
do angekündigt worden war, nie in die Antifa-Arbeit ein-
jemand aus dem Bündnis, das ist eine persona non grata
fließen.
(ohne Stellung und ohne Würde), die mißtrauisch beäugt
Christine: Ich würde davon ausgehen, daß die »Recher- werden mußte. Bei Leuten aus dem Bündnis wurde immer
cheure« sich sehr wohl überlegt haben, was sie mit dem ge- sofort eine üble Taktik vermutet, bei der man irgendwie
wonnenen Material anfangen konnten. über den Tisch gezogen werden sollte. Man darf auch die

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Kraft der linken Gerüchteküche nicht vergessen, und nach nicht mehr geführt. Mit der Zeit hat sich eine Struktur her-
dem Prozeß, den merkwürdigen Erklärungen und dem be- ausgebildet, zu fünft oder sechst Aktionen durchzuziehen,
absichtigten Hungerstreik hielt sich das recht lange. die halt keiner gerne macht, die aber gemacht werden müs-
Zum Bündnis muß man schon sagen: Das war eine Gruppe, sen. Mit der Zeit gerätst du in so eine beschissene Dienstlei-
die gesagt hat, da geht es lang. Eine nach außen hin ge- stungsstruktur und stehst da als der harte Hauer, der du gar
schlossene Gruppe, die gegenüber den anderen so aufgetre- nicht bist, vielleicht mit ein paar Jährchen mehr Erfahrung,
ten ist wie: Ihr habt kein Recht, diese Politik zu machen, ihr mehr aber auch nicht. In Wirklichkeit ist aber so eine Grup-
müßt das so machen, oder ihr seid einfach Idioten. Diese pe auch Ausdruck einer Schwäche dieser ganzen autonomen
Struktur war ja nicht unbedingt ein Sieg antifaschistischer und antifaschistischen Linken. Bei diesen 100-Personen-
Organisationsleistung und hat dazu geführt, daß viele nicht Demos läuft das darauf hinaus, daß die 15 »Härtesten« halt
nur inhaltlich, sondern auch persönlich mit denen enorme stehen bleiben, und der Rest kann dann irgendwie sehen,
Probleme hatten. Diese ganzen sich daraus ergebenden Ver- wie er klarkommt. Zu einer inhaltlichen Auseinanderset-
haltensweisen, die Gerüchte und Unterstellungen sind ja zung, einer Hinterfragung der eigenen Rolle als Vorausset-
auch heute noch ein Ausdruck viel allgemeinerer Organisa- zung für eine verantwortliche Handlungsweise, kommt es in
tionsprobleme. der Regel weder vorher noch hinterher.
Achim: Die Frage nach einer sinnvollen Organisierung ist Kannst du die politischen Vorstellungen, die du mit dem Mili-
aber bis heute ungelöst. Die offenere Form von Antifa-Ar- tanzbegriff verbindest, genauer umreißen?
beit, die sich bundesweit durchgesetzt hat, ist auch verant-
wortlich dafür, daß die Antifa-Politik inhaltsloser geworden Benno: Militanz gibt es einmal als ganz einfache Anti-Nazi-
ist, die inhaltlichen Auseinandersetzungen auf einem flache- Politik, also drauf und gut. Und dann gibt es Militanz als
ren Niveau stattfinden, als das etwa Mitte der 80er der Fall Ausdruck einer grundsätzlichen Opposition gegenüber dem
war. kapitalistischen Staat, die in Relation zu anderen Aktionsfor-
men oder Kampfformen steht, die eben mehr beinhalten als
Woran machst du das fest? die »Knüppel auf den Kopf«-Politik. Ansonsten wirst du im
Grunde wie dein Gegner, fängst an abzustumpfen und hin-
Achim: Innerhalb der norddeutschen Antifa und auch im
terfragst nicht mehr die Bedeutung deines Handelns.
Bündnis gab es beispielsweise eine intensive Diskussion um
Es gab so eine Tendenz in den 80er Jahren, daß ganz viele
patriarchale Strukturen und das Mackergebaren6 besonders
von uns angefangen haben, Kampfsport zu machen. Das war
in linken Zusammenhängen. Wenn ich sehe, wie sich die
auch durchaus sinnvoll, nur der interessante Effekt war, daß
Jungs heute auf Antifa-Demos wieder aufführen, dann ist
der weitaus größere Teil dann aus dem antifaschistischen
von diesen Diskussionen wenig übriggeblieben.
Kampf ausgestiegen ist. Und das hängt mit diesem Fixieren
Benno: Das, was wir unter Militanz verstanden, gibt es so auf die körperliche Auseinandersetzung zusammen; der
heute nicht mehr, nur noch ein Bedürfnis, militant sein zu Kampf wird nicht mehr konkret und kollektiv für etwas ge-
wollen. Es gibt die Auseinandersetzungen und Diskussionen führt, sondern du fängst eben wirklich selbst an, die Welt
nicht mehr, die zu so einer Militanz führen könnten, wie unter paramilitärischen Vorzeichen zu betrachten. Du
man inhaltlich zu Aktionsformen findet, die militant sind trachtest danach, deine sonderbaren Fähigkeiten immer
und auch »Schwächere« mit ihren jeweiligen Fähigkeiten weiter zu perfektionieren, wirst immer »stärker«, und am
einbinden können, solche Diskussionen werden erst gar Ende machst du nichts mehr, weil in deiner Vorstellung

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dein Gegner ständig mitwächst, übermächtig ist. Das glei- die Bilder für das Fernsehen, für das beliebte Links-rechts-
che praktizieren die Faschisten ja seit 20 Jahren. Pro forma Schema geliefert. Entweder du bist durch die Qualität des
beziehen die einen Großteil ihrer Identität aus Wehrsportü- Vorgehens in der Lage, diese Bilder inhaltlich und symbo-
bungen. Und eigentlich sind die auf der paramilitärischen lisch aufzulösen, oder du mußt dich fragen, was die ganze
Ebene den Linken haushoch überlegen, und trotzdem krie- Aktion, der ganze Aufwand denn soll.
gen die auf der Ebene kein Bein auf den Boden. Die kriegen Oder diese Geschichte in Halstenbek. Diese Demo war auch
doch alle irgendwie eine Paranoia und dämonisieren den als Unterstützung für die AntifaschistInnen vor Ort gedacht.
Gegner. So eine Wehrsportübung ist oftmals eine Endlos- Da liefen 1 500 GroßstadtkämpferInnen mit Haßkappen
schleife, immer ist man noch nicht gut genug, alles wird un- durch ein Kuhdorf, keine Bullen weit und breit, dafür drei
ter militärischen Aspekten gedacht, und am Ende ist alles Kühe links und Wasser rechts. Und was denkt man, was das
Idiotismus. Und genau diese Tendenz ist derzeit auch wie- für eine Politikform sein soll? Einfach Quatsch.
der ganz massiv bei linken Gruppen zu beobachten.
Christine: Ja, sicher. Aber deine Art von Kritik ist mir ein-
Wie bewertet ihr, nach dem, was ihr an Antifa-Politk hier kriti- fach zu destruktiv. Du verlierst dabei die Zielvorstellungen
siert, den derzeitigen Versuch einiger Gruppen, eine bundesweite derjenigen, die so etwas machen, aus den Augen. Ich finde es
Organisation, die AA/B0, zu schaffen? nach wie vor wichtig, auch wenn mal was mißlingt, da diese
Antifa-Demos eine erstaunliche Mobilisierungskraft haben,
Achim: Ich kritisiere daran, daß sie versuchen, eine Organi- die sonst nicht so ohne weiteres existiert. Also müßte eher
sation von oben nach unten durchzuorganisieren. Da wird darüber nachgedacht werden, wie gerade die, die länger
ein Wasserkopf bundesweit installiert, in dem Glauben, das zurückreichende Erfahrungen haben, versuchen, damit um-
würde sich schon irgendwie nach unten durchsetzen und in- zugehen.
haltlich füllen. Das widerspricht eigentlich jeder linken und Die Stärke der AA/BO, der Antifa (M), besteht ja darin, daß
autonomen Praxis und Lebenserfahrung. Natürlich scheint sie diejenigen sind, die handlungsfähig sind, die sich Vor-
eine straff geführte Organisation erstmal Vorteile zu brin- stellungen machen, mit denen sich auch andere auseinan-
gen, aber die Nachteile sind bekannt. dersetzen können.
Benno: Diese Organisationsdebatte hat mit dem realen Le- Spielt denn bei euren Diskussionen und euren unterschiedlichen
ben und den Erfahrungen der einzelnen, mit denen ich zu Positionen, was die weitere Vorgehensweise anbetrifft, so ein Be-
tun habe, nichts zu tun. Sie kostet viel Zeit, und es kommt griff wie »antifaschistische Kultur« eine Rolle?
wenig bei raus.
Inhaltlich kann ich mit den Aktionsformen vieler Antifa- Achim: Ein Problem ist sicherlich, daß es keinen Organisie-
Gruppen wenig anfangen. Da gibt es eine Demo zu irgend- rungsansatz gibt, der einen Austausch herstellen könnte,
einem FAP-Dings oder wie in Halstenbek so ein symboli- zwischen denen, die in Politgruppen fest drinnen stecken,
sches Muskelspielen, was real überhaupt nicht eingehalten und denen, die anpolitisiert sind und z.B. ein entsprechendes
werden kann. Ich habe, wie viele andere auch, keine Lust, Konzert besuchen.
wie in Wunsiedel alljährlich den Nazis hinterherzueiern. Die Antifa-Jugendfront ist so ein Ansatz gewesen, aber auch
Was soll das für eine Qualität haben, was soll das für eine hier hat es sich als schwierig erwiesen, sie später in eine wei-
Gegenpräsenz sein, wenn 2 000 Antifas zusammen mit 2 000 tergehende politische Arbeit zu integrieren. Es sind doch re-
Bullen 2 000 Nazis hinterherziehen. Damit werden doch nur lativ wenige, die am Ball bleiben.

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Benno: Das ist aber ein Problem, welches die gesamte auto- Benno: Es ist ja auch so, daß es bei der autonomen Linken
nome Linke betrifft: eine deutlich zunehmende Unattrakti- nie ein Weitergeben von Erfahrungen gegeben hat. Um
vität. In den 80ern waren die Autonomen für viele attraktiv, reinzukommen, hat es immer gereicht, ein entsprechendes
weil es ein Modell zu sein schien, in der es ein Zusammen- Outfit zu haben, an den entsprechenden Orten rumzuhän-
gehen von einer unmittelbaren Lebensform und einem in- gen und halt irgendwie dabei zu sein. Das nervt seit Jahren,
haltlichen Anspruch, von Alltag und politischer Position ohne das eine Lösung gefunden wäre. Im Grunde gibt es
gab. Im Häuserkampf wurde potentiell der Raum für eine mittlerweile ein richtiges Generationenproblem, ein Riesen-
grundsätzliche Opposition aufgemacht, an denen alle mögli- gefälle an Auseinandersetzungen und Inhalten. Dazwischen
chen Leute leicht ’rankamen und auch in der Szene Erfah- liegen oftmals 10 bis 15 Jahre politische Erfahrung, ohne
rungen weitergegeben werden konnten. Es bedarf eben daß es einen öffentlichen Austausch gäbe.
mehr als einer im strengen Sinne politischen Arbeit, mehr Und dann steht man da und fragt sich: »Warum reden die
als Referate, Demos und Veranstaltungen organisieren. Es so, warum treten die so auf, müssen die alle Fehler wieder-
muß einen emanzipatorischen Ansatz von Leben geben, et- holen, die man selber gelernt hat zu vermeiden?« Und:
was, was sich hier und jetzt umsetzen läßt, etwas Attraktives, »Wieso sagt das denen denn keiner?« Das ist ein Schuh, den
was die Menschen agitiert, etwas, wo Politik und Alltagsan- sich alle anziehen müssen.
sprüche zusammengeführt werden. Es ist offensichtlich, daß GenossInnen, die Kritik an der autonomen Linken oder der
das im Laufe der 80er immer schlechter hingehauen hat und Antifa-Politik haben, haben sich seit Jahren eher still und
als Modell in den Köpfen nicht mehr vorhanden ist. leise rausgezogen oder sich eben so am Rande, an der Seite
der Szene positioniert und arbeiten nur noch mit denen zu-
Bedeutet das, daß Jüngere vor zehn Jahren im Kontext einer all- sammen, die auf dem gleichen Level sind. Das gilt für sehr
gemeinen linken Szene anpolitisiert wurden und dann zu autono- viele, und für mich selbst gilt das auch. Ich habe mit den Au-
men oder Antifa-Gruppen kamen und sie heute direkt von den tonomen nichts zu tun, außer mit denen, die ich persönlich
Gruppen anpolitisiert werden müßten und daß darin ein Haupt- kenne und einschätzen kann.
problem liegt? Irgendwann wird dir das einfach zu blöd, irgendeine Diskus-
Achim: Ende der 70er, Anfang der 80er war es so, daß sehr sion anzuleiern, dann wackeln alle mit dem Kopf, finden das
viele versuchten, sich Freiräume zu erkämpfen, erst in der wichtig, und das nächste Mal ist gleich nur noch die Hälfte
Jugendzentrumsbewegung, später im Häuserkampf. Denen da, und so geht das weiter. Die Diskussionsbereitschaft ist
ging es darum, kleinere utopische Vorstellungen eines bes- auch unter autonomen Linken nicht so groß und schon gar
seren Lebens konkret umzusetzen. Das war vom Anspruch nicht die Fähigkeit, sich selbst einmal zur Disposition zu
her viel offensiver, als wenn sie sich heute in einer Antifa-Ju- stellen. Es gibt gewisse Verhaltensweisen, die werden sich
gendfront zusammenschließen, da sie in der Regel direkt angeeignet, der Rest wird ausgesessen. All diese Billigkritik
von der faschistischen Repression betroffen sind. Die sind in in den Flugzetteln, »Scheiß-Staat«, »Scheiß-Bullen«, über-
der Regel schon damit konfrontiert, daß sie aus einer defen- all Nazis und alles Kacke, und fünf Jahre später machen sie
siven Situation heraus agieren müssen. Oft ist es dann auch dann ihr Hausprojekt, haben halt Kinder und abonnieren
so gewesen, daß Jüngere, die in Vororten oder irgendwel- »Psychologie heute« plus »Ökotest«.
chen Käffern unter Druck standen und sich organisierten, in
die sogenannte, Szene-Viertel nach Berlin oder Hamburg Christine: Der zieht aber hier vom Leder, da kommt man
zogen und dann im Szene-Sumpf verschwanden. überhaupt nicht mehr mit.

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Achim: Ich glaube aber schon, daß es möglich ist, diese Ent- Achim: Der Schwerpunkt hat sich bei den meisten verla-
wicklung umzudrehen. Natürlich fällt es auf und macht gert, hin zu antirassistischer Politik. Es wurde stärker ver-
traurig, wie viele GenossInnen sich gerade in letzter Zeit sucht, mit MigratInnen-Gruppen zusammenzuarbeiten, ge-
stillschweigend verabschieden. Mich nervt das auch, aber ich gen die Abschaffung des Asylrechts agitiert und versucht,
habe keine Lust, mich dauernd mit Typen rumzuschlagen, Kontakte in Flüchtlingsunterkünfte zu bekommen. Die
die frustriert sind und alles niederreden. Wenn ich selber als wurden gegen Angriffe vor Ort geschützt, und gleichzeitig
älterer autonomer Linker irgendwo aufkreuze und höre da wurde versucht, mit Flüchtlingen zu kommunizieren, um,
einen alten resignierten Laberkopf, da habe ich auch keine soweit vorhanden, eine Selbstorganisierung zu unterstützen.
Lust drauf, und auf Jüngere wirkt das bestimmt noch weni-
ger motivierend. Dabei gibt es eine ganze Menge Jüngere, Benno: Obwohl das auch unabhängig von der Antifa lief.
die Elan haben und zu gewinnen wären. Bei der Flüchtlingsarbeit taten sich dann schnell verschiede-
ne Probleme auf. Neben dem Sprachproblem waren wir vor
allem mit den sehr verschiedenen Interessen der Flüchtlinge
Wir würden jetzt ganz gern das Gespräch an dieser Stelle unter- konfrontiert. Da gab es welche, Aussiedler aus Polen oder
brechen, um noch auf einen anderen Kontext zu sprechen zu kom- Rußland, die sich auf Teufel komm raus als Deutsche ver-
men. Und zwar würde uns interessieren in welcher Weise sich, das standen und mit den »Zigeunern« oder den »Negern« und
was sich seit 1989 hier verändert hat, auf eure Politik ausgewirkt Menschen aus dem Trikont nichts zu tun haben wollten.
hat? Wo Menschen waren, die als Politische geflüchtet waren,
konnten wir gemeinsame Feste und Diskussionen organisie-
Christine: Also, ich könnte eure Frage auch umdrehen und ren. Aber die ständige Fluktuation in den Heimen und die
fragen, was hinter dieser Frage steckt. Schikanen der Behörden erschweren zudem die Entfaltung
Mit dem Anschluß der DDR und dem Zusammenbruch der einer kontinuierlichen Arbeit. Zu einzelnen Flüchtlingsun-
Sowjetunion sind wir mit einer weltweit veränderten Situati- terkünften wurde über sehr lange Zeiträume hinweg gear-
on konfrontiert, mit einem völlig veränderten Kräfteverhält- beitet. Ein weiteres Problem bestand darin, weder in eine
nis und einem neuen Großdeutschland. Und bei der Ausein- reine Sozialarbeiterrolle zu rutschen, noch aus den sehr he-
andersetzung mit der ehemaligen DDR muß man hier schon terogen zusammengesetzten Flüchtlingen irgendein »revo-
darauf achten, nicht in ein bestimmtes Schema zu fallen, die lutionäres Subjekt« der weltweit Marginalisierten zu kon-
reaktionären Totalitarismusthesen sind ja mittlerweile wie- struieren.
der hochaktuell, diese Gleichsetzung von Kommunismus
und Faschismus. Das muß ich mitbedenken, wenn ich mich Noch eine ganz andere Frage: Habt ihr Kontakt zu Antifa-Grup-
mit diesem Kontext beschäftige. Und ich finde es schon pen aus der ehemaligen DDR?
schwierig, wenn ich vorher keine Kontakte in die DDR hat-
te, daß ich jetzt sofort welche haben soll, das finde ich Achim: Hhm, ja seit kurzem.
zwanghaft. Sicherlich ist das in Berlin was anderes, wo die
Szenen unmittelbar miteinander konfrontiert sind. Aber Warum erst seit kurzem, die DDR ist ja schon länger angeschlos-
geographisch bin ich davon in Hamburg weiter weg, und die sen?
DDR hat eine andere Geschichte und war ein anderer Staat. Achim: Das ist so weit weg.
Und auch wenn man die gleiche Sprache spricht, ist mir das
erstmal fremd und eben weniger zugänglich. So weit weg?

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auch darum, daß gerade auch Frauen und Lesben Opfer von und ich hatte, außer persönlich, keinen Kontakt zur autono-
faschistischen Umtrieben sind. Aus diesen Diskussionen hat men Szene. Also, für mich gab es den Konflikt mit »ge-
sich die Fantifa in Kassel dann entwickelt. mischten« Gruppen schon gar nicht, weil ich einfach in kei-
ner vorher drin war.
Ulla: Also, ich kam zum Beispiel nicht direkt aus Antifa-Zu-
sammenhängen dazu. Ich war zuvor in einer »gemischten« Bettina: Aber was für Frauen, die vorher schon autonome
Gruppe, die zu den politischen Gefangenen gearbeitet hat. Antifa-Arbeit gemacht haben, bestimmt eine Rolle gespielt
Die Arbeit in dieser Gruppe ist auch persönlich sehr gut ge- hat, war diese langjährige Erfahrung, daß frauenspezifische
laufen, aber es war natürlich schon ein sehr eingrenzendes Themen in »gemischten« Gruppen immer nur einen gewis-
Thema. Und als ich dann angesprochen wurde, bei der Fan- sen Raum einnehmen konnten. Das wird dann irgendwann
tifa mitzumachen, fand ich das total gut. Der persönliche nervig, wenn das allein durch die Zusammensetzung schon
Draht spielt bei so Entscheidungen natürlich immer eine immer feststeht.
große Rolle, und Antifa-Arbeit im Zusammenhang mit einer Ulla: Vielleicht ist jetzt noch wichtig zu sagen, daß wir aber
Frauengruppe leuchtete mir ein. nach wie vor verschiedene Sachen mit »gemischten« Antifa-
Bettina: Bei mir war es so, daß ich die ganzen Jahre vorher Gruppen zusammen machen. Also, wir ziehen jetzt nicht
schon Antifa-Arbeit gemacht habe, seit der Schulzeit schon, einfach nur unser eigenes Ding durch ...
und auch die ganze Zeit schon parallel dazu Frauenarbeit. Also, ihr nehmt getrennt von »gemischten« Antifa-Gruppen eine
Für mich waren das die zwei Bereiche, die mir immer schon eigenständige Positionsbildung vor, tauscht euch aber schon wei-
am wichtigsten waren, die aber normalerweise von getrenn- terhin mit denen aus und entscheidet bei Aktionen von Fall zu
ten Szenen bearbeitet werden. Ich habe immer nach einer Fall, mit wem ihr wann und wie was zusammen machen wollt, ist
Organisierung gesucht, bei der sich das verknüpfen läßt, und das so einigermaßen richtig interpretiert?
deswegen kam das für mich mit der Fantifa auch keineswegs
zufällig. Anette: Es ist schon so, daß einige von uns auch noch zu-
sätzlich in »gemischten« Gruppen mitmachen. Also, ein be-
Welche »Frauenarbeit« meinst du? ständiger Kontakt und Austausch ist schon da.
Bettina: Damit meine ich Politik in Gruppen der autono- Ulla: Kassel ist ja auch schon ’ne ziemlich kleine Stadt. Und
men Frauenbewegung, also zum Paragraphen 218 oder zur die Szene ist insgesamt auch ziemlich klein, und da kennen
Gen- und Reprotechnik, aber auch in »sozialen Bereichen« sich halt viele. Und das macht natürlich eine Trennung sehr
wie den Frauenhäusern, das ganze autonome Spektrum halt schwer.
der Aktivitäten in den 80er Jahren. Bettina: Das macht es nicht nur schwer, sondern erleichtert
auch einiges. Von unserer politischen Position her würde
Gab es irgendwelche gravierende Vorfälle, die euch veranlaßt ha-
ich das schon eher so definieren, daß wir uns halt als ein Teil
ben, euch nicht, oder nicht mehr direkt, über »gemischte« Antifa-
von zwei Szenen empfinden, also einerseits zur Frauen- und
Strukuren zu organisieren?
Lesbenszene gehören und andererseits Bestandteil der »ge-
Miriam: Also, es gab wirklich eine Vielfalt von Entwick- mischten« Antifa-Szene sind. Wir gehen auch zu den allge-
lungsgründen, und jetzt darauf rumzureiten, was unterschei- meinen Antifa-Plenen, allein schon weil Antifa für die Frau-
det uns von den »gemischten« Gruppen, fände ich verkürzt. en- und Lesbenszene hier ein Nebenthema ist. Von unserem
Ich habe zum Beispiel früher im Frauenhaus mitgemacht, Selbstverständnis gehören wir in beide Strukturen rein.

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In Kassel existieren also mehrere Antifa-Gruppen? Ulla: Den Reader haben wir gemacht, nachdem wir bei Ver-
anstaltungen gemerkt haben, daß ein großes Interesse be-
Bettina: Ja.
steht, aber es gar nicht so viel Arbeit ist, sich diese Texte zu-
Seid ihr denn hier in der Stadt mit offen auftretenden Neonazis sammenzusuchen.
unmittelbar konfrontiert? Und wie ist die Situation im Umland?
Anette: Also, im Umland mehr als in der Stadt selbst. Die Bettina: Inhaltlich ging es uns darum, daß wir gemerkt hat-
Neonazis ziehen nicht in Horden durch die Stadt. Aber ver- ten, daß die populären Erklärungsmuster für den Neofa-
einzelt treten Glatzen auf. So wurde neulich ein Punk tags- schismus sich überhaupt nicht auf Mädchen und Frauen an-
über von zwei Glatzen mit einer Eisenstange bedroht. In wenden lassen. Es gibt ja so ein weitverbreitetes Schema, mit
letzter Zeit tauchen auch vermehrt rechte Flugblätter und dem behauptet wird, daß es durch eine fortschreitende Mo-
FAP-Aufkleber auf. dernisierung und Individualisierung in der Gesellschaft zu
einer zunehmenden Orientierungslosigkeit und Verunsiche-
Ulla: Faschisten, die im Hintergrund arbeiten, gibt’s hier rung bei vielen Menschen käme, die als Gegenreaktion zu
auch, beispielsweise das Thule-Seminar. einem aggressiven und rassistischen Gewaltweg führt. Ob
Bettina: Ja, die haben ihren Sitz hier. Das Thule-Seminar dieser Ansatz überhaupt etwas erklärt, sei mal dahingestellt.
ist eine der Ideologiefabriken der Neuen Rechten. Auch die Für Frauen erklärt er gar nichts, weil sonst müßten, was Per-
Gesellschaft für freie Publizistik (GfP) oder andere solcher spektivlosigkeit, schlechtere Arbeitsmarktsituation usw. an-
Vereine (wie die DKEG) machen schon öfter hier Veran- geht, gerade die Frauen jetzt reihenweise loslegen und die
staltungen. Aber oft ist das so, daß wir das erst hinterher Menschen zusammenschlagen und abmurksen. Das ist aber
mitkriegen, und offen faschistisch auftretende Gangs sind nicht so. Der Prozentsatz von Frauen, die sich an neonazisti-
hier nicht an der Tagesordnung. schen Angriffen beteiligt haben, liegt bislang bei etwa vier
Prozent. So sind zumindestens die offiziellen Zahlen in den
Wenn ihr das erst hinterher mitkriegt, heißt das, so was wie Re- Straftatstatistiken des Verfassungsschutzberichts.
cherche-Arbeit wird hier nicht gemacht? Wir haben daraus aber jetzt nicht den Schluß gezogen, wie
Anette: Doch. einige andere, daß Frauen weniger rassistisch und faschi-
stisch seien, von wegen Frauen seien von Natur aus irgend-
Bettina: Einige wenige machen das schon, also, wenn es An- wie netter und friedfertiger oder so. Statt dessen haben wir
haltspunkte gibt, wird natürlich recherchiert. Von unserer uns gefragt, ob es für Frauen andere Motivationen gibt, fa-
Gruppe aus haben wir aber in letzter Zeit darauf wenig Zeit schistisch draufzukommen, und ob es für Frauen nicht auch
verwendet. andere Formen gibt, rechtsextreme Einstellungen auszu-
agieren, als für Männer. Die Arbeiten von Birgit Rommel-
Und worauf habt ihr mehr Zeit verwendet, was waren eure Ar-
spacher haben uns da ziemlich weitergeholfen. Also, wir ge-
beitsschwerpunkte?
hen halt schon davon aus, daß viele Frauen für ihren Rassis-
Anette: Wir haben uns ziemlich intensiv mit dem Thema mus andere Ausdrucksformen wählen, was es nicht besser als
Mädchen/Frauen und Rechtsextremismus beschäftigt. Wir bei Männern macht. Freilich müssen wir etwas über das hin-
haben dazu zwei Jahre lang diskutiert und Material gesam- ausschauen, was von männlicher Seite normalerweise als Po-
melt und dann einen Reader mit den brauchbaren Texten, litik definiert wird. Also zu gucken, wo sind die Räume, die
die wir gefunden haben, veröffentlicht. in der Gesellschaft üblicherweise den Frauen zugewiesen

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werden, und wie drückt sich da eine rassistische Einstellung organisiert worden, wir hatten vor dieser Demo auch schon
aus. Und natürlich, für uns spielt es eine Rolle, wie wir dage- zu Gruppen »ausländischer« Frauen in der Stadt Kontakt.
gen arbeiten können. Also, bei solchen Sachen oder wenn es Anschläge gibt, wie in
Solingen oder Mölln, läuft das immer so in einer Art Bünd-
Anette: Also, ein praktischer Ansatz war dann, mit Mädchen
nis.
an einer Schule zu diskutieren. Während einer Woche ge-
gen AusländerInnenfeindlichkeit haben wir in einer Arbeits- Habt ihr euch auswärts in diesem Zusammenhang in letzter Zeit
gruppe darüber geredet, wie das neofaschistische Frauenbild an was beteiligt?
halt so ausschaut.
Bettina: Nein, wir haben, wenn was anstand, das hier ge-
Miriam: Ja, das war aber nur ein kleiner Teil. Es ging auch macht. Also, so fahrfreudig sind wir nicht, nicht mehr.
darum, rauszuhören, was sie selber für Erfahrungen mit
Warum nicht mehr?
rechten Jugendlichen haben. Und da kam schon einiges über
so spezifische Rollenverhalten heraus, also, in was für ge- Clara: Das ist einfach ziemlich kräfteverschleißend, überall
schlechtstypische Festlegungen Mädchen gegenüber männ- hinzufahren. Aber es ist schon so, daß einige von uns nach
lichen Jugendlichen oft gedrängt werden. Aber das hat mehr Rostock oder zur Bundestagsblockade nach Bonn gefahren
mit der Struktur der gesamten Gesellschaft zu tun als mit sind. Wir müssen halt jeweils für uns schauen, was für jede
Neofaschismus. Viele Mädchen wachsen so auf, daß sie sich einzelne leistbar ist, und manchmal sind für uns lokale Ak-
auf die Männer fixieren und sich ihre Orientierung bei den tionen auch sinnvoller.
Männern holen, die sie gerade toll finden, in die sie verknallt Bettina: Daß wir nicht einfach blind überall hinrennen, ist
sind. Wer verhindern will, daß Mädchen rechts draufkom- auch ein Grund für die Stabilität und Kontinuität unserer
men, muß genau da eingreifen und dies knacken. Gruppe. Wir orientieren uns an unseren eigenen Kapazitä-
ten und vermeiden damit diesen permanenten Druck zur
Also ist eine Konsequenz aus eurer theoretischen Beschäftigung,
Selbstüberforderung. Für uns ist das sehr produktiv, und
jetzt mehr auf Jugendarbeit mit Mädchen zu setzen, stärker in
manchmal gibt es Sachen, die wir gut finden, an denen wir
deren Alltagssituationen hineinzuwirken, und so eine tradierte
halt trotzdem nicht teilnehmen können, und punktum.
Politik wie mit einer Demo durch die Stadt zu ziehen, ist für euch
eher zweitrangig ...? Wie ist eure Arbeit vor Ort eingebunden, gibt es Zentren, öffent-
liche Orte, über die ihr euch organisiert?
Bettina: Nein. Beides. Hier in Kassel ging es in letzter Zeit
oft gegen die Republikaner, die hier mit 5,4 Prozent der Anette: Es gibt das Frauenzentrum, wo wir uns treffen, mit
Stimmen im Rathaus sitzen. verschiedenen Diskussionsräumen, Frauendisco usw. Dann
gibt es noch das Autonome Zentrum, wo die offeneren Sa-
Clara: Dann gab es die Demo gegen die Wahl von Lewan- chen laufen. Also die allgemein zugänglichen Veranstaltun-
dowski von der CDU zum Oberbürgermeister. Der hat vie- gen oder einmal in der Woche das Antifa-Café. Wir neh-
le rechte Sprüche gegen AusländerInnen, BettlerInnen und men, wie gesagt, als Gruppe an den allgemeinen Plenen teil
Junkies losgelassen. Der hat mit seinem Gefasel den Zusam- und machen halt sonst so unsere Sachen, Flugis verteilen,
menhang von Kriminalität und AusländerInnen hergestellt, Veranstaltungen usw.
also im Grunde die ganzen REP-Themen bedient.
Miriam: Seit wir den Reader gemacht haben, kriegen wir
Anette: Diese Demo ist zum gößten Teil von MigrantInnen auch ab und zu Einladungen, da und dort zu sprechen.

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Werdet ihr vorwiegend von anderen Fantifa-Gruppen angespro- schlecht finden. Manchmal kannst du dir die Situation nicht
chen, oder wer lädt euch ein? aussuchen. Aber wenn du die Möglichkeit hast, dir selber
überlegen zu können, wie du die Faschos angehen kannst,
Miriam: Das sind vorwiegend andere, Schulen ...
suchen wir doch nach anderen Möglichkeiten.
Bettina: Oder ein alternativer Arbeitskreis oder das Frauen-
forum, die halt an dem Thema Frauen und Faschismus in- Und wenn sie wie in Wunsiedel oder Fulda aufmarschieren?
teressiert sind. Das war halt der theoretische Schwerpunkt Bettina: Ich erzähle jetzt mal eine Geschichte, die vielleicht
unserer Arbeit, was jetzt nicht heißt, daß wir sonst nichts verständlich macht, warum ich auf so was wenig Lust habe.
machen würden. Wir unterschreiben ja nicht alles, was wir Als die Urne von Michael Kühnen in Kassel beigesetzt wur-
tun, wenn wir uns z.B. bei einer Demo oder Aktion gegen de, kamen natürlich viele Faschos. (Später ist die Urne ja
Faschos einklinken, dann steht da nicht immer unten auf dann geklaut und vernichtet worden.) Von der Antifa ist
dem Flugblatt Fantifa mit drauf. Manchmal ist es ja, aus na- auch überregional mobilisiert worden, und es gab ziemliche
heliegenden Gründen, klüger, anonym zu bleiben, und Keilereien. Das wäre ja an und für sich nicht schlecht gewe-
manchmal, wenn die ganze Szene an was dranhängt, spielt sen, aber es war ziemlich chaotisch. Und es sind Sachen pas-
die Namensnennung auch keine besondere Rolle mehr. siert, die vielen Leuten hier nicht gepaßt haben. Ohne ge-
meinsame Absprache sind halt die schnellsten und lautesten
Habt ihr denn in letzter Zeit Schwierigkeiten mit den staatlichen
draufgegangen, und alle anderen sind dringehangen. Es gab
Repressionsapparaten gehabt?
nur die Möglichkeit, mit drin zu hängen oder sich in einer
Bettina: Wir speziell nicht. Aber es gibt ein Problem in der Scheißsituation zu entsolidarisieren, was auch unmöglich ist.
Region. Das war, als die Faschos für ihren alljährlichen Bei lokalen Kasseler Demonstrationen kann so etwas nor-
Heß-Aufmarsch nach Wunsiedel mobilisierten. Da gab es malerweise nicht passieren, da kann ich die Situation in etwa
ein Aufeinandertreffen von Antifas hier im Umkreis und einschätzen und weiß, was wohl laufen wird. Bei einer Anti-
Nazis. Dabei wurde der Führer der faschistischen Sauerlän- fa-Bundesmobilisierung ist das oft unberechenbar, und auf
der Aktionsfront sehr heftig, ich glaube lebensgefährlich, eine Auseinandersetzung mit Leuten in der eigenen Demo,
verletzt. Danach gab es unter Antifas viele Festnahmen, wo- die außer Zusaufen und Draufschlagen nichts im Kopf ha-
bei jetzt noch unklar ist, ob das noch weitere Kreise ziehen ben, darauf habe ich keine Lust mehr.
wird.
Aber man muß doch auf Bundesebene weiter aktionsfähig sein,
Gab es denn unter euch eine Diskussion, inwieweit ihr solche Ak- auch wenn es dabei Situationen geben kann, wo man sich die
tionen für sinnvoll haltet? Wahl der Mittel nicht mehr aussuchen kann. Das würde doch
sonst heißen, den Nazis die Straße zu überlassen, bzw. wenn sich
Bettina: Von unseren eigenen, selbstbestimmten Aktions-
die Bullen einmal nicht dazwischenschieben, hast du doch gar kei-
formen her ist das erstmal nicht unsere Linie. Also, es ist
ne andere Möglichkeit, als zu drastischen Mittel zu greifen. Das
schon klar, wenn jetzt Alarm ist, Faschos wollen ein Flücht-
Problem ist doch nicht so einfach aus der Welt zu schaffen.
lingsheim überfallen oder so, dann gehen wir, soweit irgend
möglich, hin. Aber jetzt ganz gezielt die körperliche Kon- Bettina: Ich will auch aktionsfähig sein, wenn ich ungewollt
frontation mit Nazis zu suchen, ist weniger unser Ding. Wie in so eine Situation komme, aber ich muß sie nicht suchen,
wir das bewerten, wenn andere das machen, ist allerdings wenn ich sie eigentlich ziemlich schrecklich finde und weiß,
eine andere Sache, also, das heißt nicht, das wir das immer daß ich da so furchtbar viel nicht ausrichten kann. Wenn

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sich einige dem eher gewappnet fühlen, sich entsprechend Militanz ohne die Männer für mich erstmal viel besser zu
darauf vorbereiten, sollen sie es tun, aber nicht vergessen, diskutieren.
daß es da auf einer Demo auch noch andere Menschen gibt. Anette: Von den »gemischten« Antifa-Zusammenhängen
Mein Schwerpunkt ist das nun mal nicht. wird doch auch kaum thematisiert, warum z.B. so wenig
Gerade bei der Antifa-Arbeit ist es notwendig, ganz ver- Frauen nachts alleine rumrennen können. Daß Frauen in
schiedene Formen zu wählen und zu akzeptieren. Bei den dieser Gesellschaft allgemein schon in so eine Ohnmachts-
Neuen Rechten gab es in den letzten 15 Jahren eine Intel- rolle gedrängt werden, das wird doch kaum gesehen. Und da
lektualisierungswelle, der du nicht allein mit Aktionen auf kann ich auch nicht einfach losrennen und Vergewaltiger
der Straße beikommst. Die sind heute viel etablierter, geben suchen gehen, das können schließlich ziemlich viele sein,
sich nicht mehr als die schlagenden Nazi-Hohlköpfe und und ich kann ja wohl nicht alle vorher finden und plattma-
können mit ihren Positionen viel breiter über die Massen- chen.
medien in die allgemeine Bewußtseinsbildung eingreifen. Bei der Antifa gibt es diesen Mythos, man müsse ständig be-
Und dem muß auch was entgegengesetzt werden. Also, es reit sein, ständig was machen. Gut, wenn ich weiß, da sitzt
reicht nicht, nur den Faschos auf der Straße auf’s Maul zu einer, okay, aber das allein löst noch nicht das Problem.
hauen, und es reicht leider auch nicht, nur theoretische Ar- Frauen generell, und »ausländische« Frauen, schwarze
beit zu machen. Und ich kann mir schon ein bißchen aussu- Frauen noch viel mehr, sind sehr alltäglich mit einer struk-
chen, wo ich für mich meinen eigenen Schwerpunkt setze, turellen, patriarchalen Gewalt konfrontiert.
genauso wie ich eine Position zu Antifa-Aktionen finden
kann, ohne an allem selbst unmittelbar beteiligt gewesen zu Bettina: Auch bevor wir Antifa-Arbeit gemacht haben, ha-
sein. Also, das, was hier in der Region am Wunsiedel-Tag ben wir uns damit rumschlagen müssen. Das ist jetzt nichts
geschehen ist, war ein Grenzfall, der diskutiert werden muß. spezifisch Neues für uns, und entsprechend der jeweiligen
Also, ich finde es nicht richtig, Tote in Kauf zu nehmen. Befindlichkeit gehe ich jetzt damit um. Wenn ich als Frau
Aber das müssen wir als Fantifa erst selbst noch diskutieren. z.B. gut drauf bin, dann gehe ich auch mal alleine einen ris-
kanten Weg, ein andermal kann es sein, daß ich nachts da-
Ulla: Neben diesen allgemeinen Kriterien, also, wo die heim bleibe oder mir ein Taxi nehme, oder ich sehe zu, daß
Grenze bei militantem Vorgehen liegt, gibt es noch den ich in Begleitung bin. Bei Konfrontationen mit den Faschos
Punkt mit der eigenen Ohnmacht bei gewissen Aktionen. machen wir das auch nicht viel anders. Wenn wir die Wahl
Antifa-Gruppen, in denen Männer das Sagen haben, vermit- haben, überlegen wir halt, ob wir uns eine Auseinanderset-
teln oft den Eindruck, als hätten sie kein Problem mit so di- zung zutrauen oder eben nicht.
rekten Aktionen, keinen Schiß usw. obwohl ich weiß, daß Miriam: Um in diesem Zusammenhang vielleicht noch ein-
das nicht stimmt. Und dann komme ich daher, und ich habe mal auf die Kühnen-Demo in Kassel zurückzukommen: Ein
einfach Angst vor bestimmten Sachen, egal, was es nun ist, Problem war, daß wenige mit ihrem Vorpreschen die ganze
auch wenn ich zu einer Demo fahre, das kostet oft viel Über- Demo in eine brenzlige Situation, mit Wasserwerfern und
windung und Energie. Da muß ich nicht erst einem Fascho so, brachten. Aber vorher gab es schon aus dem Antifa-Block
direkt gegenüberstehen, da reicht mir schon ein ganz nor- unheimlich viele bescheuerte Sprüche in Richtung Faschos
males Arschgesicht oder irgendein Bulle. In unserer Fantifa- und Bullen wie »schwule Sau«, »dumme Fotze« etc. Also
Gruppe kann ich darüber, wieviel ich mir persönlich zu- absolut schwulen- und frauenfeindliche Sprüche; und die
traue, offen reden, und deswegen sind gerade Fragen über gleichen Typen waren nachher auch dabei, als die Situation

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eskalierte. Also, solche Männer, mit denen will ich nicht zu- nach rechts und die allgemeine Vereinzelung gehen ja auch
sammen auf eine Demo gehen noch sonst irgendwas. an der Linken nicht spurlos vorbei ...
Clara: Ich weiß von einigen Frauen, die nach dieser Ge- Könnt ihr diese allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen mit
schichte nichts mehr mit den »gemischten« politischen Zu- ihren Auswirkungen für autonome Antifa-Politik noch etwas
sammenhängen zu tun haben wollten. Für mich war das ge- präzisieren? Inwiefern werden Jugendliche heute anders soziali-
nauso, ich hab mich erstmal von allem zurückgezogen. siert bzw. politisiert als in den 80er Jahren?
Miriam: Die die Zeit nach ’68 noch ein bißchen mitgekriegt
Worauf führt ihr denn solche Entwicklungen zurück? Anschei- haben, Anti-Atomkraft- oder Friedensbewegung, die haben
nend habt ihr ja mit so üblen Erscheinungen auch nicht unbedingt noch andere Formen und Möglichkeiten der Politik erlebt.
gerechnet? Natürlich auch den Frust, als dann nichts geklappt hat. Also,
Bettina: Woran das liegt? Also, ich denke, es gab so was wie mit der Friedensbewegung haben wir nichts verhindert.
einen Zusammenbruch von überregionalen autonomen Aber trotzdem war es so eine Form der Kultur mit großer
Strukturen, die in den 80er Jahren so einigermaßen funktio- Ausstrahlung, an der sich oppositionelle Jugendliche erstmal
niert haben, gerade was die Antifa betrifft. Früher hatte ich orientieren konnten. Man hat sich zusammengesetzt, um die
auf militanten Demos ein sicheres Gefühl. Auch wenn es im- Pershings zu verhindern, ob das nun geklappt hat oder
mer mal Panikaktionen gab, waren die Demos in Blöcken nicht. Und danach kam für viele ein Loch, das zu Vereinze-
organisiert, und ich konnte relativ sicher sein, daß Abspra- lung und Einzelaktionen führte.
chen eingehalten wurden. Heute habe ich das Gefühl, daß Meintest du eben Friedensbewegung oder autonome Antikriegsbe-
die Eigenverantwortung nachgelassen hat, und auch wenn wegung?
das blöd klingt, daß es ein Disziplinproblem gibt, mit der
Sauferei und dem Wenig-aufeinander-Achten. Auf der an- Miriam: Antikriegsbewegung gab es in den 50ern.
deren Seite reagiere ich aber total allergisch auf diese Vor- Die nationalistische und pazifistische Friedensbewegung wurde
schläge von Antifa (M) & Co, also, etwas überspitzt ausge- doch sehr zwiespältig betrachtet, und die autonome Organisierung
drückt, alles bundesweit straff durchzuorganisieren, am be- stand links davon und hat sich nie mit den allgemein apokalypti-
sten in Reih und Glied mit Ausweis und Fahne ... Ein Pro- schen Vorstellungen der Friedensbewegung vereinbaren lassen.
blem ist sicherlich, daß viele Erfahrungen und Diskussionen, Das waren zwei getrennte Spektren, die mit unterschiedlichen
die in den 80ern mit militanten Aktionen gemacht wurden, Zielen auf die Straße gingen.
von den älteren AktivistInnen nicht weitervermittelt wurden
und halt viele jetzt einfach weggeblieben sind oder andere Miriam: Ich meine die Friedensbewegung, da sie meiner
halt auf so Organisationsideen wie Antifa (M) kommen. Das Meinung nach für das Gros der Jugendlichen eher das gewe-
liegt alles ziemlich im argen. sen war, was sie beeinflußt hat.
Allgemeine Gründe spielen dabei sicherlich auch eine Rolle. Bettina: Das Loch kam aber nicht für alle. Also, im Antifa-
Die gesellschaftliche Situation hat sich in den letzten Jahren Bereich war das so: Nach der Abgrenzung der autonomen
ziemlich verändert, und die Jüngeren erfahren wahrschein- Antifa von der KB-orientierten Antifa-Politik war es schon
lich eine völlig andere Sozialisation als die, die heute um die klar, daß es um linksradikale Politik geht und nicht um ir-
30 sind. Der Zusammenbruch der Sowjetunion, der An- gendein Blümchen-Heiteitei wie bei den Friedensbewegten.
schluß der DDR und die Verschiebung der Gesellschaft Es ging auch nicht mehr so ausschließlich wie noch bei den

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kommunistischen Gruppen um Antikapitalismus, sondern Was haltet ihr von der Losung der Göttinger Antifa (M), die ja
der Gedanke nach einer emanzipatorischen Selbstorganisa- eine wichtige Kraft in der AA/BO ist: »Antifaschismus auf anti-
tion war ein ganz wichtiger Punkt. Der Gedanke einer spon- imperialistischer Grundlage«?
tan möglichen, autonomen Selbstorganisierung ist auch bis Bettina: Wir machen Antifa-Arbeit auf antipatriarchaler
heute ganz gut weitergetragen worden. Aber obwohl eine Basis, und da gehört der Antiimperialismus selbstredend mit
gewisse Handlungsfähigkeit bewahrt wurde, ist auf der an- dazu. Aber ich würde sagen, daß wir unter Antiimperialis-
deren Seite so ein politisches Umfeld weggebrochen. Also, mus was anderes verstehen, als so in den einschlägigen Bro-
die Orte, wo alle möglichen Leute zusammengekommen schüren zu lesen ist. Das scheint doch eine sehr verkürzte
sind, ob sie nun organisiert waren oder nicht, und sich über Kapitalismuskritik zu sein, antipatriarchale Aspekte sind
alles mögliche unterhielten, wo du verschiedene Ansichten kaum eingebunden, also, das ist nicht unsere Linie.
und auch verschiedene linke Traditionen kennengelernt
hast, von denen du Sachen übernehmen oder dich dagegen Wenn ihr euch bundesweit stärker auf Fantifa-Gruppen bezieht,
abgrenzen konntest, das existiert heute weniger, glaube ich. würde es mich interessieren, ob ihr denn zu vergleichbaren Grup-
Für mich war zum Beispiel die Auseinandersetzung aus ei- pen im Gebiet der ehemaligen DDR Kontakte habt oder, wenn es
nem Lebenszusammenhang heraus oder mit denen, die dort keine Fantifas gibt, dann zu »gemischten« Gruppen? Kassel
schon länger linksradikale Politik in Antifa-Strukturen liegt ja ziemlich nahe an der alten Grenze ...
machten, oder mit älteren Frauenzusammenhängen, einmal Clara: Wir haben weder zu Antifa- noch zu Fantifa-Grup-
sehr wichtig. Heute scheint mir der Austausch zwischen den pen im Osten Kontakt, obwohl ich schon denke, daß es da
verschiedenen Szenen weniger zu funktionieren; und ob- auch Fantifas gibt. Wir sollten uns vielleicht in nächster Zeit
wohl die Antifa viel mehr Thema als früher ist, hat sich die mal darum kümmern ...
Qualität der Arbeit inhaltlich und strukturell nicht unbe-
dingt verbessert. Was nicht heißt, daß es »früher« nur toll Habt ihr euch mit dem Anschluß der DDR an die BRD beschäf-
war. Zum Beispiel taten sich die Antifas in den 80ern sehr tigt, oder war das für euch kein Thema?
schwer mit der Patriarchatsdiskussion. Miriam: Kaum.

Von dem Versuch verschiedener Antifa-Gruppen, mit einer bun- Bettina: Komisch, nicht? Aber das war irgendwie kein The-
desweiten Organisierung in der AA/B0 aus dem Dilemma her- ma.
auszukommen, davon haltet ihr gar nichts? Beteiligt ihr euch Also, das hat eure Arbeit in den letzten drei Jahren gar nicht be-
überhaupt an dieser Diskussion? einflußt, das hat euch überhaupt nicht tangiert?

Bettina: Nein. Der erste Punkt ist schon mal, daß sie die Clara: Natürlich haben wir darüber schon mal geredet, aber
Fantifas erst gar nicht eingeladen hatten. Dann hatten wir unsere Fantifa-Arbeit hat das kaum beeinflußt, daß das jetzt
hier zur BO auch inhaltlich diskutiert, und dabei kam eine ein Schwerpunkt der Auseinandersetzung geworden wäre,
relativ einheitliche Position heraus, daß wir gewisse Anteile oder so.
an der BO, diese straffe Organisationsrichtung, ablehnen. Bettina: Bei Einzelpunkten taucht das immer mal auf. Zum
Wir sind für eine bundesweite Organisierung, aber nicht un- Beispiel wenn wir über die soziale Verschärfung oder die
ter diesen Vorzeichen. Dazu kommt noch, daß für uns eine Verschiebung nach rechts in der BRD diskutieren, oder die
bundesweite Fantifa-Organisierung erstmal Vorrang hat. Verschärfung beim 218, da spielt der Kontext der Vereini-

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gung schon eine Rolle. Aber es ist jetzt nicht so, daß dies der Antifaschismus auf
Aufhänger für unsere Politik geworden wäre.
antiimperialistischer Grundlage
Ulla: Daß die DDR für uns so ein weißer Fleck auf der
Landkarte ist, ist uns schon aufgefallen. In unserem Reader Gespräch mit der Göttinger Antifa (M)
sind ja auch keine Texte von Frauen aus der ehemaligen
DDR drin, einfach weil wir keine für uns brauchbaren ge-
funden haben. Wir hatten aber auch nicht so gezielt danach
geguckt. Und natürlich tangiert mich dieser ganze Vereini- Die Antifa (M) aus Göttingen gilt als Motor einer straffen
gungskram. Ich empfinde das als Bestätigung der herrschen- antifaschistischen Organisierung in der Bundesrepublik
den Politik in der BRD, so daß was vorher hier schon be- Deutschland. Mit der Initiative zu einer »Antifaschistischen
schissen war, sich jetzt nochmal verstärkt hat. Und das ist Aktion – Bundesweite Organisierung« (AA/BO) wird
mir logischerweise nicht egal. hauptsächlich diese Gruppe in Verbindung gebracht. Das
von den GöttingerInnen vorgeschlagene Organisationsmo-
Gibt es jetzt noch etwas, was wir vergessen haben, was ihr jetzt am
dell ist jedoch nicht unumstritten.
Ende dieses Gespräches noch gerne loswerden möchtet?
Kaum einer der KritikerInnen hat sich allerdings mit der Ar-
Bettina: Ich möchte noch einmal betonen, daß das, was wir beitsweise, den Zielen und dem politischen Selbstverständ-
erzählt haben, nicht heißen soll, daß jede Fantifa-Arbeit so nis der Antifa (M) auseinandergesetzt. So mutet der Streit
aussieht oder so aussehen sollte wie die unsere. Gerade zur innerhalb der bundesdeutschen Antifa-Szene über weite
Frage der direkten Konfrontation wird es von anderen Strecken abgehoben an und ist von Mißverständnissen ge-
Gruppen sicherlich auch andere Positionen geben. Auch zur prägt.
Frage einer Zusammenarbeit mit »gemischten« Gruppen.
Wir sprechen ausschließlich für unsere Gruppe und nicht als
Repräsentantinnen bundesweiter Zusammenhänge. Vielleicht könnten wir zunächst darüber sprechen, wie eure Grup-
An einem bundesweiten Selbstverständnis wird ja erst noch pe entstanden ist.
gearbeitet, und dazu kann vielleicht ein solches Gespräch et-
was beitragen, mehr nicht. Jürgen: Die Gruppe besteht aus sehr unterschiedlichen
Leuten, von daher läßt sich das nicht in zwei Sätzen sagen.
Einige von uns sammelten ihre ersten Erfahrungen bereits
Anfang der 80er Jahre durch die Mitarbeit im Zusammen-
schluß norddeutscher Antifa-Gruppen. Die Politik, die sie
dort mittrugen, scheiterte endgültig im Herbst 1987. Eine
aufwendige Kampagne gegen das Nazi-Jugendlager in He-
tendorf erwies sich damals als ziemlicher Schlag ins Wasser.
Das lag vor allem daran, daß die Politik, die zu Beginn der
80er Jahre – mit der erfolgreichen Demonstration gegen
den NPD-Parteitag in Fallingbostel1 – entwickelt wurde,
unverändert fortgesetzt worden war. Diese Politik bestand
im wesentlichen darin, bei allen Bündnissen und Absprachen

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mit anderen Gruppen zu allererst auf die eigene Kraft zu wollten wir bei diesem Bündnis nicht unser Gesicht verlie-
vertrauen. Dahinter stand auch die Erfahrung, daß reformi- ren und hatten deshalb immer auch ein taktisches Verhältnis
stische Gruppen bis dahin entweder nicht an den Orten ge- zu den reformistischen Gruppen, der Gewerkschaft vor al-
gen Faschisten demonstrierten, an denen die auch waren, lem. Das Konzept ist unseres Erachtens damals voll aufge-
oder aber keine Leute mobilisieren konnten. gangen. Innerhalb der autonomen Szene Göttingens blieb
Mit dieser Politik gelang es autonomen AntifaschistInnen dieser Ansatz trotzdem umstritten, und daraus resultierte
erstmals, von der linken Öffentlichkeit überhaupt wahrge- dann letztendlich eine Differenzierung der Szene. Die einen
nommen zu werden. Die ideologische und praktische Öff- waren der Meinung, diese Politik ist falsch, wir müssen stär-
nung zu anderen Gruppen blieb jedoch mit der Zeit auf der ker eigene Positionen klarmachen und die harte Linie in der
Strecke. Außerdem war der Höhepunkt der autonomen Be- Abgrenzung zu anderen Gruppen fahren. Andere wollten
wegung insgesamt Mitte der 80er Jahre überschritten. So nicht weiter im eigenen Sud braten und traten für eine Öff-
führte dieser Weg trotz einiger Erfolge nach und nach in die nung zu anderen Gruppen ein. Im September 1988 endete
politische Isolation, die jedoch von vielen nicht als solche in Göttingen das Bündnis dann und trennte die alte Antifa in
begriffen wurde. zwei große Lager. Aus der einen Strömung ist die autonome
Das Fiasko von Hetendorf – trotz bundesweiter Mobilisie- Antifa (M) entstanden, allerdings zuerst noch nicht unter
rung kamen nur 300 DemonstrantInnen – markierte den diesem Namen. Uns war sehr wichtig, daß eine Politik eben
Beginn von Überlegungen, über den engen Szene-Horizont auch Kontinuität zeigen muß, daß klar gesagt werden muß,
hinaus Bündnisse mit Gruppen einzugehen, die Antifa-Ar- wo bestimmte Sachen – Erklärungen oder Demo-Aufrufe –
beit machten. Etliche GenossInnen hatten erkannt, daß herkommen. Eine Gruppe muß nach unseren Vorstellungen
2 000 entschlossene Menschen zusammenzutrommeln nicht ansprechbar sein, braucht also auch einen Namen und eine
ausreichte, um der faschistischen Entwicklung in der Ge- Adresse, damit Interessierte sich auch an sie wenden kön-
samtgesellschaft, die damals auch schon gesehen worden ist, nen. Deswegen war es notwendig, daß wir einen eigenen
etwas entgegenzusetzen. Bei diesen neuen Bündnisplänen Namen haben, und wir sind halt auf das M verfallen. Ein tie-
ging es nicht um militante Demos, sondern um eine Veran- ferer Sinn steckt nicht dahinter. Erstmals aufgetaucht ist
kerung antiimperialistischer Politik in weiten Bereichen des dieses M bei der Nie-wieder-Deutschland-Kampagne 1991.
sich als Widerstand oder Opposition verstehenden Potenti- Damit waren wir eine der ersten autonomen Gruppen, die
als in der Gesellschaft. In Göttingen gab es damals Berüh- immer unter einer klaren Adresse ansprechbar war. Das war
rungspunkte mit fortschrittlichen Gewerkschaftern, die auch unerläßlich, wenn wir gegenüber anderen Gruppen als
Schwierigkeiten mit Faschisten in Betrieben hatten. Vor al- ernstzunehmende Bündnispartner auftreten wollten. Wenn
lem daraus hat sich 1987 das Antifa-Bündnis in Göttingen man kontinuierliche Politik macht, muß man sie auch öf-
entwickelt. An dieser Bündnispolitik gab es von Teilen der fentlich vertreten.
alten Antifa-Szene in Göttingen von Anfang an Kritik. Zu-
Welche Bündnispartner hattet ihr im Auge, als ihr dieses Konzept
nächst einmal gelang es jedoch, für den 7.5.88 eine breite
entwickelt habt?
Bündnisdemo gegen das FAP-Zentrum in Mackenrode2 zu
organisieren. Dazu mußten natürlich gewisse Kompromisse Jürgen: Wer dem anwachsenden Faschismus etwas entge-
eingegangen werden. Für uns war dabei ganz wichtig, nach gensetzen will, muß gesellschaftlich relevante Impulse set-
der politischen Niederlage von Hetendorf überhaupt wieder zen können. Das gelingt nicht, wenn man als kleine Gruppe
als politischer Faktor in Erscheinung zu treten. Natürlich herumwurschtelt, sondern nur in Zusammenarbeit mit

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möglichst vielen fortschrittlichen Kräften, wobei es natür- Welche Rolle spielt Symbolik bei eurer Arbeit? Bei eurem öffentli-
lich auch Grenzen gibt. Wir arbeiten in erster Linie mit an- chen Auftreten – bei Demonstrationen im geschlossenen Schwar-
deren Antifa-Gruppen zusammen, aber auch mit Gewerk- zen Block – vermittelt ihr nach außen eine gewisse Militanz. Für
schafterInnen und Grünen, Uni- und SchülerInnengruppen viele entsteht auch der Eindruck einer Neuauflage der KPD-Poli-
oder fortschrittlichen Christen. Dabei müssen die politi- tik vom Anfang der dreißiger Jahre. Uns würde interessieren,
schen Inhalte bei einer konkreten Aktion immer wieder welche Intention dahinter steckt und was für ein ästhetisches
überprüft werden. Bei jeder einzelnen Aktion stellt sich die Selbstverständnis ihr habt.
Frage, ob sie in dem konkreten Bündnis mitgetragen werden
kann. Für uns gibt es klare inhaltliche Knackpunkte für eine Jürgen: Daß der Schwarze Block auf Demos an die 30er
Zusammenarbeit. Zum einen tragen wir keinen proklamier- Jahre erinnern soll, ist ein bißchen seltsam. Ich werde aber
ten Gewaltverzicht mit, zum anderen ist für uns unerläßlich, mal versuchen, unser Auftreten zu erklären. Es gibt für jede
daß bei Aktionen unser antiimperialistischer Ansatz erhalten Demonstration, die wir durchführen, ein politisches Kon-
bleibt. Wenn das akzeptabel ist, gibt es eigentlich keine zept, das auch unser praktisches Auftreten bestimmt. Wir
Gruppe, mit der wir nicht zusammenarbeiten können. haben dieses Vorgehen in den Auseinandersetzungen, die
Wie weit seid ihr in dem Spektrum, dem ihr euch bündnispolitisch wir führen mußten, entwickelt, und es hat sich bewährt.
öffnen wollt, akzeptiert? Ein Beispiel: Am 17. November 1991 wurde die Mahnwache
für Connie4 von der Polizei unter Einsatz von Wasserwer-
Jürgen: In der Region Göttingen eigentlich voll und ganz. fern und Knüppeln aufgelöst. Wir haben daraufhin gesagt,
Bei unserer letzten Aktion – einer Demonstration in Ade- wir werden Silvester aus Anlaß des Todes von Alexander
lebsen3 – haben von Antifa-Gruppen bis zum DGB und zur Selchow mit Helm und Knüppel demonstrieren, weil die
SPD-Ortsgruppe alle möglichen Gruppen mitgemacht. Polizei hier angegriffen hat und sie natürlich auch diese De-
Welche anderen, aktuellen Schwerpunkte hat eurer Arbeit, abge- monstration angreifen wird. Dazu kam erstens, daß zu jener
sehen von der Bündnispolitik? Zeit die Atmosphäre durch eine Reihe von Brandanschlägen
ziemlich aufgeheizt war.5 Und zweitens ermittelte das Lan-
Ulla: Momentan bereiten wir unsere Aktionen für den deskriminalamt in Göttingen in einem 129a-Verfahren ge-
2. Oktober vor. Da werden wir – in diesem Jahr zum vierten gen autonome Antifas. Unter diesen Bedingungen ohne
Mal – dem nationalen Feiertag am 3. Oktober antinationale Masken, mit Palmzweigen in der Hand und einem weißen
Feierlichkeiten entgegensetzen. Wir bereiten wieder Publi- Büßerhemd durch Göttingen zu gehen, wäre der helle
kationen, Veranstaltungen und Agitprop-Aktionen vor. Wahnsinn gewesen. Also haben wir demonstriert, wie wir es
Jürgen: Ein weiterer Schwerpunkt 1993 war auch die Arbeit für richtig hielten: Wir haben uns und unsere Identität ge-
mit ehemaligen RAF-Gefangenen. Wir haben eine Veran- schützt. Und Polizei und Staatsapparat hatten das zu akzep-
staltung zum Paragraphen 129a unter dem Motto »Zusam- tieren. Diese Überlegungen haben wir von vornherein öf-
men gehört uns die Zukunft« organisiert. Und ein drittes ak- fentlich gemacht, damit klar wurde, unter welchen Aus-
tuelles Thema, das wir eher arbeitsgruppenmäßig bearbeitet gangsbedingungen wir demonstrieren und wir durch diese
haben, war die Verschärfung des Paragraphen 218. Wir ha- Öffentlichkeit Druck auf den Polizeiapparat ausüben konn-
ben uns auch an einer Aktion gegen einen an der 218-Ent- ten. Dieses Konzept ist dann auch aufgegangen. Später hat
scheidung beteiligten Bundesverfassungsrichter beteiligt, man oft versucht, uns nachzusagen, wir hätten Absprachen
der an der Göttinger Uni ein Seminar abhalten wollte. mit der Polizei getroffen. Es gab aber keine Absprachen, es

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gab keinen Kontakt zur Polizei. Diese Gerüchte entstanden, einmal an der Macht, wieder zu neuer nationalstaatlicher Herr-
weil sich viele nicht vorstellen konnten, daß solch ein offen- schaft führten. Und linksradikale und damit auch Antifa-Politik
sives Konzept funktioniert. ist ja gerade antistaatliche Politik.
Außer dieser Demonstration haben wir in den letzten Jahren
Ulla: Die antiimperialistische Politik, die wir machen, ist si-
aber lediglich eine weitere in derartig militantem Outfit
cher nicht die klassische antiimperialistische Politik. Wir be-
durchgeführt. Man kennt Autonome meist nur als Klischee,
ziehen uns nicht vordergründig auf nationale Befreiungsbe-
entweder als Schwarzen Block oder als Autoren von Flug-
wegungen im Trikont, das ist nicht der Schwerpunkt unse-
blättern. Unsere Aktionen sollen sich phantasievoll von die-
rer politischen Arbeit. Wir sehen unsere Politik zwar im in-
sen Klischees unterscheiden. Bei unseren Aktionen zum
ternationalen Zusammenhang, verorten uns aber hier.
2. Oktober haben wir in einem Jahr falsche Hundertmark-
scheine, versehen mit entsprechenden inhaltlichen Er- Jürgen: Wir können das Machtgefüge des internationalen
klärungen, an die Bevölkerung verteilt, sozusagen als Verar- Imperialismus nur verändern, wenn wir auch mit Bewegun-
schung dieses Begrüßungsgeldes für ehemalige DDR-Bür- gen aus anderen Ländern zusammenarbeiten. Denn wir
ger. Ein Jahr später haben wir einen Umzug veranstaltet, bei kämpfen, wenn auch unter unterschiedlichsten Vorausset-
dem ein großer Überwachungskrake von DemonstrantIn- zungen, gegen das gleiche System. Und das gemeinsame
nen, die sich als Polizisten verkleidet hatten, getragen und Ziel muß sein, dieses System aus den Fugen zu bringen,
am Ende verbrannt wurde. Das sind Beispiele für Bilder, die durch linke und emanzipatorische Verhältnisse zu ersetzen.
wir öffentlich produziert haben, weil wir denken, die »Be- Unsere Antifa-Politik muß sich diesem Ziel unterordnen,
völkerung« denkt in Bildern, ist über solche Bilder schneller das ist der gemeinsame Anknüpfungspunkt mit anderen
und besser für Gespräche erreichbar. Gruppen, denn in diesem Kampf haben alle einen gemeinsa-
men Feind. Der gleiche Imperialismus, der hier bürgerliche
Wenn ihr in euren Papieren von Antifaschismus redet, ist das im- Freiheiten zubilligt, organisiert in Lateinamerika beispiels-
mer an den Antiimperialismusbegriff gekoppelt. Was ist unter ei- weise faschistische Regime und organisiert die Vernichtung
ner antiimperialistischen Politik eurer Meinung nach zu verste- politischer Gefangener.
hen?
Bei befreiungsnationalistischen Gruppen wie den Roten Khmer,
Jürgen: Wenn wir Faschismus bekämpfen wollen, müssen beim Sendero Luminoso oder bei der PKK kann doch nicht per se
wir natürlich die Ursachen für Faschismus bekämpfen. Für von einem Kampf für »emanzipatorische Verhältnisse« die Rede
uns ist Faschismus nur eine bestimmte Spielart des imperia- sein?
listischen Machtapparates. Damit ist Faschismus Teil des
ökonomischen Unterdrückungsapparates, der heute welt- Jürgen: Die Roten Khmer, die PKK und der Sendero kön-
weit herrscht. Gegen Faschismus zu kämpfen, heißt also, das nen so nicht über einen Kamm geschoren werden. Inwieweit
System zu bekämpfen, das eigentlich dahinter steht, das Fa- emanzipatorische Prozesse im kurdischen Befreiungskampf
schismus erst möglich macht, das ist für uns auch immer mit vorangetrieben werden, darüber können wir diskutieren.
einem internationalistischen Ansatz verflochten. Die nationale Frage, so wie sie sich bei vielen Befreiungsbe-
wegungen stellt, wird von uns natürlich auch kritisch be-
In den letzten Jahren ist aber gerade innerhalb der linksradikalen trachtet. Uns geht es eher darum, über Alternativen zu in-
Szene der alte Antiimperialismusbegriff weggebrochen, da er sich formieren. Auch in Peru, einem Land, das kaum wie ein an-
sehr stark an nationalen Befreiungsbewegungen orientierte, die, deres zum revolutionären Pulverfaß geworden ist, kämpfen

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fortschrittliche bewaffnete Gruppen, die neben dem mehr Jürgen: Mir kommt es immer etwas vorschnell vor, wenn
als zweifelhaften Kampf von Sendero Luminoso von der gesagt wird, wir stricken hier nur an alten Schwarz-Weiß-
deutschen Linken kaum beachtet werden. Wir meinen die Mustern. Man kann nicht von einem Plakat oder einer Akti-
MRTA, die seit Jahren einen guevarisch orientierten Befrei- on verlangen, daß damit alles ausdrückt wird, was an gesell-
ungskampf organisiert. Wir haben über Kampf und Ge- schaftlich komplexen Fragen und Wirkungsmechanismen
schichte dieser Gruppe ein Video und Veranstaltungen erar- besteht. Das ist unmöglich. Das können nur Schlaglichter
beitet. Derartige Aktivitäten verstehen wir unter differen- sein, mit denen wir versuchen, der Bevölkerung klarzuma-
ziert beurteilender Internationalismusarbeit. Unsere einzige chen, daß gesellschaftliche Widersprüche sich eben nicht
Hoffnung besteht darin, das weltweit organisierte System mit dem Polizeiapparat erschöpfen, sondern daß es auch an-
des Imperialismus durch eine weltweite Gegenbewegung zu dere wichtige Punkte – beispielsweise die patriarchale Ge-
überwinden. Wenn du in dem Zusammenhang Pol Pot er- sellschaftsstruktur oder das Drogenproblem – gibt. Damit
wähnst, reden wir einfach von zwei verschiedenen Welten. setzen wir uns auseinander und versuchen, das umzusetzen.
Das gelingt mal gut, mal weniger gut.
Das mag wohl sein. Inwieweit schließt eure antiimperialistische Und wenn man in diesem Zusammenhang die Schlagworte
Politik auch Flüchtlingsarbeit mit ein? Kunst oder Kultur benutzt, dann heißt das natürlich für uns,
Jürgen: Wir finden diese Arbeit richtig und sinnvoll, aber sich auseinandergesetzt zu haben mit Tendenzkunst, mit
durch die Struktur unserer Gruppe können wir so etwas mo- Neuer Sachlichkeit, mit den Kunstdebatten in den
mentan nicht leisten. Außerdem ist es ein etwas anderer An- 20er/30er Jahren, mit den Kunstdebatten in der Oktoberre-
satz als unserer. Bei unsrem Ansatz antiimperialistischer Po- volution. In diesen Traditionen sehen wir uns schon – und
litik geht es vor allem um den Kontakt zu Bewegungen vor dieser Bezug unterscheidet uns von der herrschenden Kul-
Ort. tur.

Wie steht ihr zu Überlegungen, unter den aktuellen Bedingungen Auf einem eurer Plakate ist im Mittelpunkt ein stilisierter Rotar-
in der Bundesrepublik müßte auch so etwas wie eine »antifaschi- mist wiedergegeben. Mit dieser Darstellung wurde historisch für
stische Kultur« entwickelt werden? die Oktoberrevolution und dann für den Bürgerkrieg geworben.
Ihr bezieht euch eindeutig positiv auf dieses Symbol. Für viele an-
Jürgen: Das propagiert »Kunst und Kampf« ja schon seit dere ist der historische Prozeß, aus dem dieses Symbol stammt,
Jahren. Auch wir versuchen, das umzusetzen. Unsere Plaka- keineswegs als ein rein emanzipatorischer zu begreifen. Die aus
te haben durchaus künstlerischen Anspruch, und unsere De- diesem Prozeß hervorgegangenen sozialistischen Staaten waren ja
monstrationen sind auch Ausdruck unserer Kultur. Kultur nicht frei von Repression. Ist das nicht ein etwas laxer Umgang
und Kulturfähigkeit sind für uns Grundbedingungen für re- mit der Geschichte, oder genauer gefragt: Seht ihr euch in der
volutionäre Identität. Andernfalls wären wir nur ein Abzieh- partei-kommunistischen Tradition stehend, wenn ihr mit solchen
bild der Gesellschaft. Symbolen arbeitet?
Euch wird häufig vorgehalten, daß ihr euch sehr am vorgegebenen Jürgen: Wir verwenden ganz bewußt in unserem kulturel-
Rahmen orientiert und zum Teil auch negativ darauf fixiert seid. len und politischen Ausdruck Symbole aus der Vergangen-
Vor dem Hintergrund dieser Kritik: Mit welchen Inhalten und heit, und wir beziehen uns auch auf Daten und auf Aussagen
Formen denkt ihr, die herrschende Kultur durchbrechen zu kön- der Vergangenheit. Wir sehen uns nicht als Korken, der im
nen, um eben kein Abziehbild derselben zu werden? Wasser schwimmt und sonst mit nichts zusammenhängt,

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sondern wir sind Teil einer langen historischen Entwick- Sachen falsch gesehen oder falsch dargestellt werden. Das
lung. Unsere Geschichte fängt nicht einfach an dem Punkt Problem sehen wir auch. Ich glaube nicht, daß uns Propa-
an, an dem wir uns plötzlich politisiert haben, sondern wir ganda oder platte Geschichtsschreibung unterstellt werden
haben uns politisiert über andere Menschen, die vorher von kann. Mit verschiedenen Aktionen, beispielsweise indem wir
anderen Menschen politisiert worden sind, über Ideale, die zu historischen Stätten des Bauernkrieges fahren, versuchen
in den jeweiligen Zeiten wichtig waren. Egal wo ich anfange, wir, daß sich die Menschen ein eigenes Bild von der Ge-
mich mit Geschichte und Kultur zu befassen, ob beim Bau- schichte machen können.
ernkrieg oder bei der 1848er Revolution, überall ist es auch
die Geschichte von Widerstand. Jetzt zu sagen, bloß weil ge- Ich würde euch gerne mit einem Zitat aus einer eurer Broschüren
wisse Dinge in die Sackgasse geführt haben, weil Experi- konfrontieren. Da heißt es: »Trotz aller Kontinuitäten wäre es
mente eben danebengegangen sind oder weil Widerstand aber falsch, die heutige Polizei der BRD mit der des Hitler-Fa-
mit einer Niederlage endete, ist das schlecht – das ist Un- schismus einfach gleichzustellen. Dazu haben sich die Bedingun-
sinn. Es gab in diesen Bewegungen immer auch positive gen und vor allem der technische Fortschritt zu sehr verändert.
emanzipatorische Prozesse, die bis heute weitergewirkt ha- Die heutige Gesellschaft ist vor allem durch ihre Durchtechnisie-
ben und mit denen es lohnt, sich auseinanderzusetzen. Wer rung auf sehr hohem Niveau von Geheimdiensten und politischer
das nicht tut und sich quasi von der eigenen Geschichte ab- Überwachung regelrecht durchseucht.« Mir scheint, daß ihr an
schneidet, kann unmöglich daraus lernen und auch nicht der Stelle, wo ihr die Unterschiedlichkeit der Verhältnisse betont,
mehr analysieren, warum bestimmte Entwicklungen in be- im Grunde noch eins draufsetzt.
stimmte Richtungen gegangen sind. Jürgen: Wenn die gesellschaftlichen Bedingungen aktuell
Wir benutzen heutzutage vor allen Dingen das Symbol der eskalierten, würde das Wissen der Sicherheitsapparate diffe-
Antifaschistischen Aktion, aber in einer modifizierten Form. renziert eingesetzt werden. Gegen bestimmte Teile des Wi-
Allein schon die Modifikation macht klar, wir beziehen uns derstandes in abgeschwächter Form, gegen andere Teile in
zwar auf einige Inhalte der historischen Antifaschistischen vollem Umfang. Auf jeden Fall aber hätte dieser Apparat aus
Aktion, aber verbinden damit ganz andere Sachen aus unse- dem Stand viel größere Macht, als er von ’33 bis ’45 je hatte.
rer Geschichte. Das Organisationsmodell der 20er Jahre Von den personellen Kontinuitäten der bundesdeutschen
beispielsweise, den demokratischen Zentralismus und die Sicherheitsbehörden mit denen des Dritten Reiches ganz zu
stalinistischen Methoden lehnen wir absolut ab. schweigen. Es wäre also eine Bagatellisierung zu sagen, daß
dieser Staat überhaupt nichts mit diesem faschistischen Re-
Wenn ihr euch aus der Geschichte und der Kunstgeschichte nur die gime zu tun hat. Praktisch sind wir schon heute in den Klau-
euch positiv erscheinenden oder für eure heutigen Zwecke ver- en dieses Systems, es bräuchte nur noch zuzupacken.
wendbaren Dinge heraussucht, könnte man euch ein rein instru-
mentelles Verhältnis zur Historie unterstellen. In der Vergangenheit gab es mehrere Strafverfahren gegen eure
Gruppe, unter anderem auch ein 129a-Verfahren.
Jürgen: Wer Kunst nur als ein x-beliebiges Medium be-
greift, dessen sich bedient werden kann, ohne es verstanden Jürgen: Sie haben jetzt zum wiederholten Male bei Redak-
zu haben, muß natürlich ein instrumentelles Verhältnis dazu tionen von Zeitungen, die mit uns Interviews gemacht ha-
haben. Instrumentelle Kunst aber wäre platte Propaganda, ben, nach dem Material gefragt. Wenn wir eine Veranstal-
und die taugt nichts. Und wenn Geschichte in großen Di- tung machen, jagen sie uns hinterher. Observation und Er-
mensionen abgegrast wird, besteht immer die Gefahr, daß mittlungen laufen mit unverminderter Wucht.

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Ulla: Wir ziehen uns unter diesen Bedingungen allerdings Ulla: Die Größe der Gruppe ist in den letzten vier Jahren
nicht in die Konspirativität zurück, sondern machen alle In- stark angewachsen, was auf die generelle Öffnung der Grup-
formationen, die wir über die Ermittlungen kriegen, sofort pe zurückzuführen ist. In der letzten Zeit sind vermehrt
über Flugblätter oder Presseerklärungen öffentlich. Leute, die nicht so aus der klassischen autonomen Szene
stammen, zu uns gestoßen. Wir organisieren uns in Arbeits-
Hat sich in dem Maße, wie sich eure Gruppe für Bündnisse öffne- gruppen, die zu bestimmten Themenbereichen arbeiten, sei
te, die Repression verstärkt? das die Arbeit zu politischen Gefangenen, die Gestaltung
Jürgen: Es gibt Aussagen von Verfassungsschützern, daß des Organisierungsprozesses, Arbeitsgruppen, die Vorträge
unser Konzept gefährlicher sei als das der RAF, weil es auf ausarbeiten, oder Arbeitsgruppen zu bestimmten aktuellen
eine Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen Ereignissen. Die Arbeitsgruppen treffen sich einmal
zielt. Das sind sehr große Worte, aber sie zeigen, daß sie die wöchentlich im Plenum, wo die Arbeitsergebnisse ausge-
Entwicklung, die wir angestoßen haben, wahrnehmen. Wir tauscht werden und Dinge, die die ganze Gruppe betreffen,
erfahren jedenfalls, daß bei jeder Aktion, die wir machen, ein besprochen und abgeglichen werden.
ziemlich massiver Kriminalisierungsdruck aufgebaut wird. Jürgen: Pflicht jedes einzelnen ist die Teilnahme an diesem
wöchentlichen Gesamtplenum und die Arbeit in mindestens
Unterscheidet ihr in euren Schriften zwischen Faschismus und
einer Arbeitsgruppe.
Nationalsozialismus?
Jürgen: Nationalsozialismus ist für uns eine spezifische hi- Das bedeutet klassische Mitgliedschaft?
storische Form, die eng zusammenhängt mit der NSDAP Ulla und Jürgen: Ja.
und den Verhältnissen in den 20er und 30er Jahren in
Deutschland. Das ist eine Phase, die sich in dieser Art und Habt ihr eine Art Hierarchie in der Gruppe?
Weise nicht wiederholen wird, weil sich die gesellschaftli- Jürgen: Nein.
chen Verhältnisse seitdem verändert haben. Faschismus hin-
gegen betrachten wir als eine Spielart der imperialistischen Ulla: Entscheidungsinstanz ist die Gesamtgruppe. Wir hal-
Herrschaft, was nicht platt verstanden werden darf nach der ten das Arbeitsgruppenprinzip für eine relativ gute Möglich-
Formel: Imperialismus ist gleich Faschismus. Das wäre Un- keit, Hierarchien vorzubeugen. Auf diese Weise können
sinn. Faschismus ist für uns auch der computerüberwachte neue Leute auch besser integriert werden, weil sie ihre un-
Staat; er muß nicht immer mit Hakenkreuzfahne und terschiedlichen Erfahrungen und ihren unterschiedlichen
Marschkolonne daherkommen. Es gab einen Franco-Fa- Wissensstand gut in die Arbeit einbringen können, ohne daß
schismus, es gab einen Mussolini-Faschismus, es gab das fa- sie bei Entscheidungen hintanstehen müssen.
schistische Regime der griechischen Generäle oder das Pi-
Habt ihr auch eine Jugendgruppe im Sinne der Antifa-Jugend-
nochets. Wenn ich Faschismus und Nationalsozialismus
front?
gleichsetze, laufe ich in die Falle bürgerlicher Reformisten.
Deren Parole »Nie wieder Faschismus« bedeutet nur: Nie Ulla: Es gibt in der Stadt eine Antifa-Jugendfront, mit der
wieder Drittes Reich. Aber das wird es sowieso nicht mehr wir auch sehr gut zusammenarbeiten, aber sie gehört nicht
geben. zu unserer Gruppe.
Wie organisiert sich eure Gruppe? Und wie ist es mit der Beteiligung von Frauen in eurer Gruppe?

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Ulla: Über ein Drittel der Gruppenmitglieder sind Frauen. in einem Grundlagenpapier festgelegt. Im wesentlichen ist
Durch die Öffnung unserer Politik, durch die Abkehr von das eine regionale Verankerung der Gruppen. Hinzu
klassischer Anti-Nazi-Politik ist die Gruppe verstärkt für kommt, daß die Gruppen gefestigt sein müssen, eine politi-
Frauen attraktiv geworden. sche Kontinuität besitzen und regelmäßig nach außen tre-
ten. Inhaltliche Kriterien sind bislang eher unkonkret for-
Welche Kontakte habt ihr zu anderen Antifa-Gruppen?
muliert. Es gab eine große Auseinandersetzung um den Be-
Ulla: Das Rückgrat solcher Kontakte ist die Arbeit hier in griff Antiimperialismus innerhalb der Organisation. So wie
der Region. Überregional sind wir in die Antifaschistische wir ihn füllen, hätten staatstragende oder reformistische
Aktion – Bundesweite Organisation, AA/BO, eingebunden. Gruppen keinen Platz in der AA/BO. Bislang gibt es zwei
Parallel dazu sind wir noch in einem zweiten bundesweiten Broschüren, die die AA/BO gemeinsam herausgegeben hat.
Organisierungsprozeß eingebunden, die beteiligten Grup- Die eine heißt »Einsatz« und stellt die Grundlagen der Or-
pen treffen sich unter dem Namen »fels« seit dem Frühjahr ganisation und die beteiligten Gruppen vor. Die andere er-
1993 regelmäßig und streben ebenfalls die Bildung einer schien begleitend zu der Kampagne zum 9. November. Bei-
Organisation an. de sind über unsere Adresse erhältlich.
Jürgen: Wie man ja überall lesen kann, ist das ein sehr um- Mit der AA/BO seid ihr harter Kritik ausgesetzt. Wie geht ihr
strittener Prozeß. Unser Engagement fußt auf unserer Ana- damit um?
lyse autonomer Politik in den 80er Jahren, die wir ja schon
beschrieben haben. Wir hatten den Anspruch, daß wir, Ulla: Ein Problem ist, daß die AA/BO sehr stark mit unserer
wenn wir diesen Kampf gegen Faschismus ernst nehmen, Gruppe identifiziert wird. Das mag daran liegen, daß wir die
überhaupt erst wieder als politische Kraft in Erscheinung Gruppe sind, die in dieser Organisation am meisten öffent-
treten müssen. Die sattsam bekannten autonomen Plenen lich in Erscheinung tritt. Und es liegt sicherlich an dem Or-
der Vergangenheit waren am Ende ein unerträglicher Zu- ganisierungspapier, das wir vor zwei Jahren vorgestellt ha-
stand. Um wieder zu verbindlichen Strukturen zu kommen, ben, das aber längst überholt ist.
um ansprechbar zu sein, schien uns ein bundesweiter Zu- Jürgen: Teilweise haben wir uns an den Kopf gefaßt, welch
sammenschluß verschiedener Gruppen, der über die lockere absurde Befürchtungen in diesem Zusammenhang an die
Vernetzung, den Infoaustausch, hinausgeht, unumgänglich. Wand gemalt worden sind. Das ging so weit, daß man uns
Könnt ihr kurz erläutern, wie die Organisierung in der AA/BO unterstellte, wir wollten eine KPD nach historischem Vor-
aussieht? bild aufbauen. Diese Absurdität hat uns das Reagieren auf
Kritik teilweise unmöglich gemacht, weil wir das Gefühl
Ulla: Zur Grundstruktur ist zu sagen, daß zehn bis zwölf hatten, daß die Papiere gar nicht richtig gelesen wurden,
Gruppen aus verschiedenen Städten regelmäßig bundeswei- und uns so die politische Glaubwürdigkeit abgesprochen
te Treffen veranstalten, zu denen die Gruppen Delegierte wurde.
schicken. Da es in den einzelnen Gruppen keine Spezialisten
für bundesweite Treffen gibt, rotieren die Delegierten. Die- In den Erwiderungen auf eure Position kann man in der Tat häu-
se Treffen sind das Entscheidungsgremium für die Organi- fig zwei Vorwürfe finden. Zum einem wird euch vorgehalten, ihr
sation. Es gibt noch keine Pressesprecher, Ansprechpartner wolltet eine Organisation mit Parteicharakter aufbauen, und
für die Organisation sind die jeweiligen Gruppen vor Ort. zum anderen würdet ihr für euch einen Avantgarde-Anspruch
Die Kriterien für eine Mitgliedschaft in der AA/BO wurden reklamieren.

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Jürgen: Ich glaube, das ist eine Frage, was aus bestimmten logische Ausgangspunkte haben als wir, müssen sie sich auch
Texten herausgelesen und dabei unterstellt wird. Das hört anders organisieren.
sich jetzt zwar polemisch an, wenn ich sage, das sind Unter-
stellungen, aber ich kann das nur so empfinden. Was wir Euer Organisierungskonzept mit einem festen Rahmen unter-
vorschlagen, wird nicht als offene Möglichkeit – die man scheidet sich ja deutlich von den autonomen Organisierungen der
diskutieren kann – gesehen, sondern es wird als fertiges 80er Jahre. Da wurden ja, wenn ich beispielsweise an die IWF-
Konzept betrachtet, nachdem jetzt alle zu verfahren hätten. Kampagne oder die vielen »Nie-wieder-Deutschland«-Demos
Das kann natürlich nur in eine katastrophale Richtung ge- denke, bundesweite Initiativen organisiert, ohne daß es dauerhaf-
hen. te Strukturen gab. Ist eurer Ansicht nach die traditionelle autono-
me Organisierung überholt?
Im Laufe der Diskussion um die AA/BO sind eine ganze Menge
Jürgen: Objektiv ist sie das. Gut, die Unberechenbarkeit hat
Städte abgesprungen. Wie seid ihr damit umgegangen?
auch Vorteile. Relativ schnell viele Menschen zu mobilisie-
Ulla: Im wesentlichen sind die Städte abgesprungen, die ren, vermittelt Stärke. Die Beispiele, die ihr hier ansprecht,
sich nicht organisieren wollten. waren doch letztlich der hilflose Reflex auf einen Zug, der
schon längst abgefahren war. Die meisten Gruppen existie-
Der Vorbehalt gegen Organisierung wird häufig auch von Grup- ren in autonomen Zusammenhängen zwei bis vier Jahre,
pen aus der ehemaligen DDR vorgebracht. Zieht ihr daraus be- und dann sind sie von der Bildfläche verschwunden. Natür-
sondere Schlüsse? lich gibt es Gruppen, die für eine gewisse Zeit einen relativ
Jürgen: Im Grunde genommen gibt es dort mittlerweile hohen organisatorischen Grad entwickeln. Aber irgendwann
eine ähnliche Situation wie hier. Es gibt einige Gruppen, die ist diese Politik am Ende, weil sie keine politische Perspekti-
sich in den AA/BO-Ansatz einbringen oder mit ihm sympa- ve mehr bieten kann und auch keine persönliche mehr für
thisieren, und es gibt auf der anderen Seite Gruppen, die ihn die Leute. Was ist übriggeblieben von der Bundestagsblok-
völlig ablehnen. kade, was ist übriggeblieben von »Nie-wieder-Deutsch-
land«, was ist übriggeblieben vom IWF? Es gab Aktionen,
Nun gibt es aber seit einiger Zeit DDR-weite Vernetzungstreffen, doch selbst von den AktivistInnen sind sie ein, zwei Jahre
die deutlich in Abgrenzung zu eurem Modell entstanden sind. später schon fast wieder vergessen. Dabei wäre wichtig, eine
Jürgen: Ich will mir kein Urteil über diese reichsbahnweiten kontinuierliche Politik zu betreiben.
Treffen anmaßen. Ich sehe aber, daß sie dort politisch ande-
Was wäre euch zum Abschluß des Gespräches noch wichtig?
re Ansätze als wir vertreten. Die Gruppen haben eher eine
anarchistische Grundposition, wie ja überhaupt der anarchi- Jürgen: Ich möchte nochmal ein paar Thesen zusammen-
stische Ansatz aktuell in der alten DDR eine wesentlich fassen.
größere Rolle spielt als hier. Bei konkreten Aktionen arbei- Neue Politikfelder müssen erschlossen werden und alte neu
ten wir mit allen Gruppen und allen Zusammenschlüssen besetzt werden.
zusammen. Uns geht es darum, daß begriffen wird, daß so Neue Methoden der Arbeit müssen entwickelt werden. Es
eine Organisierung nur einer kontinuierlichen Arbeit dient. ist beispielsweise wichtig, ein vernünftiges politisches Ver-
Wenn sich andere antifaschistische Organisationen grün- hältnis zu den Medien zu gewinnen, um sie zu nutzen. Das
den, ist das um so besser. Es geht ohnehin um den Prozeß meint vor allem bürgerliche Medien, denn linke Medien
der Organisierung. Und wenn andere Gruppen andere ideo- sind in ihren Möglichkeiten relativ begrenzt.

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Wir müssen aus unserem Ghetto herauskommen und uns Sich abzuschotten, nützt nichts
mit anderen Gruppen und Initiativen verzahnen. Aber nicht
dogmatisch, sondern wir müssen ein politisches Verhältnis Gespräch mit einer Antifa-Gruppe aus Guben
zu anderen finden.
Wir müssen verstärkt eine Kulturfähigkeit zurückgewinnen,
wozu auch gehört, sich gegenseitig in dem Prozeß, in dem
wir alle gemeinsam stehen, ernst zu nehmen. Was zur Zeit Neben größeren Städten wie Berlin und Potsdam, in denen
bei vielen Gruppen passiert, ist die Selbstdefinition durch Antifa-Gruppen unter dem Dach der evangelischen Kirche
Abgrenzung von anderen Gruppen. Und das finden wir noch zu DDR-Zeiten entstanden, gehörten Jugendliche in
falsch. der brandenburgischen Kleinstadt Guben zu den ersten, die
eine eigenständige autonome Antifa-Gruppe aufbauten.
Dies ist um so erstaunlicher, weil Guben – 35 000 Einwoh-
Anmerkungen: ner, unmittelbar an der polnischen Grenze gelegen – immer
abseits des aktuellen politischen Geschehens lag.
1 Rund 2 000 autonome AntifaschistInnen behinderten im Oktober
Aus einer diffusen linken Orientierung, ausgelebt in Haus-
1982 massiv den NPD-Parteitag in Fallingbostel und versuchten
den Veranstaltungsort zu stürmen.
besetzungen und ähnlichem, entwickelte sich hier unter dem
Druck der Verhältnisse schnell eine durchsetzungsfähige
2 In dem 14 Kilometer von Göttingen entfernten Dorf besaß der nie-
dersächsische FAP-Landesvorsitzende Karl Polacek ein Haus, bis Antifa-Szene, die seit fast vier Jahren trotz aller Widerstän-
er 1992 nach Österreich ausgewiesen wurde. de kontinuierlich arbeitet.
3 Eine Demonstration vor dem Haus eines dort ansässigen Nazi-
Funktionärs
4 Conni Wissmann wurde am 17.9.89 bei einer Antifa-Aktion von Wann und aus welcher Situation heraus ist eure Gruppe entstan-
Polizisten vor ein fahrendes Auto gehetzt und kam dabei um. den?
5 Später stellte sich heraus, daß die Brände von einem Patienten des Axel: Am Ende der DDR waren wir in Guben ein Kreis von
psychiatrischen Landeskrankenhauses gelegt worden waren, der vielleicht 30, 40 Leuten, die sich regelmäßig in einer Kneipe
unter Pseudonym eine »autonome Gewaltherrschaft« forderte.
getroffen haben. Ursprünglich machten wir nichts Politi-
sches, nur eben lustige Abende, bißchen Trouble mit den
Bullen und so. Im Juli oder August ’89 haben wir dann auf
einer Reise in Potsdam in einem kircheninternen Blatt das
erste Mal von Übergriffen auf ausländische Arbeiter in der
DDR gelesen. Gerüchteweise hatten wir zwar das eine oder
andere gehört, gerade aus dem Süden der DDR. Aber wir
hatten nicht gewußt, daß es damals in der DDR schon rich-
tig organisierte Gruppen von Faschisten gab. Dazu kam
noch, was wir selber mitgekriegt haben, bei Konzerten in
Cottbus oder in Berlin. Einige von uns hatten da die Nase
voll und haben gesagt: Wir machen jetzt Antifa-Arbeit. Am
Anfang haben wir uns gesagt, um eine gute Antifa-Arbeit

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machen zu können, müssen wir das Ganze als Gruppe auf- Außerdem haben wir versucht, aus unserem damaligen Ju-
ziehen und nicht bloß so als lose Sache. Wir haben uns so gendklub rechte Politik völlig rauszuhalten. Leute, die ir-
eine Art Statut gegeben und dann ein Grundlagenpapier gendwie rechts eingestellt waren, oder ausgewiesene Fa-
rausgegeben, um in Guben auch öffentlich präsent sein zu schos sind dort nicht mehr reingekommen. Da gab es dann
können. Wir haben dann zunächst Vorfälle gesammelt, die öfter mal handfeste Auseinandersetzungen.
in Guben passiert sind, und über Aushänge und Flugblätter
Gab es denn schon organisierte neofaschistische Strukturen?
publik gemacht.
Axel: Das ging erst im Dezember ’89 los. Einige von denen,
Was war in Guben passiert? die damals schon rechts eingestellt waren, sind rüber und
Axel: 1985, zur 750-Jahr-Feier, gab es zwei, drei Tage Aus- haben aus Westdeutschland immer fleißig Propagandazeug
schreitungen in Guben, ziemlich rabiat. In einem Bierzelt geschickt, vor allem von der DVU. Dadurch fühlten sich die
sind Arbeiter aus Mosambique und Vietnam, von denen Hiergebliebenen ganz doll bemüßigt, hier ihre Gubener
ziemlich viele im größten Betrieb hier, dem Chemiefaser- Heimatfront, Gubener Hitlerjugend und Bund deutscher
kombinat, gearbeitet haben, von Einheimischen verprügelt Mädchen zu gründen.
worden. Wie war denn damals das Kräfteverhältnis zwischen Rechten und
Von organisierten Rechten? Linken?
Axel: In Guben hatten wir damals einen sehr schweren
Axel: Nein, eher so Otto-Normal-Verbraucher. Das hatte
Stand. Aktive, die uns nahestanden, gab es vielleicht 30. Und
sich irgendwie aufgestachelt. Erst haben sie sich untereinan-
beim Häuserkampf standen uns fast 200 Nazis gegenüber.
der geschlagen, dann haben sie alle gemeinschaftlich die an-
Die wenigen, die sich zu uns bekannt haben, hatten ziemlich
rückenden Bullen plattgemacht, und dann haben sie sich
viel Streß. Unser damaliger Jugendklub wurde angegriffen,
wieder untereinander beharkt. Am Ende ist dann sogar das
weil wir Jugendliche mit Nazi-Aufnähern nicht mehr rein-
Wohnheim, in dem die Arbeiter aus Mosambique gewohnt
gelassen haben. Einige von uns wurden von Rechten abge-
haben, angegriffen worden. Zu DDR-Zeiten ist das nie groß
griffen und haben ziemlich heftig was auf’s Maul bekom-
publik gemacht worden. Wir haben versucht, im nachhinein
men. Du konntest nicht mehr abends auf die Straße gehen.
nachzufragen und zu recherchieren. So fing das damals an.
Die haben dich geohrfeigt, wie sie lustig waren.
Aber eigentlich sind wir an die Sache ziemlich pimpelig
’rangegangen. Also leger. Und dann kam die Wende. Wie habt ihr unter diesen Bedingungen über Militanz diskutiert?
Kannst du kurz skizzieren, was ihr euch anfangs vorgenommen Axel: Für uns hat sich natürlich die Frage gestellt, ob wir bei
hattet? diesem ganzen Aufrüstungswahn mitziehen wollen. Einige
unserer Leute sind schon voll durchgeknallt, rannten mit
Axel: Das wichtigste war, zu versuchen, die Menschen, die zwei Knarren, ein paar Messern und Knüppeln rum und ha-
hier als Vertragsarbeiter arbeiteten, irgendwie zu integrie- ben voll den Harten markiert. Der Höhepunkt war dann die
ren. Die wurden wirklich wie in einem Ghetto gehalten, Auseinandersetzung um unser Haus.
konnten nirgends hin. In Kneipen wurden sie rausgeschmis-
sen. Da haben wir sie mal eingeladen zu uns nach Hause, Es- Du erwähnst das jetzt zum zweiten Mal ...
sen für sie gemacht, sie besucht, gemeinsam Sport getrieben Axel: Im Frühjahr ’90 hatten wir ein Haus besetzt und be-
und all so’n Zeug. gonnen, es zu einer Art Zentrum für uns hier in Guben aus-

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zubauen. Kurz darauf haben sich auch die Faschos ein Haus Axel: Die Stärke, die wir gewonnen hatten, hat uns noch im
genommen, da haben sie zweimal eine Orgie gemacht, aber selben Jahr sehr genützt. Für Dezember ’90 hatten die Nazis
dann stand das Ding mehr oder weniger leer. Abgesehen da- hier eine Demo angekündigt, an der auch Michael Kühnen
von, daß da noch monatelang eine Reichskriegsflagge raus- teilnehmen sollte. Da sind drei von uns zum Bürgermeister
hing. Berliner Antifas hatten davon gehört, kamen eines gegangen und haben dem kraft unserer Wassersuppe ge-
schönen Tages im September ’90 mit so einem alten Polizei- droht, wenn er diese Demo nicht verbietet, holen wir uns
Lkw und haben das Haus zerdroschen von oben bis unten. hier weiß ich wieviel tausend Autonome her und schlagen
Als Reaktion kamen abends dann 200 Nazis und haben un- die ganze Stadt kaputt. Das muß man sich mal vorstellen.
ser Haus angegriffen. Die Faschos haben dabei zwar ziem- Der hätte uns unter normalen Umständen sofort eingekna-
lich derb auf die Fresse gekriegt, aber hinterher, als die Ber- stet, bloß der wußte damals auch nicht Bescheid. Gut, es hat
liner wieder weg waren, standen wir wieder alleine in Gu- funktioniert. Die Bullen haben die Faschos abgegriffen, ei-
ben. nige von denen haben bei den Bullen sogar um Schutzhaft
gebettelt. Und wir saßen zu zehnt in einer Wohnung und
Welche Konsequenzen hatte das für euch? haben uns total wohl gefühlt. Das hat uns auch ein paar gute
Kritiken eingebracht, damals.
Axel: Negativ war, daß wir das Haus losgeworden sind und
in Guben erstmal eine wirkliche Niederlage hatten. Alle, die Welche Folgen hatte das?
irgendwie mit uns sympathisierten, haben sich schwer gehü-
tet, das danach noch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Wir Martin: Die Hochzeit der Nazis war vorbei. Die Faschos
selbst waren öffentlich im Grunde nicht mehr sichtbar. konnten ihre Mitläufer nicht weiter mobilisieren, da kam
Zwei, drei Monate haben wir uns ganz zurückziehen müs- nichts mehr. Ihr Führer ist damals zu ein oder zwei Jahren
sen. Ich mußte mich damals mit meiner Freundin ver- auf Bewährung verurteilt worden. Der mußte sich danach
stecken, zwei Monate mehr oder weniger konspirativ. Ich völlig aus politischen Sachen raushalten. Unsere Leute ha-
bin aus meiner Wohnung ausgezogen, weil die Nazis mir die ben ihre Waffen verkauft, weil sie sinnlos geworden waren.
Scheiben eingeschmissen haben. Du hast erwähnt, daß ihr auch mit Gruppen aus anderen Städten
Das Positive war, daß wir dadurch notgedrungen körperlich zusammengearbeitet habt. Kannst du näher beschreiben, wie die
mehr Widerstand leisten mußten, und das hat uns als Grup- Zusammenarbeit aussah?
pe zusammengeschweißt. Jeder hat den anderen gedeckt, so
gut es ging. Dadurch sind wir eigentlich ziemlich stark aus Axel: Was uns ziemlich geprägt hat, war das Auftreten von
der ganzen Sache rausgegangen. Unter uns haben wir natür- Berliner Antifas bei diesem Häuserkampf hier. In den Jahren
lich versucht, den Schlamassel, so gut es ging, auszuwerten. vorher hatte man ja vieles irgendwie glorifiziert, vor allem
Wir haben eingeschätzt, daß wir das Haus damals nie hätten die jahrzehntelangen Erfahrungen der Westler im Kampf
halten können. Auch ohne diese Auseinandersetzung wäre es gegen diesen neuen Staat. Wir dachten immer: Wenn die
ein dauerhafter Kleinkrieg geworden, der uns von allen an- herkommen, werden die uns Armen und Dummen schon
deren Sachen abgelenkt hätte. Wir hätten nur noch damit zu was erzählen. Dann kamen sie, haben hier ihren Kleinkrieg
tun gehabt, das Haus zu verteidigen. Unter solchen Bedin- veranstaltet, sich dabei ziemlich mackerhaft benommen und
gungen könntest du keine vernünftige Arbeit mehr machen. sind wieder abgehauen. Ich meine, wir mußten das schließ-
lich ausbaden. Wir hatten uns die letzte Akzeptanz bei der
Und wie habt ihr dann weitergemacht? Bevölkerung verspielt, weil die nur gesehen haben: Wir

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schleppen hier irgendwelche bunthaarigen Typen in die Axel: Wir sind mehr oder weniger vom Standpunkt des
Stadt rein, und die verwüsten dann alles. Ich durfte Wochen Kräfteverhältnises ausgegangen. Einen Krieg konnten wir
später bei den Bullen antanzen, die haben mir alle Fotos vor- uns nicht leisten mit den paar Hanseln, die wir waren. Die
gelegt, die sie von uns geschossen haben. Sinnigerweise hat- Faschos waren eindeutig mehr. Darum haben wir versucht,
ten sie die Fotos den Faschos auch gezeigt, und da wurde es uns an einen Tisch zu setzen. Wenn man miteinander
natürlich ein bißchen kraß. quatscht, kriegt man keins auf’s Maul. Und die Zeit, die du
da verquatschst, kannst du gut nutzen, um für dich was klar
Es gab dazu eine Diskussion in der Berliner BesetzerInnen-Zei- zu machen. Für uns war damals wichtig, Zeit zu gewinnen.
tung ...
Das heißt, ihr wolltet nur die Luft aus der Situation rausnehmen?
Axel: Da haben sich einige aus Berliner Zusammenhängen
ziemlich derb dagegen verwahrt und gefordert, daß so was in Martin: Das haben wir auch geschafft.
Zukunft nicht mehr passiert. Also, daß Antifas und Autono- Axel: Bei den Faschos muß es immer Aktionen geben, sonst
me in andere Städte fahren und dort einfach so auftrumpfen. hauen denen die Leute ins sogenannte bürgerliche Milieu
Martin: Nach diesem Ereignis war so ein bißchen der Lack ab. Viele, die damals voll dabei waren, sind jetzt Modetypen
ab von der Vorstellung von den »Berlinern«. Und dann kam geworden, so mit Cowboy-Stiefeln und goldenen Schnallen,
noch dieser komische Buchschreiber, dieser Burkhard Schrö- die teure Autos fahren.
der, und hat Interviews mit uns gemacht und sie dann völlig Hattet ihr Streß mit Bullen?
sinnentstellt wiedergegeben. Im Grunde hat der behauptet,
Axel: Nein. Die haben sich nichts getraut. Es gab in Guben
wir wären nur die kleinen dummen Zonis, die von den
ein paar Vorkommnisse, und seitdem waren die Bullen völ-
großen Kämpfern aus Kreuzberg erst alles lernen mußten.
lig ruhig. Sie haben immer versucht, sich bei uns einzu-
Axel: Interessant war allerdings: Aufgrund des Wirbels, den schleichen, aber das haben sie nicht geschafft.
dieses Buch in Guben verursachte, kamen dann Gesprächs-
runden mit den Rechten zustande. Wie sind die Bullen mit den Rechten umgegangen?
Martin: Na, dem Anführer haben sie ins Bein geschossen.
Mit welcher Absicht habt ihr diese Gespräche geführt, und was ist Mit denen haben sie sich schon ein bißchen rumgeprügelt.
dabei herausgekommen?
Wie war denn damals die Struktur eurer Gruppe?
Axel: Wir wollten vorrangig die Militanz aus der Situation
rausnehmen. Das ist schon eigenartig in einer Kleinstadt ... Axel: Es gab zwei, drei von uns, die aufgrund besserer Vor-
Du kennst jeden, du warst mit einigen von denen zusammen aussetzungen – weil sie ein Auto hatten und Telefon – da-
im Kindergarten, in der Schule, hast alles mit denen zusam- mals ziemlich viel an sich gezogen haben. Die hatten Zeit,
men gemacht. Und auf einmal stehst du dir gegenüber und rumzufahren und irgendwelches Zeug zu organisieren, oder
haust dir auf die Fresse. Das ist völlig unsinnig. Das haben sind auf überregionalen Treffen gewesen. Nach denen ha-
wir damals versucht zu erklären, und eigentlich haben wir ben sich die anderen weitgehend gerichtet. Dadurch ent-
das auch ziemlich gut hingekriegt. stand in der Gruppe eine gewisse Rangordnung. Hinzu kam,
daß wir damals, das muß ich zu unserem Nachteil sagen,
Wenn man böswillig ist, könnte man ja sagen, ihr habt sowas wie ziemlich elitär waren. Für Linke, die auch Antifa-Arbeit ma-
eine friedliche Koexistenz vereinbart. chen wollten, war es sauschwer, in die Gruppe reinzukom-

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men. Es gab Beispiele, wo sich einige von uns wieder abge- hat sich das aufgebaut. Es gab dann einige, die aus der Anti-
wandt haben, weil wir uns zu wenig um sie gekümmert oder fa wirklich ausgetreten sind und höchstens noch zu irgend-
sie überfordert haben. Wir haben außerdem wegen unserer welchen Anlässen aufgelaufen sind. Das ging dann so weit,
hohen Ansprüche sehr stark unter den Interessenten an un- daß Leute schreiend die Plenen verlassen haben. Das gröb-
serer Arbeit gesiebt. ste Ding – das ich bis heute nicht verstehe – war die Sache
mit der Frauengruppe.
Was waren denn das für Ansprüche? Die war auf einmal da. Gut. Muß sein, haben wir alles einge-
Axel: Das Wesentlichste war, daß wir von denen, die bei uns sehen. Die Frauen wollten sich natürlich auch im Infoladen
mitmachen wollten, verlangten, daß sie die Antifa-Arbeit präsentieren. Aber sie haben erstmal Ansprüche gestellt,
nicht nur so nebenbei machen. Es reichte uns nicht, wenn wollten einen eigenen Raum haben, mit den Männern im
sie mal zur Versammlung kamen und da das Maul aufmach- Infoladen nichts direkt zu tun haben. In den Streitereien
ten, sondern sie sollten auch die sogenannte normale Arbeit darüber kamen wir das erste Mal darauf, daß die Meinung
mitmachen. Und dann haben wir neue Leute nicht sofort in eines einzelnen nicht immer die Meinung der Gruppe sein
alles reingucken lassen. muß. Ich zum Beispiel habe die Forderungen der Frauen
Stefan: Ich war damals mehr oder weniger Sympathisant. In völlig abgelehnt. Bis wir das geklärt hatten, sind zwei Mona-
meinem damaligen Freundeskreis sind wir zuerst auf die te ins Land gegangen. Der Streit war schrecklich gewesen.
Hausbesetzung aufmerksam geworden. Ich ging damals zur Worum ging es denn inhaltlich?
Penne, in eine linke Klasse, wenn man das so sagen kann,
und da wurde das erstmal begrüßt und unterstützt. Aber Axel: Etliche von den älteren Antifas haben zu dem Zeit-
dann war die Sache mit den Berlinern, und das hat dann punkt abgelehnt, daß die Frauengruppe in den Infoladen
doch ein bißchen abgeschreckt. Und nachdem die Antifa ei- zieht, weil sie als Gruppe überhaupt noch nicht gefestigt
nige Zeit nicht in Erscheinung getreten war, hatten wir den war. Die haben nur Absichten erklärt, hatten aber noch gar
Eindruck, daß das doch bloß eine Gruppe ist, die in Kneipen nichts gemacht. Aufgrund dieser Streitigkeiten haben wir
abhängt. praktisch den letzten Anspruch verspielt, überhaupt politi-
sche Arbeit zu machen. Und weil wir uns zwei Monate lang
Axel: Was wir gemacht haben, wenn wir nicht in der Kneipe letztlich über Mißverständnisse in der Wolle hatten, haben
waren, haben die Außenstehenden ja nie mitgekriegt. dann einige gesagt: Nein, bei uns ist jetzt Pumpe, wir steigen
Stefan: Deswegen habe ich auch erst ziemlich spät dazu ge- aus.
funden. Martin: Der Streit war übertrieben, und wir waren auch to-
Welche Konsequenzen hatte die Entwicklung für eure spätere Ar- tal überreizt, da braucht man gar nicht diskutieren. Was ich
beit? aber nach wie vor gut finde, ist, daß die Frauen durch die
Auseinandersetzung Selbstbewußtsein gekriegt haben. Sie
Axel: Es gab einen ziemlich harten Bruch aufgrund dieser wurden da meines Erachtens das erste Mal so richtig akzep-
Hierarchie-Diskussion. Auch die »Alt-Antifas«, also, die tiert. Was für Antifa-Gruppen im Osten typisch ist, war ja
von Anfang an dabei waren, sich aber irgendwann zurückge- auch hier so: männerdominiert – und die wenigen Frauen
zogen hatten, äußerten herbe Kritik an der Situation. Wir zurückhaltend oder nur als Begleitung ihres Freundes.
waren sauer, weil sie sich mehr und mehr raushielten, und
sie warfen uns vor, daß wir sie nicht ranlasssen würden. So Wie löste sich diese Situation?

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Axel: Indem sich die älteren Antifas praktisch aus dem Ge- sich die Deutsche Liga hier in der Gegend einnistet oder gar
schehen rausgezogen haben. Das lag vor allem auch daran, in den Gubener Kreistag einzieht. Das wollen wir erreichen,
daß wir unser ursprüngliches Verständnis von Antifa-Arbeit indem wir vor allem die Bevölkerung über den Charakter
verlassen hatten. Wir haben in diesen Diskussionen ge- der DL aufklären.
merkt, daß wir völlig abgehoben waren. Wir waren ja schon
Martin: Wir sind auch zeitweise regelmäßig in dem etwas
wie blöde vor lauter Politik. Dazu kam, daß der Streit intern
außerhalb gelegenen Neubauviertel Spucke spazierengegan-
aufbrach, als der äußere Druck auch nicht mehr so stark da
gen, in dem diese Fascho-Kids zu Hause sind. Wir haben da
war, als wir nicht mehr so mit Faschos beschäftigt waren.
oben Flugblätter verteilt und waren einfach präsent. Das war
Wir mußten feststellen, daß die Antifa-Arbeit zwar ein über-
sehr umstritten in der Jugendfront, denn bei diesen Spazier-
geordnetes und einigendes Ziel war, aber daß bei vielen die
gängen ging es darum, den Faschos Angst zu machen. Was
Bereitschaft fehlte, sich auch bei übergeordneten politischen
auch funktionierte. Die sind regelrecht vor uns weggerannt.
Sachverhalten zu einigen. Zum Beispiel war es nicht mög-
lich, Einigung darüber herzustellen, daß man gegen den Ka- Ist eure Arbeit bei Gleichaltrigen akzeptiert, oder seid ihr isoliert
pitalismus kämpfen muß. Ein paar haben gesagt: Das ist und werdet wie Exoten behandelt?
doch Quatsch, ich lebe doch hier ganz gut, ich habe bloß was
gegen Faschos. Barbara: Ich kann nur über die Schule reden, auf die ich
gehe. Wir sind in meiner Klasse zwei, die linksgerichtet
Gab es unter euch auch eine Diskussion über den Anschluß der sind. Die anderen nehmen uns nicht so ganz für voll, die
DDR? Mehrheit orientiert sich doch mehr nach rechts. Wenn wir
Martin: Größtenteils wurde das abgelehnt. Andererseits hat Diskussionen anfangen, versuchen sie das immer abzu-
es uns aber nicht so tangiert. Was sollten wir auch machen? blocken. Dann kommen natürlich Sprüche, daß wir aus der
Du mußtest einfach erkennen, daß eh alles in den Arsch Klasse raus sollen, weil wir halt links sind, oder es wird ei-
geht, du bist einer, und die ganze Stadt um dich herum ju- nem »linke Sau« hinterhergerufen. Einigen aus der Jugend-
belt. front wurde von Faschos gedroht: Wenn ihr – also die Ju-
gendfront – uns stört, dann seid ihr dran, dann machen wir
Womit habt ihr eure Arbeit fortgesetzt? euch fertig.
Barbara: Wir haben begonnen, eine Jugend-Antifa aufzu- Martin: Früher war es irgendwie extremer. Jetzt ist das Gros
bauen. Da arbeiten ungefähr zehn Jugendliche im Alter zwi- der Schüler eher prollig, spießbürgerlich drauf. Die ziehen
schen 16 und 18. Wir stecken aber noch ziemlich in den An- Markenklamotten an und vertreten die normale Bürger-
fängen. Ich weiß nicht, ob das bei Neugründungen immer so Meinung, eben daß Ausländer kriminell sind und nur »unse-
ist, aber wenn wir keine Erfolge sehen oder keine Ideen ha- re« Wirtschaft belasten. Sie sind auch nicht so organisiert
ben, sind wir oft kurz davor, uns gleich wieder aufzulösen. wie früher. Meistens hängen sie rum, lassen sich vollaufen
und markieren den Starken, aber wenn’s hart auf hart
Wie hattet ihr euch die Arbeit der Jugend-Antifa denn vorge-
kommt, verpissen sie sich.
stellt?
Sechzehnjährige Fascho-Kids haben mal beim Penny-Markt
Barbara: Das große Ziel war, die Fascho-Kids und die Hob- an der Grenze Polen angemacht, die da einkaufen gegangen
byfaschos von der Straße wegzubringen, bevor sie richtige sind. Irgendwann sind dann polnische Heavy Metals rüber-
Faschos werden. Dann versuchen wir zu verhindern, daß gekommen und haben die ordentlich verdroschen.

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Wie war die Stimmung in Guben, als die Grenze zu Polen geöff- halten ihre Jugend voll unter der Fuchtel. Es hat ein paarmal
net wurde? Konzerte gegeben, organisiert von den Städten Gubin und
Axel: Eigentlich ruhig. In Städten wie Frankfurt/Oder war Guben zusammen, da kamen auf 100 Leute 20 Bullen, die
es wesentlich schlimmer. Hier hat das Interesse der Deut- beim Konzert mitten unter den Leuten rumstanden, mit
schen überwogen, in Polen billig einkaufen zu können. Gut, Helm und Knüppel. Also, was soll sich da schon entwickeln?
bei einer Arbeitslosenquote von 18 bis 20 Prozent in Guben Fahren deutsche Faschos rüber nach Polen?
ist das auch zu verstehen. Da macht es sich schon bemerk-
bar, wenn du drüben tanken fahren kannst oder dort deine Stefan: Die werden sich schwer hüten.
Lebensmittel für ein Viertel des Preises kriegst.
Ihr habt vorhin davon erzählt, daß nach eurem Streit vieles in die
Stefan: Bemerkenswert ist höchstens, daß sich kurz nach der Brüche gegangen ist. Andererseits baut ihr wieder neue Struktu-
Grenzöffnung der Abgeordnete der DSU aus dem Gubener ren auf. Was ist dazwischen passiert? Fangt ihr wieder bei Null
Stadtparlament nicht erblödet hat, mit den Faschos gemein- an?
same Sache zu machen. Die haben einen richtigen Auf-
marsch veranstaltet, sind mit Reichskriegsfahnen durch Gu- Axel: Es ist ja nicht alles zu Ende gewesen. Den Infoladen
ben gezogen und haben einen Schlagbaum beschädigt. Der gab es die ganze Zeit über weiter, wir haben uns nach wie
DSU-Mann ist dafür verurteilt worden, trotzdem sitzt er vor an überregionalen Sachen wie Wunsiedel beteiligt. Und
immer noch im Stadtparlament. dann hatten wir natürlich das Café. Das ist für die politische
Arbeit, die wir jetzt machen, enorm wichtig geworden. Mei-
Habt ihr Kontakte zu polnischen Linken auf der anderen Seite? ner Meinung nach kommen wir so viel besser an die Kids
Axel: Wir haben das mal versucht, aber die polnische Seite, ran, als wenn wir die Stadt mit irgendwelchen Pamphleten
die Stadtverwaltung in Gubin, hat da schnell einen Riegel vollkleben. Wir lassen jeden rein, außer bekannte Sexisten
vorgeschoben. Wir hatten zum Beispiel mal eine Band ein- und Führungskader der Faschos. Natürlich sind bei denen,
geladen, hier bei uns zu spielen, war auch alles fix und fertig die kommen, auch welche dabei, die früher bei den Nazis
vorbereitet, und dann bekam die Band die Auflage vom pol- waren. Wir hatten deswegen intern ernsthafte Auseinander-
nischen Zoll, daß sie keine Instrumente mitnehmen dürfen. setzungen, weil einige sich davon gestört gefühlt haben.
Da ist das natürlich gestorben. Wir waren mal drüben, da Nach Diskussionen sind wir dann übereingekommen, daß
mußten wir mehr oder weniger flüchten. wir die Betreffenden reinlassen, solange sie weder hier noch
anderswo Stunk machen, und das funktioniert auch.
Wieso?
Axel: Es gibt gerade in Gubin ein paar Skins, die ziemlich Ihr habt also gute Erfahrungen damit gemacht, daß ihr euch
antideutsch sind. Die sind auch faschistoid, haben Sprüche geöffnet habt und nicht mehr so abschottet?
drauf wie: Polen den Polen und so. Letztens waren rund 50 Axel: Die Ausgrenzung nutzt uns ja nichts. So haben wir ja
polnische Glatzen in Cottbus und haben die Autos von ein auch viel mehr Akzeptanz gefunden. Auch wenn da jetzt
paar Führungsmackern der DA plattgemacht. Aber eigent- welche mit Anti-Nazi-Aufnähern hier ins Café kommen,
lich differenzieren sie nicht zwischen Linken und Rechten. wissen wir doch, daß da politisch nicht unbedingt was dahin-
Für die sind alle Deutschen gleich negativ und müssen weg. tersteht. Die sind nicht von heute auf morgen große Antifa-
Martin: Wir wissen im Grunde nichts über die polnische schisten geworden, aber sie haben für sich was klargekriegt.
Szene. Mal abgesehen von den Sprachschwierigkeiten, die Und das werte ich erstmal als Erfolg.

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Martin: In der Jugendfront gibt es nach wie vor eine Dis- mich hinstelle mit meinem Vierteljahrhundert und so einem
kussion darüber. Wir fragen uns, ob man den rechten Ju- Vierzehnjährigen was erzählen will, sagt der doch, verpiß
gendlichen militant Angst machen sollte, damit man sie erst- dich, Alter.
mal rankriegt, oder nicht. Ich glaube schon, wenn wir in
dem Neubaugebiet militant Präsenz zeigen, werden die sich Ihr macht in eurem Café auch Veranstaltungen?
überlegen, ob sie überhaupt noch was machen. Neulich war Stefan: Unser Anwalt hat hier beispielsweise ein Seminar
eine Reporterin bei uns, die bei den Kids im Neubauviertel gemacht. Wir machen aber auch einen Haufen kulturelle
rumgefragt hat. Der haben die Kids von einer riesengroßen, Sachen, Konzerte, zeigen kritische Filme. Wobei das alles
starken autonomen Szene in Guben erzählt. Da weißt du ja nicht auf Kommerz ausgerichtet ist.
ungefähr, was die für einen Eindruck von uns haben.
Wie ist heute das Verhältnis zur Stadt?
Stefan: Auch nicht unberechtigt. Im vorigen Jahr, ich arbei-
tete damals im hiesigen Asylbewerberheim, hatten Cottbus- Stefan: Wir sind jetzt salonfähig. Wir sind anerkannter
ser, Eishenhüttenstädter und Gubener Faschos geplant, das Träger der Jugendarbeit, nur Geld kriegen wir von der Stadt
Heim hier anzugreifen. Am Ende tauchte der Gubener Ba- nicht. Wir müssen alles selber erwirtschaften. Aber wir sind
bysturm alleine vor dem Heim mit Steinen in der Hand auf. erstmal akzeptiert und können jetzt auch aus einer ganz an-
deren Position irgendwelche Sachen verklickern. Vor allem
Babysturm? was die Deutsche Liga angeht. Der Extremismusausschuß
der Stadt Guben hat mal hier getagt, da haben wir denen
Stefan: So Sechzehn- bis Achtzehnjährige. Wir haben das
erstmal ein paar Sachen gegeben, Filme, Fotos, ein paar
Heim geschützt, obwohl auch der BGS da war. Erst haben
Bücher, ein paar Zeitungen. Damit die sich erstmal damit
die Faschos von den Bullen Prügel bezogen, und dann von
beschäftigen, was für ein Volk hier in der Stadt herumläuft.
uns.
Martin: Aufschlußreich für den Grad der Akzeptanz der An-
Axel: Als wir militant waren, hat uns das in den Augen der
tifa ist auch, wie die Miete für das Café getragen wird. Stadt-
anderen Seite aufgewertet. Es war überhaupt die Vorausset-
verordnete aller Fraktionen bestreiten die nämlich aus ihren
zung, um an die Jugendlichen ranzukommen, von ihnen
Aufwandsentschädigungen.
ernst genommen zu werden. Wir haben gezeigt, daß wir
auch diese Sprache sprechen, uns körperlich auseinanderset- Stefan: Interessant ist auch, daß in dem alten, kurz nach der
zen können. Deshalb sind die gekommen, aus Angst. Wende gegründeten Stadtjugendring ohne die Antifa gar
nichts geht. Darin sind neben freien Gruppen wie uns die
Stefan: Du mußt dir mal so einen Vierzehnjährigen an- Jugendorganisationen von allen möglichen bürgerlichen
gucken. Wir haben mal einen auf den Kopf gestellt, und da Parteien zusammengeschlossen.
ist ihm ein ganzes Waffenarsenal aus der Tasche gefallen.
Haben sich die Kontakte zu anderen Antifa-Gruppen verändert,
Axel: Also, ich sehe mich da selber wieder, bloß eine Spur
nachdem ihr eure Arbeit fortgesetzt habt?
schlimmer. Die sind noch jünger als wir, als wir anfingen,
und sind noch härter drauf. Dagegen muß was gemacht wer- Axel: Die eigentliche Regionalorganisierung geht ursprüng-
den und dabei hat dieses Café eine wichtige Funktion, schon lich von Guben aus. Das ist uns zwar auf die Füße gefallen,
weil Gespräche relativ einfach möglich sind. Und auch die weil wir deswegen oft als arrogant verschrien wurden. Die
Jugendfront hat dabei eine wichtige Aufgabe. Wenn ich anderen haben uns vorgeworfen, daß wir nur noch Kopfar-

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beit machen und uns nicht mehr rumprügeln. Und nachdem die Beine zu stellen. Was die sich für Festivitäten leisten
wir die Diskussion um unsere Frauengruppe geführt hatten, wollten ...
haben wir wieder kritisiert, wie in anderen Gruppen mit
Martin: ... um als gesellschaftlicher Faktor anerkannt zu
Frauen umgegangen wird.
werden ...
Es gibt bis jetzt einen gewissen Konkurrenzstreit. Vor allem
durch diese AA/BO-Geschichte. Durch unsere Beteiligung Axel: Ich will in dieser Gesellschaft ja gar nicht anerkannt
daran sind wir auch über die Region hinaus bekannter ge- werden.
worden.
Stefan: Mir hat bei diesem Bundestreffen vor allem der
Welche Position habt ihr dazu? menschliche Faktor gefehlt. Von daher habe ich nur negati-
ve Erinnerungen daran. Die haben mit so vielen Fremdwör-
Martin: Es gibt keine einheitliche Meinung über die bun- tern rumgeknallt, da haben mir nur die Ohren geschlackert.
desweite Organisierung hier in Guben. Erst waren wir total Und dann, wenn jemand aus anderen Zusammenhängen ge-
begeistert, aber dann sind wir zu dem Schluß gekommen, sprochen hat, mußte er sich von Göttingern fragen lassen:
daß es ein großer Fehler war, daß wir uns daran beteiligt ha- Wo kommst du eigentlich her? Da ist mit glatt die Luft weg-
ben. Wir als Antifa sind immer zu den Treffen gefahren, geblieben. Insgeheim habe ich mich gefreut, daß da immer
aber hier in Guben haben wir nichts mehr klargekriegt. Ei- mehr Städte abgesprungen sind.
nige wollten mitmachen, weil es eine Organisationsform ist,
über die du gute Pressearbeit machen kannst. Martin: Charakteristisch für das Ost-West-Verhältnis bei
dem Treffen war auch, daß die Gruppe aus Forst1 abgehau-
Ihr hattet ja hier ein Bundestreffen ... en ist. Sie haben gesagt: Die streiten sich hier über einzelne
Axel: Das war gut und schön, aber es sollte auch das letzte in Worte, und wir wissen nicht, ob wir von Faschos was auf’s
Guben gewesen sein. Ich für mich sehe keinen Sinn darin, Maul kriegen, wenn wir nach Hause kommen.
sich dermaßen überregional zu strapazieren, dafür sind wir
Ist euch noch etwas wichtig, was bisher noch nicht angesprochen
zu klein. Wir sollten da eine Rolle spielen, die wir gar nicht
wurde?
hätten abdecken können. Irgendwelche bundesweiten Orga-
nisationen lehne ich sowieso eher ab. Das funktioniert bes- Axel: Wir machen über das Café eine ganze Menge sozial-
ser, wenn der Osten alleine was untereinander klarkriegt. politischer Arbeit. Neben den erwähnten Gruppen wie Info-
laden oder Jugendantifa hat auch die Schwulengruppe von
Martin: Auf alle Fälle ist für uns die Ostvernetzung besser,
Guben hier bei uns ihre Räume. Es passiert schon mal, daß
wichtiger. Trotzdem begrüße ich immer noch eine bundes-
eine Schulklasse ihren Unterricht bei uns abhält. Aber um
weite Organisation. Es gibt im Westen viel mehr Diskussio-
richtig gute Jugendarbeit zu machen, müßte das natürlich
nen als im Osten, und aus der Entwicklung der linken Szene
dort stattfinden, wo die Jugendlichen den größten Teil ihrer
in Westdeutschland läßt sich auch eine Menge lernen.
Zeit verbringen: in der Schule oder in den Jugendklubs. Das
Außerdem organisieren sich die Faschos ja auch in Ost-
jedoch hat uns die Stadtverwaltung strikt untersagt. An städ-
West-Zusammenhängen. Die Nazi-Parteien, die es hier
tischen Einrichtungen dürfe nirgends in der neuen Bundes-
gibt, die sind ja nur Ableger von Westparteien.
republik politische Arbeit gemacht werden. Die herrschende
Axel: Bei uns wurde vor allem der Aufwand kritisiert, den rechte Pöbelmeinung jedoch ist dort natürlich präsent. Und
die Westler betreiben wollten, um so eine Organisation auf wird mit Geldern der Regierung noch gefördert. Wir haben

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überhaupt kein anderes Feld mehr als die Straße. Und wo Wir brauchen eine verbindlichere Struktur
das hinführen kann ...
Interview mit der Antifa Bonn/Rhein-Sieg

Anmerkung:
1 Kleinstadt im Süden des Landes Brandenburg, etwa 40 Kilometer
Die Antifa Bonn/Rhein-Sieg ist in den letzten Jahren zu ei-
von Guben entfernt und auch an der Grenze zu Polen gelegen.
ner festen Organisation gewachsen. Sie ist aus einem antifa-
schistischen Plenum und den seit 1989 in der Region ent-
standenen autonomen Antifa-Jugendfront-Gruppen hervor-
gegangen. Mit der Organisierung von Antifa-Gruppen ant-
worteten linke Jugendliche auf die überaus starke FAP-Prä-
senz und die Untätigkeit autonomer Gruppen in den 80er
Jahren im Bonner Raum.

Wann kam es zur Herausbildung von Antifa-Strukturen in


Bonn?
Uli: Die Antifa Bonn hat sich Mitte der 80er Jahre wegen
der zunehmenden Nazi-Angriffe gebildet. Den letzten Aus-
schlag gab ein brutaler Nazi-Überfall auf Punks, 1984. In
dem Jahr danach begann sich die Antifa zu gründen. Das war
eigentlich eine Entwicklung neben der bestehenden linken
Szene in Bonn. Unser Schwerpunkt war erstmal, den mili-
tanten Nazis entgegenzuarbeiten. Die FAP ist in Bonn sehr
stark. Sie hat hier einen ihrer größten »Gaue« und hat den
Straßenterror in Bonn gesteuert.
Was meinst du mit »Entwicklung neben der Szene«?
Uli: Die Antifa hat sich damals parallel zu den autonomen
Infoladenstrukturen entwickelt. Es gab natürlich vielfältige
Beziehungen, auch gemeinsame Demos und Aktionen, aber
es war schon eine eigenständige Organisierung.
Gibt es dafür Gründe?
Uli: Die autonome linke Szene war von einem enorm hohen
Anspruch geprägt, am liebsten alles auf einmal verändern zu
wollen. Dabei ist dann praktisch aber so gut wie gar nix her-

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ausgekommen. Antifa hatte im Gegensatz dazu ein klar ab- dieser Schwerpunkt, gegen die gewalttätigen Neofaschisten
gegrenztes Themenfeld (das damals vielleicht noch nicht so vorzugehen. Es wurde Recherche-Arbeit gemacht, also die
wichtig war wie heute) und die eigenen Ansprüche etwas tie- Nazi-Strukturen ausgeleuchtet, und sich den Nazis militant
fer gehängt. entgegengestellt. Neben diesen ganzen Demos gegen Rep-
Die linksradikale Szene war zu diesem Zeitpunkt hauptsäch- Veranstaltungen und kleineren Scharmützeln war es beson-
lich mit internen Diskussionen beschäftigt, diesen lähmen- ders wichtig, gegen die bekannten Nazi-Kneipen in der
den Richtungsauseinandersetzungen zwischen Antiimps und Stadt was zu tun. Es gab Nazi-Kneipen, von denen aus re-
Autonomen, und das nicht nur hier in Bonn. Natürlich gab gelmäßig normale Passanten, Linke und Ausländer angegrif-
es noch inhaltliche Debatten, die wir auch aufgegriffen ha- fen und zusammengeschlagen wurden. Es wurde dann im
ben, z.B. über Vergewaltiger, Sexismus und Patriarchat, Gegenzug versucht, sich die Nazi-Führer rauszugreifen. Da
aber die Form solcher Diskussionen war oftmals total de- gibt es symbolisch sehr wichtige Geschichten, daß sich drei
struktiv, so daß im Endeffekt viele Gruppen daran zerbro- Antifas z.B. einen Nazi-Chef herausnehmen und verprü-
chen sind. Es hat Jahre gebraucht, daraus resultierende Spal- geln, und sein ganzer Anhang von zehn Mitläufern schaut zu
tungen wieder aufzuheben. und traut sich nicht einzugreifen. Bei deren autoritärer
Außerdem gibt es ein Problem mit dem linken Szene-An- Sruktur war das sehr wirkungsvoll.
spruch, wie man sich ausdrückt und gibt, den können ei-
gentlich nur wenige erfüllen. Jugendliche, die von der Rainer: Etwas anderes sehr Wichtiges war, daß die Nazis als
Hauptschule kamen und sich nicht so geschliffen aus- Kristalisationspunkt bestimmte Uni-Feste wählten, um da
drücken konnten und diesen ganzen sexistischen Scheiß z.B. auch von auswärts einzufallen. Die sind da offen aufgetreten
viel direkter ausdrückten, die waren von vornherein ausge- und haben das Publikum richtig tyrannisiert. Wir haben uns
grenzt. dann, ich glaube, das war 1988, auch mit anderen Antifas zu-
sammengetan, sind da hingegangen, haben Flugblätter ver-
Und das war bei der Antifa nicht der Fall? teilt und Nazi für Nazi rausgeprügelt.
Uli: Es wurde versucht, die unterschiedliche soziale Her- Uli: Die Nazis liefen da in Montur und Abzeichen rum,
kunft nicht zu so einem Spaltpilz werden zu lassen, sondern nicht nur Bonner, sondern auch von der FAP aus Dort-
die Diskussionen so zu führen, daß auch neue Leute ohne mund. Die haben ganz direkt versucht zu rekrutieren, und
große Erfahrungen einen Zugang finden können. Denen bis 1990 haben die in Bonn auch jedes Jahr einen immer
wurde nicht gleich das ganze Glaubensbekenntnis abver- größer werdenden Aufmarsch am 17. Juni veranstaltet.
langt, »ja, ich bin gegen Rassismus, Sexismus, Faschismus
usw.«. Diese Überlegungen führten dann später auch zur Hat die starke FAP-Präsenz in Bonn etwas damit zu tun, daß
Entstehung einer Antifa-Jugendfront in Bonn. Kühnen aus Beuel kam?

Eurem Anspruch nach habt ihr also erstmal Antifa als direkte Rainer: Hier in Bonn war immer der Busse-Flügel1 aus-
Anti-Nazi-Arbeit verstanden? schlaggebender. Das sind Figuren wie Ralf Tegethoff aus
Bad Honnef-Aegidienberg, der hier einen starken »Gau«
Uli: Für uns bedeutet Antifa, als Teil einer linksradikalen leitet.
Bewegung einen Schwerpunkt zu setzen, an dem eine konti-
nuierliche Arbeit möglich ist, und nicht einer Kampagne Haben die Nazis eine nennenswerte Bastion an der Universität,
nach der anderen hinterherzulaufen. Für uns in Bonn war oder wie kommt es, daß sie ausgerechnet auf Uni-Festen agierten?

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Rainer: Also, die Feste hat der AStA organisiert und viele Also, das war richtig heftig, mit Straßenschlachten um acht
Nazischläger sind da so hingekommen wie vor zehn Jahren Uhr abends im Sommer, wo total viele Bürger auf der Straße
etwa die Rocker. waren. Das war eigentlich auch unser erster größerer Erfolg,
Aber zur Uni wäre dennoch zu sagen, daß es hier sehr viele weil die Wirte des Lokals wegen dieser andauernden Randa-
Burschenschaften gibt, die viele Veranstaltungen machen le dann die Konzession entzogen bekamen.
und auch Verbindungen zu organisierten Neonazis unter- Uli: Viel von unserem Gruppenzusammenhalt kam zunächst
halten. Eine schillernde Figur in diesem Spektrum ist sicher von diesen gemeinsamen Patrouillen und den direkten Ak-
der »Extremismus-Forscher« Professor Knütter, der am Se- tionen. Aber es gab auch schon so erste Ansätze einer Öf-
minar für politische Wissenschaften lehrt. Er ist einer der fentlichkeitsarbeit. Als Vorläufer von dem jetzigen Antifa-
intellektuellen Wegbereiter des »Anti-Antifaschismus«. Sei- Info Rhein-Sieg haben wir bereits für das Berliner Jugendin-
ne Bücher haben Titel wie »Deutschfeindlichkeit«, und un- fo einen Bonner Lokalteil gemacht, der dann kostenlos an
ter seinem Mentorat hat ein Uni-Arbeitskreis Veranstaltun- den Schulen verteilt wurde. Die Antifa ist dann relativ rasch
gen mit dem Geschichtsfälscher David Irving und dem angewachsen, was natürlich auch zu einigen internen Wi-
rechtsradikalen Barden Frank Rennicke in der Universität dersprüchen führte.
abgehalten.2
Was für Widersprüche meinst du?
Wie gehen denn die Bonner Stadtpolitiker mit ihren Nazis um?
Uli: Ja, dadurch, daß auch mehr Leute kamen, gab es auch
Uli: Bonn wird von der CDU regiert. Der ging es größere Unterschiede und verschiedene Bedürfnisse. Einige
hauptsächlich darum, militante Auseinandersetzungen erst waren bereits politisiert, mit einem inhaltlichen Hinter-
gar nicht sichtbar werden zu lassen. Die Auseinandersetzun- grund und mehr Erfahrung, weil sie eben schon vorher was
gen mit Neonazis wurden bis Anfang der 90er auch von der gemacht hatten. Aber es gab auch andere, für die erstmal die
Presse konsequent verschwiegen, außer es ging gar nicht Aktion der Anreiz war mitzumachen und die auch zum Teil
mehr. Man konnte nichts darüber lesen, ob nun Nazis Mi- schulisch einen anderen Hintergrund hatten. Mit einem ein-
grantInnen angriffen oder sie umgekehrt auf’s Maul beka- zigen gemeinsamen Plenum war das nicht mehr zu fassen.
men. Das hat auch ein bißchen mit dieser Hauptstadt-Dis- Da fühlten sich auch die Jüngeren oftmals einfach überfor-
kussion zu tun. Die Bonner hatten immer die Strategie ge- dert und bevormundet. Als Ergebnis daraus entstanden
habt, einen auf heile Welt zu machen, und in Berlin tobt der mehrere Gruppen, oft auch nach lokalen Gesichtspunkten,
Mob ... in denen die unterschiedlichen Bedürfnisse besser geregelt
werden konnten. Da gab es eine Gruppe mit Älteren, die
Rainer: Dabei war das eigentlich nicht zu übersehen. Da stärker inhaltlich arbeiten wollte, und es gab eine Gruppe
gab es zum Beispiel diese Kellerkneipe. Die hieß erst mit den Jüngeren, Unerfahreneren, und aus einem gegensei-
»Schlüssel« und später dann »Night-and-Day« hier mitten tigen Bedürfnis sind da zwei von den Älteren reingegangen,
in der Innenstadt. Da hingen am Wochenende regelmäßig um konkrete Aufbauarbeit zu leisten und die bisher gemach-
Nazis rum. Das ging dann so weit, daß man mit roten Haa- te Erfahrung weiterzuvermitteln.
ren an der Kneipe nicht mehr vorbeilaufen konnte, ohne Är-
ger zu bekommen. Und da sind wir dann halt mit jugendli- Und das hat funktioniert?
chen Antifas auch jedes Wochenende Patrouille gelaufen, Rainer: Ja, es gab ein gemeinsames Vertrauenverhältnis.
ein halbes Jahr lang, und haben uns mit denen rumgekloppt. Wichtig war, daß auch total viel über die private Schiene

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lief, daß man auch sonst etwas zusammen gemacht hat und Standardlook 1986 hieß: Bundeswehrhosen, Bundeswehr-
sich eben nicht nur auf den Treffen gesehen hat. Also, daß es stiefel, Lederjacke und eine möglichst ausgefallene Frisur zu
keine solche Trennung von privat und politisch gab. Ohne haben. Dazu dann noch das überkorrekte Szenegehabe: Al-
das Umfeld, das die Antifa-Jugendfront damals geboten hat- les schön gerade reden und sich schön ducken, dann kannst
te, wären die Leute auch wohl schnell wieder verschwunden. du auch nicht anecken ... Und da gab es halt auch welche, die
das nicht gemacht haben und zum Teil auch gar nicht konn-
Und wie haben sich die Gruppen untereinander koordiniert? ten, weil sie auch anders sozialisiert waren, und die kamen
Uli: Als Modell ist dann ein Delegiertentreffen entstanden. dann in der autonomen Antifa zusammen. Aber der Knack-
Alle zwei Wochen treffen sich die Vertreter der Gruppen, punkt war die Gewalt auf der Straße, das Sich-Einlassen auf
um Diskussionen und Aktionen zu koordinieren. In den die offene Auseinandersetzung mit den Faschos, mit allem,
letzten Jahren konnten so nach dem oben beschriebenen was an Vorbereitung dazugehört, auch Kampfsport, das war
Muster laufend neue arbeitsfähige Gruppen entstehen. Ge- der Knackpunkt.
rade im Zuge des Golfkrieges sind wieder viele neue dazuge- Also wurde euch von den älteren Autonomen eine Militarisierung
kommen ... Dieses Gruppenmodell ermöglicht einfach, die vorgeworfen?
verschiedenen Interessen stärker zu berücksichtigen. Es ist
auch gelungen, erheblich ältere Linke, die einmal Autonome Manfred: Ja, Streetfightertum. Die Antifas waren nun mal
waren und dann aus Mangel an Perspektiven ausgestiegen die jüngeren und unerfahreneren in der Szene, und so wurde
sind, für Antifa-Arbeit zu gewinnen. Also auch einige aus der eine mangelnde ideologische Grundlage für die militanten
autonomen Infoladenszene, die vorher in der Antifa keinen Aktionen unterstellt. Konkret sah das dann so aus, daß die
Sinn gesehen haben, aber im Zuge der immer stärker wer- JugendfrontlerInnen sich die Stadt alleine freiprügeln muß-
denden Faschisierung auch konkreter was tun wollten. ten.
Uli: Die linke Szene wohnt ja gerne in der Altstadt. Die be-
Was war denn die Kritik der anderen autonomen Linken an euch
wegen sich vielleicht 100 Meter am Tag zwischen Wohnung
in den 80er Jahren, was machte denn den Unterschied zwischen
und Stammkneipe hin und her, und es stimmt schon, da be-
Bonner Antifa und Bonner Autonomen genauer aus?
gegnet man wahrscheinlich keinem Fascho. Aber was um die
Manfred: Wir hatten hier in Bonn konkret das Problem, Ecke los ist, an den Schulen oder in anderen Stadtteilen ...
daß die Faschos sichtbar wurden und offenen Straßenterror
ausübten und wir damit vor der Frage standen, was wir jetzt Nun sind die Autonomen in den 80er Jahren, von denen ihr euch
machen. Es hat sich dann schnell eine kleine Gruppe heraus- abgrenzt, ja nicht gerade als die großen TheoretikerInnen ver-
gebildet, die das mit militanten Aktionen anging. Es gab halt schrieen ... ?
eine Diskrepanz zwischen dem eher praktischen, militanten Manfred: Naja, das war eben sehr stark aufgesetzt, hat aber
Ansatz gegenüber den Faschos und dem eher theoretischen gewirkt. Und um keine Mißverständnisse aufkommen zu
der alten autonomen Zusammenhänge. lassen: Diejenigen, die in Bonn die Antifa aufgemacht ha-
Die waren ja alle sehr autonom, hatten ihre Kleiderkonven- ben, kamen alle aus der autonomen Szene. Also, wir waren
tion, ihren Sprachkodex ... Du brauchtest ja nur ein paar Re- zum Teil an der Startbahn West oder in Wackersdorf aktiv
dewendungen draufzuhaben, dich auf eine bestimmte Art dabei. Aber wir brauchten eine verbindlichere, weniger
und Weise bei Treffen zu verhalten, und dann warst du Au- oberflächliche Struktur, gerade auch im Umgang unterein-
tonome/r. Diese ganze Oberflächlichkeit ... autonomer ander, das war uns eben sehr wichtig, ob jetzt für Diskussio-

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nen oder Aktionen. Diese autonomen Plenen waren immer daß wir uns die Anerkennung mühsam erarbeiten mußten,
offen, so offen, daß wir gar nicht bemerkt hatten, daß da z.B. so klopfen die Übriggebliebenen inzwischen auch mal an
auch ein Bulle in der ersten Reihe mit dabei saß, der sich ir- unsere Tür. Das hängt aber auch mit unserem veränderten
gendwann durch seine Sachkenntnis selbst geoutet hat, und Organisationsansatz zusammen, daß wir langsam und
da fiel uns allen die Kinnlade runter. Der war eigentlich kein schrittweise eine sichtbare Organisation wurden, die in der
Spitzel, der machte halt beruflich was anderes als in seiner Lage ist, öffentlich so zu agieren, daß niemand mehr dran
Freizeit, und da hat es uns erstmal gelangt, und wir haben vorbeikommt.
die Gruppe dichtgemacht und uns klarere Kriterien über- Manfred: Es gibt so einen nie eingelösten, aber in den 80er
legt. Jahren oft ausgesprochenen Anspruch der Autonomen: glo-
Griffen die Nazis zu jener Zeit schon massiv MigrantInnen oder bal denken, lokal handeln. Das wurde nie verwirklicht, und
andere diskriminierte Bevölkerungsgruppen wie Obdachlose an? das versuchen wir jetzt zu ändern.
So, wie ihr es bisher dargestellt habt, waren es vor allem Linke ... Aber gab es nicht anfangs ein Mißtrauen, auch aus anderen Städ-
Manfred: Zu der Zeit gab es vor allem Angriffe auf Jugend- ten, gegenüber dem, wie ihr linke Organisierung betreibt, was ihr
liche aus der Punk- und Independent-Szene. Alle Leute, die Aufbauarbeit nennt, daß dies wieder zu autoritären Anleitungen
sich schwarz kleideten, waren potentielle Opfer. Das Feind- führt?
bild der Faschos konzentrierte sich auf Linke und Punks. Anne: Also, vielleicht sollte ich mal dazu was sagen. Ich bin
Uli: Ja, und gerade an den Schulen gab es harte Auseinan- in einer Gruppe, die nun so seit einem dreiviertel Jahr exi-
dersetzungen mit den Rechten, und das hat die autonome stiert. Wir waren alles Schülerinnen und Schüler, und dazu
Szene gar nicht wahrgenommen. kamen eben zwei von den erfahreneren Antifas. Da haben
wir uns erstmal mit so allgemeinen Fragen auseinanderge-
Manfred: Weil sie eben auf die Autonomen in ihren Ghet- setzt wie Militanz und staatliche Repression. Wir haben Fil-
tos nicht rechnen konnten, sind die Jugendlichen zu uns ge- me angeschaut und darüber diskutiert, was für uns sinnvoll
kommen und haben uns erzählt, wie übel es an den Schulen ist, was wir selbständig gegen Faschos machen können. Und
abgeht. Das ist so ein Bereich gewesen, wo wir als autonome im Moment macht unsere Gruppe bei einer Kampagne ge-
Antifa gesagt haben, wir organisieren jetzt eine Antifa-Ju- gen Kioske mit, die faschistische Zeitungen verkaufen. Mitt-
gendfront. lerweile ist es so, daß die Gruppe auch ohne die Älteren
Hat sich denn, um auf die Gegenwart zu kommen, das Verhältnis funktionieren würde. Das sieht man schon, wenn die mal
zwischen den übriggebliebenen Autonomen und der Antifa mitt- fehlen. Und warum sollen schon gemachte Erfahrungen
lerweile normalisiert? nicht weitergegeben werden, warum sollen alle, die wie wir
neu anfangen, die alten Fehler wiederholen?
Uli: Also, das ist ziemlich drastisch. Eine autonome Szene
gibt es in dem Sinne eigentlich hier gar nicht mehr. Die An- Manfred: Ich glaube, es war ein prinzipieller Fehler der au-
tifa ist inzwischen die größte linksradikale Gruppe in der tonomen Szene, Selbstorganisierung damit zu verwechseln,
Stadt, und natürlich gibt es noch andere kleine Gruppen, die daß sich alle vom Nullpunkt aus alles selbst erarbeiten müs-
gute Arbeit machen, aber etwas Faßbares, so eine autonome sen.
Szene-Struktur mit öffentlichen Orten wie Infoläden und Uli: Im Grunde hat sich die autonome Szene teilweise ein-
Volxküche, gibt es einfach nicht mehr. Und so bitter das ist, fach selbst belogen. Es gibt einfach immer schon Hierarchi-

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en, dadurch, daß ein paar erfahrener sind, dadurch, daß es rücksichtigen. Gerade wenn Leute körperliche Auseinan-
Leute gibt, die mehr wissen, und das mußt du erstmal über- dersetzungen bislang nicht so gewohnt sind und selber zum
haupt feststellen, bevor du so was abbauen kannst. Es bringt ersten Mal an etwas teilnehmen wollen, wo es möglich ist,
nichts, einfach zu sagen: Weil wir alle ohne Hierarchien le- daß was passiert.
ben wollen, sind wir schon gleich. Damit lügt man sich nur Mittlerweile gibt es aber ein ganz anderes Problem. So viele
in die eigene Tasche. Im Endeffekt hat die autonome Szene Auseinandersetzungen mit den Faschos auf der Straße gibt
dadurch nur diejenigen ausgeschlossen, die eben nicht auf es gar nicht mehr. Die laufen jetzt lieber so rum, daß man sie
ihrem Niveau reden konnten, die nicht einem gewissen nicht gleich erkennt, und ein Teil der Bonner FAP-Szene
Äußeren entsprachen ... arbeitet inzwischen auf einem viel höheren Niveau, bundes-
weit und mit guten Auslandskontakten. Die machen immer
Und wie vermittelt ihr denn zum Beispiel die gemachten Erfah- noch Sachen wie in anderen Städten auch, bloß laufen die
rungen, wie sieht das aus etwa in bezug auf militantes Vorgehen? halt nicht mehr so rum ...
Manfred: Gerade anfänglich, als es klar war, daß es eine Manfred: Es gibt ein ausgesprochenes Innenstadtverbot von
größere Häufigkeit an direkten Auseinandersetzungen ge- der Antifa an die Faschos, an das sie sich die nächsten 2 000
ben wird, haben wir in den Gruppen besonders darauf ge- Jahre zu halten haben. Und dadran halten die sich auch, das
achtet, verbindlich zu klären, wie weit wir hier gehen. Im ist ja eine Frage des Kräfteverhältnisses, und das ist eindeu-
Klartext: Daß wir es hier in Bonn nicht verantworten kön- tig. Die können hier nicht mit kleineren Gruppen durch die
nen und es auch ideologisch für falsch halten, Faschisten so Stadt ziehen und sich eine Kneipe nehmen. Was sie aber im-
zu verprügeln, daß sie danach nicht mehr aufstehen können. mer noch können, ist hier eine Demonstration anmelden.
Wir gehen eben davon aus, daß du eine Gesinnung ändern Bei ihrem letzten Versuch am 8.2.1993 waren sie mit 120
kannst, aber eine körperliche Behinderung vielleicht nie Hanseln aufmarschiert, und die Antifa hat die Demonstrati-
mehr. Und ein verantwortlicher Umgang mit Gewalt sollte on verhindert. Und im Rahmen der Verhinderung ist hier in
uns auch immer von den Rechten unterscheiden. Wie ihr Bonn auch zum ersten Mal die Polizei angegriffen worden.
euch vorstellen könnt, ist das bei militanten Auseinanderset-
Uli: Unsere Öffentlichkeitsarbeit ist ja mittlerweile viel bes-
zungen in der Praxis oft sehr schwer einzuhalten. Um
ser, die militante Demo hat den Bullen ziemlich Druck ge-
größere Schäden zu vermeiden, gibt es so ein paar Kriterien,
macht, und die Auseinandersetzungen sind in der Stadt viel
zum Beispiel kein Holz, wenn, dann Gummiknüppel usw. ...
sichtbarer geworden. So sind die Bullen nun halt gezwun-
Manchmal läuft das auch auf einem recht niedrigen Niveau,
gen, Naziaufmärsche im vornherein zu verbieten. Gegen die
aber dadurch, daß darüber Gespräche stattfinden, wird dem
Rechten machen die überhaupt nur was, wenn sich die Ge-
im nachhinein wenigstens beigekommen. Dazu gehört auch
schichten nicht mehr totschweigen lassen.
eine gute körperliche Ausbildung. Wir haben unseren eige-
nen Trainingsraum, und bei uns sind genug erfahrene Leu- Spielen Ereignisse, wie sie in Rostock passiert sind, eine Rolle,
te, die ihr Wissen und den richtigen Einsatz von verschiede- wenn es hier erstmals auch zu größeren Auseinandersetzungen
nen Techniken auch an Neue weitergeben können. mit der Polizei kam?
Uli: Es bleibt aber eine Gratwanderung, die auch nicht im- Manfred: Die Stimmung hat sich, gerade für viele Jugendli-
mer gelingt. Aber es wird sich auch viel Mühe gegeben, die che, nach Rostock ganz klar geändert. Eine auf den Demos
unterschiedlichen Möglichkeiten und Bedürfnisse zu be- ganz oft gegen die Bullen gerichtete Parole ist ja dieses »Wo

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wart ihr in Rostock?«. Denen nimmt niemand mehr was ab, linken Hochschulgruppen gebildet, an dem die Antifa betei-
und es wird eher von einer stillschweigenden Koalition aus- ligt war. Darüber ist die übliche antirassistische Arbeit ge-
gegangen, die dann an solchen Punkten wie der Demonstra- laufen, also Flüchtlingsheime beschützen, Aktionstage in der
tion, also wenn die Polizei Faschisten schützt, sichtbar wird. Innenstadt usw. Wir stehen dieser Form von »Feuerwehr«-
Uli: Nach Rostock gab es auch zum ersten Mal nach langer Politik aber kritisch gegenüber und haben versucht, etwas
Zeit wieder eine Scherbendemo, die auch konkret gegen Weitergehendes zu entwickeln. Wir versuchen jetzt gerade,
Einrichtungen wie das Landgericht gerichtet war, wo Pro- ein antirassistisches Infotelefon mit aufzubauen.
zesse gegen Antifas stattfinden, während so Schweinereien
Inwiefern beinhaltet ein solches Infotelefon mehr als das, was ihr
wie in Rostock passieren. Für uns war es auch selbstver-
ohnehin schon macht?
ständlich am Tag X, bei der Abschaffung des Asylrechts, an
der Blockade des Bundestages teilzunehmen. Anne: Es soll offener sein, damit es auch Leute benutzen,
Sichtbar als Antifa-Gruppe oder einfach als linke Demonstran- die sich nicht so organisiert haben wie wir. Damit alle leich-
tInnen? ter an wichtige Informationen herankommen, auch wir.
Uli: Letzteres. Was für Informationen sollen das denn sein?
Warum nicht erkennbar als Antifa? Manfred: Das geht vom Nachbarn, der sonntags ein brau-
Manfred: Regierungsviertel und Bannmeile sind eine »no- nes Hemd anzieht und Marschmusik hört, über Beamte in
go-area«. Das ist Bullenzone, und wer da hinfährt und etwas den Ämtern, die AusländerInnen schlecht behandeln, hin zu
bekannter ist, kriegt schnell was ab oder hat ein Verfahren rassistischen Lehrern und Professoren; alles, was wichtig ist
am Hals. Da sind wir etwas zurückhaltender geworden. und den Alltag vieler beeinflußt, damit man das auch mal
Seid ihr denn allgemein einem stärkeren Repressionsdruck ausge- namhaft machen und thematisieren kann.
setzt? Arbeitet ihr denn direkt mit Flüchtlingsgruppen oder organisier-
Manfred: Die Behörden leiten mit großer Regelmäßigkeit ten MigrantInnen zusammen, sind in euren Gruppen auch Men-
Verfahren gegen Linke aus der Antifa und der autonomen schen ohne deutschen Paß ... ?
Szene ein. Wegen den Demos gegen den Golfkrieg gab’s
eine ganze Latte von Prozessen. Zur Zeit stehen Prozesse Manfred: Ja. Und zu den Flüchtlingsheimen haben einige
wegen Aktionen gegen die Reps in Bad Godesberg an, im- aus der Antifa kontinuierlich gearbeitet. Manchmal ging es
mer kleinere und größere Sachen, Landfriedensbruch, Kör- dabei auch um ganz praktische Sachen. Z.B., die Stadt hatte
perverletzung und so weiter. Bonn ist halt eine kleine Stadt sich geweigert, die Flüchtlingsheime mit ausreichend Feuer-
mit großer Bullendichte, da wirst du schon schnell mal er- löschern zu versorgen. Die wurden dann nachts besorgt.
wischt, beim Sprühen oder sonst irgendwas. Oder daß überall ein Telefon ist. Es wurde geschaut, daß es
konkrete Ansprechpartner in den Unterkünften gibt, und
Um nochmal auf den vorigen Kontext zurückzukommen: Ihr gemeinsam für einfache Schutzmöglichkeiten gesorgt. Falls
gehört doch zu den Antifa-Gruppen, die in letzter Zeit auch ver- es zu Angriffen kommen sollte, gibt es Telefonketten, um
stärkt antirassistische Arbeit machen? für eine Verteidigung mobilisieren zu können.
Uli: Ja, nach Rostock hat sich in Bonn ein antirassistisches Es gibt auch eine Sondernummer des Antifa-Jugendinfos zu
Bündnis mit verschiedenen linken Gruppen, Linksradikalen, Rassismus und Flüchtlingspolitik in der BRD.

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Haben sich nach 1989 und dem Anschluß der DDR eure politi- Wieder Soldaten und die dazugehörigen Kriegsberichter-
schen Positionen verändert, gab es bei euch eine Diskussion über statter in alle Welt schickt ...
die alte DDR, oder ist das für euch ganz weit weg?
Manfred: Oder als erstes Kroatien anzuerkennen ...
Uli: Das ist schwierig. Also, geographisch sind wir hier erst-
Uli: Und natürlich kommt auch der Aspekt dazu, daß jetzt
mal näher an Brüssel als an Dresden dran, aber es spielt
die Verelendung in der DDR bewußt in Kauf genommen
natürlich schon eine große Rolle, weil die ganzen Entwick-
wird und der Rassismus der Bevölkerung von der westdeut-
lungen, die das ausgelöst hat, ja auch nicht vor dir haltma-
schen Regierung auch dazu benutzt wurde, wie man in Ro-
chen.
stock sah, um das Asylrecht abzuschaffen. Aber es gibt ei-
Manfred: Es ist ja nicht so, daß nur die Mauer und die DDR gentlich niemand, der die DDR toll findet und meint, daß
weg ist, der ganze Ostblock und die Sowjetunion als politi- alles wieder wie früher werden soll.
scher Gegenpol zum Westen sind verschwunden. Das geht
Manfred: Naja, es gibt schon welche, für die die DDR kein
nicht an uns vorbei, das hat Konsequenzen, ob es nun um
verteidigenswerter Staat war, die aber jetzt anfangen, diesem
Bosnien oder Somalia geht, und da kommen wir als Linke
System hinterherzuheulen, von wegen der Kinderhorte und
nicht drum ’rum, eine Position zu finden ...
den anderen schönen sozialen Errungenschaften. Es ist doch
Uli: Also, praktisch heißt das für uns auch, daß wir in den totaler Quatsch, die Legitimation eines Staates am Vorhan-
Osten gefahren sind, um da antifaschistische Aktionen zu densein oder Nicht-Vorhandensein von Kinderhortplätzen
unterstützen oder um sich einfach zu informieren. Es gibt festzumachen.
auch Kontakte zu Antifa-Gruppen in der alten DDR.
Nun gibt es ja Antifa-Gruppen wie die Antifa (M), denen eine ge-
Haben sich eure politischen Vorstellungen mit dem Ende der DDR wisse Nähe zu orthodox kommunistischen Vorstellungen nachge-
verändert, oder ist für euch alles relativ gleich geblieben? sagt wird. Mit denen arbeitet ihr zusammen. Tun sich da keine
Uli: Es hat sich viel verändert, allerdings sind auch viele und ideologischen Schwierigkeiten auf?
sehr existentielle Sachen gleich geblieben. Es gab vorher auf Manfred: Also, erstens erkennen wir bei der »M« keine or-
der Welt Armut, Hunger, Ausbeutung, Unterdrückung, thodox kommunistischen Vorstellungen. Zweitens verste-
Kriege, Faschismus usw. Das alles gibt es auch heute noch, hen wir nicht, wie man auf so was kommen kann, wenn man
und das ist das Entscheidende. Deshalb können wir auch die ihre Veröffentlichungen liest. Und drittens gibt es an einzel-
weinerlichen Linken, die in Hunderten von Reden und nen Punkten schon unterschiedliche Analysen und Vorstel-
Schriften bejammern, daß seit 1989 alles ganz anders ist, lungen, aber die sind Gegenstand gemeinsamer Diskussio-
nicht verstehen. Die Ausgangslage ist heute eine andere, un- nen mit der »M« und in der AA/BO und nicht eines solchen
sere politischen Vorstellungen haben sich dadurch nicht Interviews.
geändert. Wie die DDR als Staat zu beurteilen ist, da gab es
bei uns vor ihrem Ende unterschiedliche Positionen, und die Ihr beteiligt euch also an dem, was sich AA/BO (Antifaschistische
sind heute immer noch unterschiedlich. Es gibt aber nie- Aktion/Bundesweite Organisierung) nennt?
manden, der die DDR als anstrebenswertes Gesellschaftssy- Uli: Ja. Allerdings beteiligen wir uns nicht nur an der
stem gesehen hat. AA/BO, wir sind Teil der AA/BO. Wir haben zwar bei uns
Aber daß die BRD die DDR einfach mit übernommen hat keinen einheitlichen ideologischen Ansatz, also, nicht weil
und jetzt auch weltpolitisch eine ganz andere Rolle spielt ... wir jetzt darin den kommunistischen, anarchistischen, sonst-

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was-istischen Ansatz sehen, sondern weil die AA/BO die Gruppen nur in etwas größeren Städten aktiv sind und hier
konsequente Weiterentwicklung unserer Politik ist. Also, auch mehr Möglichkeiten haben als in anderen Regionen,
sich erst lokal, dann regional und dann bundesweit zu orga- wo oftmals nur ganz wenige, manchmal nur Einzelpersonen,
nisieren, betreiben wir aus praktischen Erwägungen heraus. was machen. Über einen besseren Austausch können wir uns
stärker unterstützen, so daß z.B. für alle Druckmöglichkei-
Und was ist mit dem »Antifaschismus auf antiimperialistischer ten vorhanden sind oder auch Leute, die nicht auf jedes
Grundlage«, wie das die »M« zu formulieren pflegt? Schließlich Treffen fahren, über Mailboxen schnell an wichtige Infor-
ist sie ja keine unwesentliche Kraft in der AA/BO, und eine ganze mation rankommen können und nicht aus der Struktur raus-
Reihe von Antifa-Gruppen haben ja auch schon abgewunken ...? fallen.
Inhaltlich wollen wir weg davon, daß diese Auseinanderset-
Manfred: Naja, wir finden nicht, daß die »M« »zu formu-
zungen um »Antiimperialismus«, »Kommunismus« oder
lieren pflegt«, sie beschreibt lediglich einen Aspekt ihrer
»Anarchismus« weiterhin so schlagwortartig geführt wer-
Herangehensweise. Das Wegbleiben einiger Antifa-Grup-
den. Wir unterstellen einigen, die mit diesen Begriffen her-
pen mit dem »Antiimperialismus« der »M« oder anderer
umwerfen, gar nicht so genau über deren Inhalt Bescheid zu
AA/BO-Gruppen zu begründen, wäre recht einäugig. Erst-
wissen. In der BO wollen wir lieber an konkreten Beispielen
mal bleiben Gruppen weg, weil sie eine panische Angst ha-
unsere Position klären. Natürlich können und werden wir
ben, sich überhaupt zu organisieren. Es gibt auch die Be-
uns nicht auf Dauer auf eine rein antifaschistische Arbeit be-
fürchtung, daß die Gruppen, die die BO machen, unter dem
schränken. Wie und in welchen Schritten dies geschieht,
Deckmantel des Antifaschismus jene antiimperialistische
wird sowohl hier in Bonn als auch in der BO aktuell disku-
Politik weiterbetreiben, die die Antiimps schon früher ein-
tiert. Wir werden uns über die gesamten gesellschaftlichen
mal in den Sand gesetzt haben. Wer allerdings die Politik
Auseinandersetzungen Gedanken machen und auch an Ge-
der AA/BO verfolgt, wird sehen, daß diese Befürchtungen
genentwürfen zum bestehenden kapitalistischen System ar-
keine Grundlage haben. Wer das heute der AA/BO weiter-
beiten, aber an eine inhaltliche Erweiterung werden wir uns
hin vorwirft, führt anderes im Schilde. In der BO sind viele
langsam, und von unserer bisherigen Praxis ausgehend, her-
verschiedene Gruppen, viele jüngere, die an diese ideologi-
antasten.
schen Auseinandersetzungen viel pragmatischer rangehen
können. Die wissen, warum eine bundesweite Organisierung Haben wir jetzt noch etwas vergessen, was ihr noch unbedingt los-
notwendig ist, und die wissen vor allem auch, wie man ver- werden wollt?
hindert, daß irgendeine Gruppe ideologisch alles in eine
Richtung lenkt. Manfred: Ja, ich möchte nochmal auf die Frage zur DDR
zurückkommen. Da müssen wir wohl alle Selbstkritik lei-
Uli: Diese ganzen Auseinandersetzungen um Antiimperia- sten, denn vor 1989 war die DDR schon recht weit von uns
lismus oder sonstwie revolutionäre Organisation sind doch weg. Das hat uns aber nicht daran gehindert, sie zu beurtei-
bloß so Scheingefechte, anstatt daß wirklich geguckt wird, len. Die einen von uns haben die DDR (den Nebel der
was denn da dahinter steckt und wer sich da alles beteiligt. Westpropaganda im Hirn, Minenfelder an jeder Kreuzung
Einfach auf die »M« als eine der Gruppen zu schielen, ist usw.) für ein illegitimes Unrechtssystem gehalten, für die
natürlich viel bequemer. anderen war sie bei aller Kritik ein, im positiven Sinne, so-
Ich denke, es geht darum, eine bundesweit sichtbare Orga- zialistisches Land. Grundlagen für die eine oder andere Be-
nisation aufzubauen. Es ist nun mal Realität, daß Antifa- wertung gab es wenige, denn beide Positionen kamen durch

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indirekte und ideologisch gefärbte Informationen zustande, Uli: Wir hatten es satt, in den Zeitungen immer von der
die nicht kritisch hinterfragt wurden. Wegen dieser Ig- guten Mitte, der Polizei und von diesen Gleichsetzungen
noranz konnten wir natürlich auch nie erfahren, daß es in von rechten und linken Extremisten zu lesen. Und da haben
der DDR eine Opposition gab, Menschen wie Silvio Meier wir halt begonnen, Presseerklärungen zu Aktionen der Anti-
(den Nazis umbrachten), und eine Geschichte, mit der uns fa, zu Prozessen und Demos zu schreiben. Inzwischen ver-
als AntifaschistInnen vieles verbindet. sorgen wir die Medien vor Ort regelmäßig mit unseren Pu-
Uli: Ich würde gerne nochmal was zur Öffentlichkeitsarbeit blikationen, und es hat sich gezeigt, daß zu einzelnen Jour-
sagen, weil die für uns eine sehr wichtige Rolle spielt. Das nalisten sich sehr wohl ein Vertrauensverhältnis entwickeln
eine ist zum Umgang mit den bürgerlichen Medien und das läßt. Es gibt ja immer welche, denen es auch zu wenig ist,
andere zu den Antifa-Jugendinfos. den Polizeibericht, angereichert mit der Stimme einer An-
Im Gegensatz zu autonomen Fanzines setzen wir auf ein an- wohnerin, als einzige Meldung zu bringen. Also, du läßt das
sprechendes Layout, eine Vielfältigkeit von Texten, die in- mit dem »imperialistischen Schweinesystem« mal weg und
haltlich noch nicht total ausgearbeitet sein müssen, dafür lieferst journalistisch verwertbare Hintergrundinformation.
aber allein, wie sie geschrieben sind, schon interessant sind. Dann gibt es zumindest auf der unteren Ebene der Presse
Wichtig ist uns ein einfacher Zugang zu den Texten, also, es JournalistInnen, die damit was anfangen können.
muß nicht immer möglichst kompliziert und mit vielen Etwas anderes ist es mit dem Fernsehen und bundesweiten
Frendwörtern sein. Zeitschriften. Da haben wir schlechte Erfahrungen ge-
macht, die sind doch meistens nur an den Jungs und Mädels
Und eure relativ professionell gemachten Zeitschriften werden von mit der Sturmhaube interessiert, die am besten noch vor der
den Jugendlichen auch gelesen? Kamera die Keule schwingen. Da muß man eher vorsichtig
Manfred: Ja. Wir kriegen viel Resonanz, und ohne jetzt an- sein.
geben zu wollen, beim Verteilen werden die uns aus den
Händen gerissen.
Ihr verteilt die umsonst? Anmerkungen:
1 Nach einem zweieinhalbjährigen Streit spaltete sich die FAP 1989
Uli: Ja, in einer Auflage hier von glaub’ ich so 3 500 Stück. in einen sogenannten Kühnen-Flügel und einen Busse-Flügel. Die
Anne: Also, bei uns auf der Schule werden wir zumindest FAP von Busse steht für die dumpfe Version einer Hitler-Nachfol-
immer alle los. Und das siehst du schon, wenn’s nicht gele- gepartei. Sie hat 24 von 25 Punkten aus dem NSDAP-Programm
sen würde, wären die Mülleimer voll. von 1920 übernommen.
2 David Irving leugnet die Massenvernichtung in Auschwitz und hat
Wie groß ist denn deine Schule? mittlerweile in der BRD Einreiseverbot, Rennicke ist ein neofaschi-
Anne: Die hat rund 1 200 Schüler. stischer Liedermacher.

Und wie viele Jugendinfos verteilt ihr da?


Anne: 200. Mehr geht nicht, sonst kommen die anderen
Schulen zu kurz.
Und der andere Aspekt, der Umgang mit den bürgerlichen
Medien?

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Was hast du denn mit 14 im Kopf gehabt?


Interview mit den Edelweißpiraten aus Berlin

Antifa-Gruppen als Teil der bundesdeutschen autonomen


Szene sind, wenn sie nur lange genug bestehen, auch den all-
gemeinen Entwicklungstendenzen dieser Szene unterwor-
fen. Am Hinderlichsten erweist sich dabei immer wieder,
daß sich die Gruppen nach einer relativ offenen Gründungs-
phase (auch der Not gehorchend) immer weiter abschotten
und es besonders für Jüngere schwierig wird, in einem solch
geschlossenen Mikrokosmos ihren Platz zu finden.
Ende der 80er Jahre trug dieser Erscheinung das Konzept
der Antifa-Jugendfront Rechnung. Zu Beginn der 90er Jah-
re öffnen sich Gruppen, die sich »Edelweißpiraten« nennen,
vor allem für 12- bis 15jährige. An manchen Orten wurden
diese Gruppen anfangs von den »Älteren« mit einem gewis-
sen Mißtrauen betrachtet.
Im November 1993 sprachen wir mit Berliner Edelweißpi-
raten über die Grundidee und die Ziele dieser Organisie-
rung.

Wer und was sind die Edelweißpiraten?


Sebastian: Entstanden ist die Gruppe aus einer Clique, die
zusammen rumgehangen hat. Zum Teil waren das Leute,
die vorher bei der Jugendfront waren und nun was Neues
machen wollten. Das Pogrom in Hoyerswerda im Herbst
1991 war für uns der Anlaß, gemeinsam mehr politisch zu
arbeiten. Bei der Suche nach einem Namen für die Gruppe
sind wir auf die Edelweißpiraten aus der ersten Hälfte der
40er Jahre gestoßen. Deren Konzept – gegen Nazis zu arbei-
ten, aber auch daraüber hinaus zusammenzuhalten – ent-
sprach dem, was auch wir wollten. Darum haben wir uns so
genannt. Der Altersdurchschnitt der Gruppe liegt bei unge-
fähr 15 Jahren, nur wenige von uns sind bereits volljährig.

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Worin unterscheidet ihr euch von anderen Antifa-Gruppen? organisieren. Ab dem nächsten Jahr werden wir in einem Ju-
Sebastian: Auch wenn uns die Antifa-Arbeit sehr wichtig ist gendzentrum in der Innenstadt Räume nutzen können, wo
und wir uns klar als Linke sehen, geben wir uns doch nicht Leute abhängen und – wenn sie sich dafür interessieren –
als revolutionäre Jugendbewegung aus. Dafür ist einerseits Antifas kennenlernen können. Dies wollen wir dann auch
die Zusammensetzung der Gruppe zu unterschiedlich, und für Jugendliche offenhalten, die sich nicht unbedingt von
andererseits würden Interessenten, die damit zunächst mal vornherein als antifaschistisch oder links verstehen. Im Um-
nichts am Hut haben, nur abgeschreckt. Außerdem waren feld des Jugendzentrums gibt es sehr viele Hooligans. Wir
viele von uns mit der politischen Arbeit, die von sogenann- wollen versuchen, auch mit einigen von denen zusammen-
ten revolutionären, autonomen Antifa-Gruppen gemacht zukommen, um ihnen zu zeigen, daß man auch anders mit-
wird, ziemlich unzufrieden. einander umgehen kann. Viele Jugendliche sind doch froh,
wenn sie mal für ein paar Stunden oder für ein Wochenende
Warum? nicht bei ihren Eltern zu Hause abhängen müssen. Da ist so
Sebastian: Nach außen hin sind diese Gruppen oft sehr ab- eine Möglichkeit eine Menge wert.
geschottet und basteln an ihrem Mythos, ohne daß die ei- Thomas: Bis es die Eltern dann verbieten.
gentliche Arbeit viel Substanz hätte. Es werden große Revo-
lutionsreden geschwungen, aber wenn du fragst, inwieweit Den Umgang mit euch?
antifaschistische, antirassistische Inhalte tatsächlich in die Sebastian: Es gab Eltern, die versucht haben, uns beim Sek-
Bevölkerung getragen werden, sieht das oft mau aus. Das tenbeauftragten der Kirche anzuzeigen. Und nachdem das
liegt unserer Meinung nach vor allem an einer gewissen Ar- nicht geklappt hat, sind sie zum Staatsschutz gegangen und
roganz den sogenannten Normalbürgern gegenüber, die haben dort ihr Herz ausgeschüttet, haben alles, was sie über
sich dann in der Sprache dieser Gruppen ausdrückt. Bei- Treffpunkte und Mitglieder unserer Gruppe wußten, ausge-
spielsweise halten wir »Deutschland, verrecke« für eine plaudert.
falsche Losung, weil dieses Land auch unser Land ist, in
dem wir was verändern wollen. Und das geht eben nicht ge- Hatte das Folgen?
gen 99,9 Prozent der Bevölkerung. Diese Parole bedeutet Sebastian: Es gibt eine Kampagne gegen den Verkauf von
doch praktisch, sich als Szene völlig vom Rest der Bevölke- Nazi-Zeitungen. Im Zusammenhang damit ermittelte die
rung abzunabeln – und genau diesen Eindruck vermitteln Staatsanwaltschaft wegen einer angeblichen Bedrohung von
viele Veröffentlichungen der Szene, deren Sprache die mei- Zeitungshändlern gegen uns. Die Verfahren sind zwar ein-
sten gar nicht mehr kapieren. Vom Äußeren ganz zu schwei- gestellt worden, weil keine Nötigung vorlag, aber die Bullen
gen. Wir wollten das anders machen. haben von sich aus weiterermittelt. Seit zwei Jahren wird die
Wie? Antifa-Demonstration in Halbe unter anderem mit der Be-
gründung verboten, daß wir dazu mit aufgerufen haben –
Sebastian: Unsere Arbeit ist nicht auf rein politische Dinge wir hätten schließlich die Händler bedroht.
beschränkt. Mindestens genauso wichtig sind uns Kultur
und Lebensweise. Jugendliche haben ja noch mehr im Kopf Im Zusammenhang mit dem Namen eurer Gruppe habt ihr vor-
als nur Antifaschismus. Wir gehen oft gemeinsam zu Kon- hin von den Edelweißpiraten der vierziger Jahre gesprochen. Ist
zerten, einige von uns machen auch selbst Musik. Wir haben mit der Namensgleichheit auch ein dirktes Anknüpfen an deren
vor, demnächst Konzerte oder auch Straßentheater selber zu Tradition verbunden?

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Sebastian: Am Anfang hatten wir ein zu verklärtes, romanti- Gruppen unter dem Namen »Edelweißpiraten« gibt es ja nicht
sches Bild der damaligen Edelweißpiraten. Nach 1945 gab nur in Berlin.
es ja im Grunde zwei offizielle Bilder dieser Gruppen. In der Jörg: Es gibt größere Gruppen in zehn bis fünfzehn Städten.
DDR kamen sie überhaupt nicht vor, da gab es nur den Insgesamt existieren bundesweit 30 bis 40 Gruppen – die so-
kommunistischen und ansatzweise den sozialdemokrati- genannten »Stämme« –, zu denen nochmal rund hundert
schen Widerstand gegen die Nazis. Im Westen wurde Einzelmitglieder kommen. So sind die Epis in rund 150
hauptsächlich der bürgerliche Widerstand um Stauffenberg Städten präsent.
wahrgenommen. Die Edelweißpiraten wurden in der BRD –
wenn überhaupt – als kriminelle Gruppen dargestellt. Ande- Arbeiten diese Gruppen unabhängig voneinander?
rerseits gab es in der Bundesrepublik auch Veröffentlichun- Jörg: Sie sind völlig autonom, trotzdem aber in ein bundes-
gen, in denen die Edelweißpiraten als ganz toller antifaschi- weites Netzwerk eingebettet. Darüber wird vor allem die
stischer Zusammenhang dargestellt wurde, der zwar nicht gegenseitige Unterstützung in technischen Fragen organi-
primär aus einem bestimmten politischen Bewußtsein her- siert. Was die Stämme im einzelnen machen, bleibt ihnen
aus entstand, sich aber aus der Situation entwickelt hat, qua- selbst überlassen, da gibt es keine übergeordnete Ebene oder
si der Not gehorchend. Dieses Bild ist vor allem von Linken so.
gezeichnet worden.
Wir haben uns eigentlich nie richtig in der Tradition dieser Wie arbeitet ihr mit anderen Gruppen zusammen?
alten Gruppen stehend begriffen, aber bestimmte Überein- Thomas: Wir haben einige Kontakte zu den »Falken«, weil
stimmungen mit unserer Situation und unseren Zielen sahen sich da ein paar Mitgliedschaften überschneiden. Es gibt
wir schon. Wir haben dann zu einigen alten Edelweißpira- Falken, die bei den Epis sind, und umgekehrt. Unsere Grup-
ten und zu Menschen, die sich damit beschäftigt haben, pe ist halt bunt durcheinandergewürfelt, der einzige ge-
Kontakt bekommen, und da hat sich das Bild doch relati- meinsame Nenner ist der Antifaschismus. Dabei ist der eine
viert. Es gab damals auch Epi-Gruppen, die politisch be- eben Christ, ein anderer glaubt an Anarchie, ein dritter fin-
wußt gehandelt haben, die Flugblätter gemacht haben, die det alles beides doof. Die meisten sehen sich aber schon als
Parolen gemalt haben und so weiter. Es gab aber auch AnarchistInnen.
Gruppen, die nach damaligen Maßstäben wirklich eher dem Jörg: Viele Eltern sehen lieber, daß ihre Kids bei den »Fal-
Zuhältermilieu angehörten. Dazu kommt, daß die Gestapo ken« sind, quasi »unter Aufsicht« der SPD. Bei uns hätten
ab 1941 im Prinzip alle unkontrollierten Jugendgruppen sie eher Angst, daß ihre Kids radikalisiert und in eine be-
pauschal als Edelweißpiraten bezeichnet hat. Uns wurde stimte politische Richtung gedrängt werden. Für die mei-
klar, daß der alte Name »Edelweißpiraten« eher eine Be- sten Eltern ist ein autonomer Zusammenhang einfach kri-
zeichnung der damaligen Repressionsorgane war. Deswegen minell. Und »Antifa« wird eben oft mit »autonom« gleich-
kann man sicher nicht sagen, daß wir in so einer Tradition gesetzt. »Falken« – das hört sich halt eher nach Pfadfindern
stehen. Ganz bestimmten Grundzügen, nämlich dem Cli- an, und da erlauben die Eltern dann auch mehr.
quengedanken, fühlen wir uns aber schon verwandt. Auch
damals ging es nicht nur um Politik. Wobei natürlich unsere Und wie verhält es sich mit Antifa-Gruppen?
politischen Möglichkeiten ganz andere sind. Deswegen läßt Sebastian: Das ist schwierig, denn viele aus der »Erwachse-
sich das auch schwer vergleichen. nen-Antifa« behandeln die Edelweißpiraten wie einen Kin-

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dergarten. Dagegen kannst du dich eigentlich nur durch Handtasche fest ... Es gibt immer das Risiko, daß du mal eins
Sprüche zur Wehr zu setzen. Ich frage immer: Was hast Du auf die Nase kriegst. Mir ist es allerdings angenehmer, ein
denn mit 14 im Kopf gehabt? Da werden viele Großmäuler bißchen aus der Rolle zu fallen. Das wiegt das Risiko auf.
schon verdammt ruhig. Sebastian: Fast alle von uns mußten schon die Erfahrung
Und bei der Antifa-Jugendfront ist das genauso? machen, selber angegriffen zu werden. Unter uns sind viel
mehr von denen, die schon mal auf’s Maul gekriegt haben
Thomas: In Berlin ist der Kontakt nicht so toll, und bun- oder oder sich prügeln mußten, als solche, die es noch nicht
desweit gab es in der Vergangenheit auch einige Streitigkei- mußten.
ten.
Worin liegen die aktullen Schwerpunkte eurer Arbeit?
Warum ?
Sebastian: Wir arbeiten in vier Bereichen. Der erste ist Öf-
Thomas: Sie werfen uns zum Beispiel vor, daß wir gegenü- fentlichkeitsarbeit in verschiedensten Formen. Neben Flug-
ber Rechten zu offen seien. blättern machen wir auch eine eigene Zeitung, eigene Plaka-
Sebastian: Im Grunde genommen stehen die Epis faktisch te und Graffities.
zwischen Autonomen und Falken. Wobei wir für die Falken Der zweite Bereich umfaßt unsere Bemühungen, mit rech-
offiziell die autonomen Gewalttäter sind, und für einige Au- ten Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.
tonome haben wir halt eine viel zu offene Struktur. Trotz al- Dazu kommen drittens die Diskussionen, die wir unter uns
lem versuchen wir, mit möglichst vielen Gruppen zusam- führen. Indem wir unsere jeweils eigenen Erfahrungen auf-
menzuarbeiten. Allerdings nur auf lokaler Ebene. Einige arbeiten, aber auch durch Gespräche mit Gästen versuchen
von uns gehen allerdings auch zu den Treffen der Abspal- wir herauszubekommen, wohin wir als Guppe wollen. Das
tung von der »Antifaschistischen Aktion – Bundesweite Or- ist für uns praktisch wie eine Weiterbildung.
ganisierung« und zu Treffen der Jugendfront, aber mehr aus Und viertens beteiligen wir uns an Aktionen – Demos,
informellen Gründen. Wenn es möglich ist, sind wir für eine Kundgebungen, Platzbesetzungen und ähnlichem. Je nach-
punktuelle Zusammenarbeit immer offen. Das kann aber dem, wie wir uns dazu in der Lage fühlen.
nur gleichberechtigt laufen.
Mit rechten Jugendlichen zu sprechen, ist ja nicht ganz unum-
Habt ihr auch Kontakte zu Gruppen im Ausland? stritten. Was versprecht ihr euch davon?
Jörg: Ja, schon. Mit Gruppen in etwa 7 bis 8 Ländern gibt es Sebastian: Es gibt zwei Voraussetzungen für solche Ge-
einen Austausch. spräche. Erstens mußt du eine Position der Stärke haben,
von der aus du in so ein Gespräch gehst. Es ist wichtig, daß
Wenn ihr so offensiv auftretet, mit euren »Edelweißpiraten«-T- du zeigst: Hier sind wir, wir sind gesprächsbereit, aber wir
Shirts an euren Schulen herumlauft, bekommt ihr dann Schwie- lassen uns nichts gefallen. Wir könnten euch halbtot schla-
rigkeiten? gen, wenn wir wollen, aber wir sind nicht so’ne Arschlöcher,
Thomas: Kommt drauf an. An rechten Schulen sicher. Die und wir sind sogar bereit, mit euch zu reden. Nur so kommst
meisten Jugendlichen machen sich darum aber keinen Kopf. du in eine Position moralischer Stärke. Ohne sie machen
Die meisten tragen ein »49-Shirt«, und wenn du das nicht rechte Jugendliche mit dir, was sie wollen.
hast, bist du halt ein Linker. Aber es ist schon so, daß man Und die zweite Voraussetzung ist, nicht mit organisierten
viel mit Vorurteilen zu tun hat: Da, der Dreckige, halt die Nazis zu reden. An die, die in der Nazi-Szene so weit drin-

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stecken, daß sie dort die Ideologie bereits gefressen haben, wenigstens, daß du manche zum Denken angeregt hast, in
kommst du nicht mehr ran. welche Richtung auch immer.
Es geht ja im Grunde darum, den Rechten nicht die ganze
Die Mitglieder eurer Gruppe kommen ja aus beiden Stadthälften.
Jugendorganisierung zu überlassen. Es gibt eine rechtsradi-
Schafft das Probleme?
kale Jugendbewegung in Ost- und immer stärker auch in
Westdeutschland. In vielen Dörfern und Kleinstädten do- Jörg: Politisch gar nicht. Es tauchen schon Unterschiede
minieren Rechte die Jugendeinrichtungen. Dem muß man auf, aber die sind, denke ich, eher eine Bereicherung. Ich er-
sich stellen. fahre da neue Sachen, wie es halt im Westen so war. So er-
gänzt sich das eben gegenseitig.
Habt ihr konkrete Erfahrungen mit solchen Gesprächen?
Gibt es noch etwas, was euch wichtig wäre, bisher aber noch nicht
Sebastian: In einem Vorort von Berlin hatten einige von
angesprochen wurde?
uns an der Schule Ärger mit Hools und unorganisierten
Rechten. Da sind wir dann mit ein paar Epis hin und haben Sebastian: Wichtig ist innerhalb der Gruppe, daß die Ju-
den Glatzen klargemacht, daß so etwas nicht akzeptiert gendlichen Selbstvertrauen kriegen. Die meisten, die zu uns
wird. Es ist ihnen nichts passiert, aber Angst hatten sie kommen, sind noch sehr jung. Wir versuchen, sie in die
schon. Gleichzeitig haben wir aber auch angeboten, sich mal Lage zu versetzen, Dinge selbst einzuschätzen. Sie dürfen
zusammenzusetzen und vernünftig miteinander zu reden. Sachen nicht einfach nachplappern, sondern sie sollen ler-
Das Ziel war, in der konkreten Situation die Eskalation nen, selber zu Ergebnissen zu kommen, indem sie eigene
zurückzunehmen, denn unsere Leute dort hätten das auf Erfahrungen machen. Ihre Persönlichkeit soll sich ent-
Dauer einfach nicht ausgehalten. Und es hat funktioniert. wickeln und/oder weiterentwickeln, das ist für uns wichtig.
Die Zahl von rechtsorientierten Jugendlichen geht an dieser Im Laufe der Zeit müssen sie zu der Situation um sie herum
Schule zurück. Die immer noch so drauf sind, haben zwar einen eigenen Standpunkt finden. Da passiert es dann auch
immer noch eine große Klappe, aber sie machen keine Ak- öfter, daß einige sagen, das ist mir zu wenig, oder sie wollen
tionen mehr. mit unserer Arbeit gar nichts mehr zu tun haben, wollen lie-
ber Musik machen und die Gruppe verlassen. Das ist auch in
Was habt ihr in den anderen Bereichen eurer Arbeit erreicht? Ordnung so. Ich wundere mich ehrlich gesagt darüber, daß
Jörg: Unsere Kampagne gegen Nazi-Zeitungen war relativ doch so viele in der Gruppe bleiben. Denn wenn Jugendli-
erfolgreich. In Berlin werden diese Zeitungen seit einem che sich entwickeln, müßte ihnen eigentlich unsere politi-
halben Jahr von über der Hälfte der Kioske nicht mehr ver- sche Arbeit ab einem gewissen Punkt nicht mehr ausreichen.
kauft beziehungsweise nicht mehr offen verkauft. In die Andererseits hilft uns das natürlich, unter uns zu ernsthafte-
Kampagne haben sich mittlerweile auch so viele verschiede- rer Organisierung und größerer Verbindlichkeit zu kom-
ne Gruppen eingeschaltet, daß es längst keine Epi-Aktion men.
mehr ist, auch wenn wir das angeleiert haben.
Sebastian: Der Erfolg von Öffentlichkeitsarbeit hingegen
ist kaum meßbar. Wenn du ein Flugblatt verteilst, und du
kriegst hinterher zehn oder zwanzig Antworten, die Hälfte
davon zustimmend, die andere Hälfte sind zerrissene oder
mit Hakenkreuzen beschmierte Flugblätter, dann weißt du

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Auch im Alltag gegen Rassismus kämpfen


Gespräch mit einer Hamburger Fantifa-Gruppe

In Hamburg existieren mehrere Fantifa-Gruppen. Mit ei-


ner, die sich erst 1992 gegründet hat, führten wir dieses Ge-
spräch. Für die Hamburger Fantifas bedeutet es nicht mehr
als eine »Momentaufnahme«, von deren Abdruck sie sich
erhoffen, Frauen und Mädchen zu erreichen, die sich in »ge-
mischten« Gruppen nicht wiederfinden und in der Fantifa
vielleicht eine Möglichkeit sehen, sich politisch eigenständig
zu organisieren.

Erzählt doch einfach mal, wann, wie und warum ihr eure Grup-
pe gegründet habt.
Beate: Wir haben uns im Herbst 1992 gegründet, das war
kurz nach Rostock.
Petra: Die meisten von uns hatten aber vorher schon in »ge-
mischten« Antifa-Zusammenhängen oder in Flüchtlings-
gruppen mitgearbeitet. Meiner Meinung nach hat es keinen
unmittelbaren Zusammenhang mit dem Rostocker Pogrom
gegeben ...
Beate: Ja, vielleicht ist das bei den einzelnen auch unter-
schiedlich. Also, bei mir waren die Ereignisse von Rostock
ausschlaggebend. Vorher hatte ich in Richtung Antifa-Ar-
beit nicht mehr allzuviel gemacht.
Was habt ihr denn vorher gemacht, und warum habt ihr euch
dann als Frauen-Antifa organisiert?
Petra: Also, das ist bei allen unterschiedlich gewesen.
Renate: Aber bei fast allen war es so, daß in den »gemisch-
ten« Gruppen, in denen sie vorher gearbeitet haben, sich
ziemlich starke Hierarchien herausgebildet hatten. Oft war
es so, daß die Männer agiert haben, die Themen vorgaben,

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und daß sie allein für kritische Nachfragen schon kein Ver- auch in anderen Frauenzusammenhängen, ist es eher so, daß
ständnis hatten. Wenn ich in Frauengruppen was gemacht immer mal andere etwas übernehmen, einzelne etwas ein-
habe, war das viel einfacher; man konnte auf einer viel besse- bringen und auch mal mehr machen, sich das dann aber wie-
ren Ebene diskutieren und seine Vorstellungen entwickeln. der ändert und sich die Frauen abwechseln. Das halte ich für
Claudia: Die Arbeit in »gemischten« Gruppen orientiert ziemlich wichtig, weil so hat jede die gleiche Verantwortung
sich häufig an irgendwelchen Leistungsmaßstäben, die oft für die Politik der Gruppe.
von Männern vorgegeben werden. Du hast dann die Wahl, Beate: Mir geht es nicht darum, jetzt nur zu gucken, was da
an den vorgegebenen Sachen mitzumachen, oder du läßt es alles schiefgelaufen ist, oder jetzt zu sagen: Uh, ich will kei-
eben bleiben, aber dann hast du in der Gruppe auch nicht ne »gemischte« Gruppe mehr, weil das Scheiße war und das
viel zu suchen und kannst es eigentlich gleich bleiben lassen. Scheiße war.
Und andere Themen, mit denen ich mich als Frau anders Wir waren einfach so und so viele Frauen, und wir wollen
auseinandergesetzt habe, fallen dort kaum ins Gewicht. Es jetzt einfach ausprobieren, ob wir so vielleicht nicht besser
wird meistens nicht offen gesagt, aber die Unterteilung in zusammenarbeiten können. Uns geht es vor allem darum,
Haupt- und Nebenwiderspruch, wichtig und unwichtig, für alles, was wir tun, unsere eigenen Maßstäbe zu setzen.
scheint es da immer noch zu geben. Wir wollen uns als Frauen nicht mehr länger an irgendwel-
chen Ansprüchen orientieren, die uns von außen, von einer
Du hast gerade von Leistungsdruck geredet ...? »gemischten« Szene, vorgegeben werden.
Claudia: Ja, Leistungsdruck, durch den mögliche Entwick-
Was meint ihr mit »irgendwelchen Ansprüchen einer ›gemisch-
lungen genommen werden.
ten‹ Szene«, auf die ihr keine Lust mehr hattet, einzugehen?
Und wie vermeidet ihr den unter euch? Oder ist das eine blödsin- Renate: Damit ist zum Beispiel auch diese »Feuerwehrpoli-
nige Frage? tik« gemeint, also, irgendwo brennt es, oder irgendwas soll
Petra: Blödsinnig ist sie wahrscheinlich nicht, aber irgend- los sein, und dann müssen eben alle hinrennen. Ziemlich oft
wie haben wir den nicht. Das ist uns gleich bei unseren er- fühlst du dich dazu gedrängt, bei Aktionen mitzumachen,
sten Treffen aufgefallen, daß sich keine mehr lächerlich vor- denen du in dem Moment vielleicht gar nicht gewachsen
kam, weil sie eine Frage gestellt hat, die ihr selbst saudoof bist. Also immer »wichtig-wichtig-Handschuhe-anziehen-
vorkam, die sie woanders nicht gestellt hätte, weil knallrot und-los«, und bloß nicht drüber nachdenken, was da eigent-
werden und ... lich warum gerade passieren soll ...
Beate: Ich finde es schwer, das kurz zu beantworten, weil Ist das eine generelle Kritik an »Militanz«? Oder an der Art und
das schon ausführlich beantwortet werden müßte, warum Weise, was unter Militanz von bestimmten, ihr sagt »gemisch-
viele Frauen nicht mehr mit Männern in einer Gruppe zu- ten«, Gruppen verstanden wird?
sammenarbeiten wollen. Renate: Also, für uns ist es so, daß wir meinen, es sollte
Renate: In den »gemischten« Gruppen gab es immer so ein nicht darum gehen, wer am besten Kampfsport kann; das
Macker- und auch Mackerinnenverhalten. Einzelne haben kann nicht das einzige Kriterium für eine militante linke Po-
sich die ganzen Sachen, die es so zu tun gab, gekrallt und litik sein. Militant zu sein, heißt auf allen möglichen Ebe-
durchgezogen, so daß du irgendwann gar nicht mehr hinter- nen, eben auch im Alltag, zum Beispiel gegen Rassismus zu
herkommen konntest und rausgefallen bist. Bei uns, und kämpfen. Direkte Konfrontation ist nur eine von vielen

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Möglichkeiten, etwas zu verändern. Manchmal kannst du Renate: Vielleicht wäre es wichtig, hier zu erwähnen, daß es
auch mit einer öffentlichen Aktion viel bewirken. unter den Fantifa-Gruppen eine Vernetzung mit regelmäßi-
Beate: Was nicht heißen soll, daß es nicht Situationen gibt, gen Treffen gibt. Hier werden auch Vorschläge für anste-
in denen spontan gehandelt werden muß. Dabei ist es uns hende Aktionen gemacht und darüber diskutiert, ob sich be-
aber wichtig, die Grenzen, die jede von uns hat, einzuhalten. teiligt wird oder nicht.
Daß du über Ängste offen reden kannst, macht einen Teil Arbeitet ihr auch mit »gemischten« Zusammenhängen zusam-
unseres guten Gefühls in der Gruppe aus. men? Oder arbeitet ihr generell nicht mehr mit Männern zusam-
men?
Welche Konsequenzen hatte diese Kritik für eure Politik?
Petra: Bei uns läuft das eher zweischienig: Also, es gibt Sa-
Claudia: Wichtig war für uns, erstmal zu sehen, wie wir uns chen, die wir ausschließlich mit Frauen zusammen und an-
eigene Kriterien und Standpunkte erarbeiten können, uns dere, die wir in »gemischten« Zusammenhängen machen
dafür Zeit zu nehmen und eben nicht in allen aktuellen Dis- können.
kussionen mitzumischen.
Renate: Deshalb sind wir auch nicht unbedingt repräsenta-
Renate: Um da voranzukommen, mußten wir uns erstmal tiv für die bundesweiten Fantifa-Gruppen. Es gibt Fantifas,
auch theoretisch mit den anstehenden Fragen auseinander- bei denen das ganz anders ist.
setzen. Dabei haben wir in der Gruppe möglichst Texte von
feministischen Frauen diskutiert, mit dem thematischen Wie anders?
Schwerpunkt auf Rassismus und Nationalismus. Petra: Die sich ausschließlich auf Frauen und Lesben bezie-
Beate: Wir streben eine andere Form von Antifa-Arbeit an. hen. Die auch mit den »gemischten« Zusammenhängen
Uns geht es halt nicht nur darum, sich nur mit Faschogrup- nichts mehr zu tun haben.
pen auseinanderzusetzen, über die Recherche-Arbeit zu ma- Und warum ist das bei euch nicht so?
chen. Wir fassen Antifa-Arbeit viel weiter, gegen die viel all-
Petra: Erstmal lebe ich hier in der Szene, ich lebe mit Män-
täglicheren Formen rassistischer und nationalistischer Poli-
nern und Frauen zusammen, ich würde das für mich als
tik. Wir wollen nicht nur gegen offen auftretende Faschos
merkwürdige Trennung ansehen, wenn ich politisch nur was
was machen, sondern eben auch gegen den Alltags-Rassis-
mit Frauen machen würde, obwohl ich in meinem Alltag mit
mus der sogenannten Normalbevölkerung, und das hat dann
Männern zu tun habe. Das würde für mich nicht hinhauen,
eben auch unsere theoretischen Diskussionen bestimmt.
zumindest im Momemt nicht.
Gibt es andere Fantifa-Gruppen, auf die ihr euch stärker bezieht, Beate: Einerseits haben wir viel Kritik an der »Szene«, an-
die bereits eine Praxis entwickelt haben, die dem, was ihr wollt, in dererseits gibt es aber auch Strukturen, die für uns nützlich
etwa nahe kommt? Oder agiert ihr da auch in stärkerer Abgren- sein können. Und wenn es halt von »gemischten« Gruppen
zung zu anderen Fantifa-Gruppen? Aktionen gibt, die wir gut finden, dann ist es ja auch sinnvoll
Petra: Na, in Abgrenzung schon mal auf jeden Fall nicht. mitzumachen. Ich halte es schon für richtig, eigene Struktu-
Und stärker dadrauf beziehen ...? Also, es ist schon so, daß, ren mit anderen Frauengruppen aufzubauen und trotzdem
wenn einzelne Gruppen einen Aktionsvorschlag machen, nicht die ganzen bereits vorhandenen außer acht zu lassen.
sich die anderen daran beteiligen, oder zumindest mehrere Claudia: Einige von uns wollen auch inhaltlich noch was
andere Gruppen. mit »gemischten« Gruppen zusammen machen.

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Was heißt denn »eigene Strukturen aufbauen«? vom Zaun brichst, dir das vorher überlegt hast. Wenn du
Beate: Eigene Vernetzungstreffen haben, eigene Telefon- also vor Bananen aus Südafrika stehst, und die eine steht da
ketten, einfach, daß du halt selbst Bezugsgruppen hast, und und will welche kaufen, und die andere kommt wie zufällig
das nur unter Frauen. daher und verwickelt dich in eine Diskussion und es ent-
spinnt sich eine Kontroverse über Südafrika. Halt mit der
Das geht also eher in Richtung Austausch mit schon bestehenden Zielrichtung, daß andere in dem Supermarkt das mitkriegen
Gruppen? und sich eine allgemeine Debatte entwickelt. Also, über ei-
Beate: Ja, das habe ich gemeint, aber um dadurch auch nach nen einfachen simulierten Streit ein politisches Thema an-
außen treten zu können, damit auch noch andere dazukom- reißen und reintragen.
men können. Ich weiß jetzt nicht, ob ich deine Frage richtig Claudia: Solche Aktionsformen werden doch immer noch
verstanden habe, aber im Moment geht es um einen Aus- von vielen Polit-Leuten belächelt. So nach dem Motto: Das
tausch mit anderen vorhandenen Gruppen. sind doch irgendwelche Kultursachen ... Sobald etwas nicht
in die traditionellen Schemata paßt, kommt die Frage, was
Du hast vorhin von der Kritik an »der Szene« gesprochen und
das mit Politik zu tun hätte. Demos und Flugblätter vertei-
hast das relativ weit gefaßt ...
len sind okay, aber daß du mit solchen Aktionsformen wie
Renate: Unsere Kritik richtet sich ja dagegen, daß die auto- dem »unsichtbaren Theater« vielleicht mal mehr erreichen
nome Szene und auch die Antifa-Bewegung doch so ziem- kannst, das kommt den meisten erst gar nicht in den Sinn.
lich im eigenen Saft schmort. Das drückt sich auch durch die
Art, wie Aktionen oft durchgeführt werden, aus. Zum Teil Es gibt ja aus Berlin das Papier »Ich bin doch kein Kampagnen-
ist es ja notwendig, daß Politik wegen der staatlichen Re- heinz«, was sich genauer ... Kennt ihr das?
pression auch konspirativ ablaufen muß, aber vieles könnte Alle: Nein.
doch öffentlicher passieren. Wir haben Lust darauf, und das
gerade in den Frauen-Antifa-Zusammenhängen, daß da Das hat weniger mit Antifa-Zusammenhängen zu tun, sondern
eben auch spektakuläre und mobilisierende Aktionen ge- da wird, allgemein bezogen auf autonome Organisierung, das
macht werden. Insgesamt fällt es der Szene viel zu schwer, bemängelt, was auch ihr kritisiert. Daß also immer hinterherge-
offensiver in die Öffentlichkeit zu treten. laufen wird, daß Nazis immer hinterhergelaufen wird, von den
Autonomen wie den Antifas. Und wenn es irgendein besonderes
Beate: Es war auch so, daß wir keine Lust mehr hatten,
Ereignis gibt, dann entsteht wieder eine Organisierung, mal so
ständig dieses Schema zu haben, auf Demos zu gehen, um ir-
zwischendurch wie NOlympics in Berlin, aber wenn nichts ist,
genwas zu blockieren, sondern daß wir uns auch mal was
dann ist auch nichts. Dann fahren alle auf’s Land und lassen den
überlegen, was uns auch Spaß machen kann. Allein das Ele-
lieben Gott einen guten Mann sein. Das habt ihr doch vorhin kri-
ment Spaß bei politischer Arbeit ist den meisten doch relativ
tisiert und als »Schmoren-im-eigenen-Saft« bezeichnet?
fremd. Wir hatten zum Beispiel die Idee, so ein »unsichtba-
res Theater« zu machen, um damit zu versuchen, unsere In- Beate: Ich glaube, bei einigen Antifas liegt ein Problem dar-
halte in einer alltäglichen Situation zu vermitteln. in, daß Antifa-Politik nur als »antifaschistisch« verstanden
wurde und nicht auch als »antirassistisch« und »antisexi-
Was versteht ihr unter »unsichtbarem Theater«? stisch« und alle Aktionen daran orientiert waren, was du ge-
Beate: Das ist, wenn du in einer ganz alltäglichen Situation, gen Faschos machst. In dem Moment, wo du auch gegen
z.B. in einem Supermarkt, halt eine Diskussion, einen Streit den alltäglichen Rassismus vorgehen willst, mußt du ja

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schon zu ganz anderen Aktionsformen schreiten. Du kannst Habt ihr über über eine bundesweite Organisierung, etwa in der
ja nicht irgendeinen alten Menschen verprügeln, weil er ei- BO, geredet?
nen doofen Spruch gebracht hat. Bei Leuten, die diese Pro- Petra: Nein.
bleme sehen, hat sich natürlich auch der Faschismusbegriff
verändert. Renate: Ich glaube, für uns steht auch erstmal die bundes-
Sehr viel Kraft und Zeit hat auch immer die Verteidigung weite Organisierung der Frauen-Antifa im Vordergrund.
der eigenen Orte und Zentren aufgefressen und auch zu ei- Petra: Allerdings bin ich auch bei einer bundesweiten Orga-
ner permanenten Selbstbeschäftigung geführt. So stand oft- nisierung dafür, zweischienig zu fahren, also einerseits nur
mals das Gefühl, bedroht zu sein, im Vordergrund, und auf mit Frauen und andererseits zusammen mit »gemischten«
das, was außerhalb der Szene-Welt passierte, wurde eben Gruppen. Aber so weit sind wir noch gar nicht.
nur reagiert.
Kommen wir nochmal auf den Ausgangspunkt des Gespräches
zurück, auf die Gründung eurer Gruppe, zumindest zeitlich,
nach Rostock. Habt ihr euch eigentlich mit der alten DDR, dem
Anschluß und der daraus resultierenden Veränderung der innen-
politischen Lage in der alten BRD detaillierter beschäftigt?
Beate: So direkt eigentlich nicht.
Renate: Wenn, dann haben wir das eher in anderen Zusam-
menhängen diskutiert.
Und habt ihr Kontakte zu Frauen oder anderen Antifas in der
DDR?
Renate: Nein.
Ist das Zufall, oder habt ihr dafür Gründe?
Petra: Die Niederlande oder Dänemark sind von Hamburg
aus auch nicht viel weiter weg. Ich könnte mir auch die Fra-
ge stellen, warum ich in diese Richtung nicht mehr Kontak-
te habe.
Beate: Ein Grund ist auch, daß wir als Gruppe noch nicht so
lange existieren und erstmal ziemlich damit beschäftigt wa-
ren, zu anderen Frauen-Zusammenhängen in Hamburg
Kontakte aufzubauen. Wir waren bisher auch nicht auf den
bundesweiten Treffen. Solange wir vor Ort keine vernünfti-
ge Organisierung hatten, wußten wir nicht, was wir auf sol-
chen Treffen sollten.

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Der nationalistischen Stimmung


entgegenstellen
Gespräch mit einer Antifa-Gruppe aus Halle/Saale

Ein eindeutiger Ursprung für die Hallenser Antifa läßt sich


nicht benennen. Einerseits gab es in der größten Stadt Sach-
sen-Anhalts bereits zu DDR-Zeiten junge AntifaschistInnen
mit eindeutig autonomem Anspruch. Andererseits waren
viele der heute noch aktiven Antifas in der sogenannten Auf-
bruchphase der DDR mit der bürgerbewegten DDR-Oppo-
sition verbunden.
Wie häufig in der DDR der Zwischenzeit, differenzierte
sich auch in Halle diese allgemeine Opposition gegen »den
(DDR-)Staat«. Während die »klassisch« Bürgerbewegten
nach rechts rückten, politisierten sich die Ursprünge der
heutigen Hallenser Antifa quasi zwangsläufig nach links.
Diese Entwicklung vollzog sich natürlich immer vor dem
Hintergrund der gesamten »Noch-DDR«-Gesellschaft, die,
indem sie bundesdeutschen Bauernfängern nachrannte, den
Anschluß der DDR an die BRD beschleunigte.
Wie für viele andere Linke in der DDR, war dieser An-
schluß auch für Hallenser Antifas ein persönlicher Rück-
schlag, von dem sie sich bis heute nicht ganz erholt haben.
Hinzu kommt die immer stärker werdende Konfrontation
mit einer Staatsmacht, die in der alten DDR ihresgleichen
gesucht hätte.

Wie, wann und warum habt ihr euch gegründet?


Hans: Es war so, daß es in Halle schon zu DDR-Zeiten An-
tifa-Aktivitäten gab und auch Leute, die gesagt haben: Ei-
gentlich müßten wir eine Gruppe gründen, um die Sache so
ein bißchen zu organisieren. Als es möglich war, so eine
Gruppe offiziell zu gründen, haben wir gesagt, okay, das ma-

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chen wir jetzt. Um damit auch in die Öffentlichkeit zu kom- Andererseits hatte Halle in der alten Republik den Ruf, daß hier
men, haben wir dann am 1. November 1989 einen richtigen, ein Rechter nicht unbedingt ein Bein auf den Boden kriegte.
eingetragenen Verein gegründet, die Antifaschistische Akti- Hans: Das stimmt auch. Aber dieses Skinhead-Vernich-
on Halle (AFA). tungskommando ist für mich schon wirklich ein Phantom.
Direkt in der Wendezeit gab es hier in Halle eine Mahnwa-
che, bei der sich so ziemlich alles gesammelt hat, was sich Dirk: Soweit ich das beurteilen kann, war das wahrschein-
Opposition nannte. Da waren wir von Anfang an auch mit lich mehr eine Sache nach dem Muster autonomer Kiez-Mi-
dabei. Als die Bürgerbewegungen dann in Halle ein eigenes lizen. So Grüppchen, die sich darauf konzentrieren, den Na-
Haus, das Reformhaus, bekamen, sind wir da mit eingezo- zis kräftig auf die Fresse zu hauen, und sich pro forma einen
gen und hatten deshalb schon Anfang ’90 als Antifa-Gruppe Namen geben, der so abschreckend wie möglich wirkt. Das
ein Büro mit Telefonanschluß, was recht ungewöhnlich war. hat ja immer ganz gut funktioniert bei den Faschos, wenn
Zu der Zeit waren wir noch ein recht großer Kreis von rund man da so einen Namen erwähnt oder sie den irgendwo le-
30 Antifas. Dann wurden wir immer weniger, die Arbeit ver- sen.
teilte sich auf immer weniger Schultern. Es gab auch schon Ralf: Auf jeden Fall kann klargestellt werden, daß die Grün-
früh Streit mit denen, die sich Autonome nannten. dung unseres Vereins nichts mit dem SVK zu tun hatte.
Worin bestand der Streit? Es spielte also für euch auch nie eine Rolle?
Hans: Zu dieser Zeit eindeutig die Gewalt. Die Autonomen Hans: Das ist schwierig. Zu der Zeit damals, ’89, hatte ich
sagten: Wir müssen den Nazis auf die Fresse hauen. Wir als Probleme damit. Ich dachte damals: Irgendwie hat eine neue
AFA dagegen wollten das damals nicht. Gewalt gegen Men- Zeit angefangen, und wir können es jetzt ja erstmal mit de-
schen, militantes Vorgehen gegen Nazis, fanden wir damals mokratischen Mitteln versuchen, so blöd das jetzt klingt. In-
ganz, ganz schlimm. Wir waren in der Anfangszeit doch zwischen bin ich aber zu der Überzeugung gelangt, daß wir
noch ziemlich blauäugig. Wir wollten ganz klar nur politi- die Faschos einfach militant bekämpfen müssen, weil es an-
sche Arbeit machen, so mit all den Idealen, die man damals ders wahrscheinlich nicht möglich ist.
so hatte.
Warum hast du nicht mehr an die Möglichkeit der vorgeblich de-
Gerade in autonomen Zusammenhängen ist aber damals das soge- mokratischen Mittel geglaubt?
nannte Skinhead-Vernichtungskommando über Halle hinaus be-
Hans: Das war ein Entwicklungsprozeß, den, so oder ähn-
kannt gewesen.
lich, viele durchgemacht haben. In der konkreten Situation
Hans: Ich habe über das Skinhead-Vernichtungskommando damals haben wir zum großen Teil versagt, weil wir Illusio-
das erste Mal schwarz auf weiß in dem Buch von Farin gele- nen hatten. Wir haben praktisch in so einer Wolke gelebt
sen. Und habe dann krampfhaft überlegt, auch mit anderen, und mußten erst begreifen, in was für eine Scheiße wir jetzt
älteren Leuten, die das eigentlich alles hätten kennen müs- reingeraten waren. Das mußten wir wirklich erst selbst erle-
sen. Im Endeffekt war es so: Der Name ist zwar irgendwann ben. Ich habe erleben müssen, daß in diesem Reformhaus
mal rumgegeistert, es gab dann auch ein paar aus der Szene, drei, vier Bürgerbewegte saßen, die jetzt Landespolitik ma-
die gesagt haben, sie wären das, aber erstens war das ’87 oder chen. Die haben die Bürgerbewegungen eindeutig nur als
’88, und zweitens hat das, soweit ich das beurteilen kann, Sprungbrett benutzt, um ihre Karriere zu starten. Dann hat
kaum eine Rolle gespielt. man natürlich gemerkt, daß linke Inhalte immer schlechter

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rüberkamen. Anfangs lief es noch recht vernünftig im Re- schon spürbar, und es gab eben auch schon einige, die be-
formhaus, wir waren vollwertiges und gleichberechtigtes wußt als Faschos auftraten. Ich persönlich war aber damals
Mitglied, doch irgendwann hieß es dann: Naja, das sind die, noch zu jung, um dagegen etwas machen zu können und um
da muß man langsam vorsichtig werden. die antifaschistische Heuchelei und offensichtlichen Wider-
Da habe ich dann irgendwann gesagt, das ist nicht die De- sprüche im DDR-Staat zu durchschauen.
mokratie, die ich mir vorgestellt habe.
Wurde es denn ’89 schlimmer in Halle, was Faschos anbelangt?
Wart ihr ’89 gegen die Vereinigung? Hans: Eigentlich nicht. Ich denke aber auch, daß man das
Hans: Da gab es ziemlich krasse Auseinandersetzungen. nicht so trennen kann, in eine Zeit vor der Wende und in
Wir haben an diesen Montagsdemos teilgenommen – es wa- eine Zeit danach. Genau wie man die jetzige Situation in
ren schon recht große Demos –, sie auch mit organisiert als Halle, wo es ja anders ist als in vielen anderen Städten, nicht
AFA und dort auch geredet. Dann gab es einen Zwischen- wiederum anders bewerten kann. Ich kann nicht sagen, ich
fall. Wir waren mit einem eigenen Block da, und irgendje- mache nur dann Antifa-Arbeit, wenn mir das eigene Dach
mand trug ein Schild »Kohl, dein Scheißfaschistenstaat über dem Kopf zusammenbrennt.
kannste für dich behalten« oder so, ziemlich plump, aber Dirk: Hinzuzufügen ist aber schon, daß mit der offiziellen
doch eine ziemlich klare Aussage. Daraufhin gab es übelste Vereinigungsdebatte und insbesondere ab 1989 eine natio-
Auseinandersetzungen, einige von uns wurden fast zusam- nalistische Stimmung, eine Identifikation mit Doitschland,
mengeschlagen auf der Demo, und ich glaube, am selben allgegenwärtig war. Es war schon sehr schwierig, linke In-
Tag haben wir dann auch ganz klar vor diesen vielen Men- halte überhaupt rüberzubringen und sich offensiv gegen die-
schen gesagt: Wir sind gegen die Wiedervereinigung. Wir se nationalistische Stimmung zu stellen. Für die Nazis war es
wurden natürlich ausgepfiffen, das war völlig klar. Es war sehr einfach, und sie konnten sogar Massenpropaganda be-
halt wirklich die Zeit, wo die Deutschlandfahnen dominiert treiben, wie zum Beispiel auf den Montagsdemos. Da konn-
haben. ten Reps und FAPler in aller Ruhe ihre Flugblätter an die
Was hat euch schon zu DDR-Zeiten dazu bewogen, Antifa-Ar- Menge verteilen.
beit zu machen? Aber eure Politik hat sich von Anfang an nicht auf Antifa-Arbeit
Hans: Im Grunde war für jeden, der im Osten gelebt hat, beschränkt. Uns würde in diesem Zusammenhang interessieren,
die Entwicklung ziemlich klar abzusehen. Man wußte, daß warum ihr euch dann nicht einfach als autonome (oder irgendeine
sich Nazis in verschiedenen Städten organisierten, daß es andere linksradikale) Gruppe bezeichnet habt?
massenhaft Probleme mit Faschos gab, eben auch in Halle, Hans: Die Zeit damals war nicht so, daß man überlegt hat:
die man zwar noch – ob nun Vernichtungskommando oder Werde ich nun Autonomer, oder werde ich jetzt linksradi-
nicht – relativ gut im Griff hatte, daß aber trotzdem gesagt kal, oder werde ich vielleicht das, oder werde ich jetzt Anti-
wurde: Wir müssen irgendwie versuchen, was dagegen zu fa. Es gab zum Beispiel ’88 hier in Halle einen Fall, wo ein
machen. Freund von mir ziemlich übel zusammengelegt wurde von
Dirk: Alle von uns haben ihren ganz persönlichen Weg, wie drei Nazis, die sich damals auch schon als solche bezeichnet
sie zur Gruppe gekommen sind. Die ganze Mahnwachenki- hatten. Gut, das wäre einer der Gründe gewesen. Es ist aber
ste habe ich nur so am Rande erlebt, aber auch zu DDR-Zei- auch nicht so, daß ich nun unbedingt so ein Erlebnis brauch-
ten war eine aggressive Stimmung gegen alles »Fremde« te, denn es war im Osten ziemlich klar, daß sich eine ziem-

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lich starke Fascho-Szene entwickelt und daß schon in dieser wenig genutzt wurde. Da sind die Menschen endlich aufge-
Wendezeit zu befürchten war, daß sich das weiterentwickelt. wacht – es wurden beispielsweise die ersten Häuser besetzt.
Darum gab es vorher schon einen Zusammenschluß von Das war auch eine völlig witzige Zeit, ’89, weil man die Bul-
Leuten, die gesagt haben, wir machen Antifa-Arbeit, wie im- len bei überhaupt nichts einplanen mußte, weil sie einfach
mer das aussieht. Als wir damit auch öffentlich auftreten nicht da waren. Ich denke, bis Mitte/Ende ’90 war das so,
konnten, wollten wir zunächst erreichen, daß diese Fascho- daß die Bullen einfach nicht reagiert haben. Die nächste
Szene keinen Zulauf mehr hat. Wir wollten zum Beispiel an Veränderung kam dann Ende 1990, als die westdeutschen
Schulen gehen und dort aufklären. Auch aus der Motivation Verhältnisse hier eingeführt wurden. Ab da war natürlich
heraus, daß es eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte in auch die Bullensituation kraß verändert. Halle wird schon
der DDR ja nie gegeben hat. Im Grunde lief das aber bei uns ziemlich stark überwacht. Mittlerweile gibt es hier, sei es
alles ziemlich theoretisch zu der Zeit. duch die Bullenpräsenz oder anderes, genauso viel Repres-
Das Problem war damals doch, daß man auf der einen Seite sion wie im Westen.
wußte, daß es Kungeleien zwischen Stasi und Nazis gab, das
waren ja ziemlich offene Geheimnisse. Und auf der anderen Dirk: Illusionen gab es natürlich in der Einschätzung, wie
Seite gab es solche Horrorurteile, daß jemand, der einen der neue Staat mit politisch Andersdenkenden umgehen
Grabstein umgeschmissen hatte, sechs oder sieben Jahre in würde. Doch das hat sich schnell geklärt, nach den ersten
den Knast mußte. Damals haben wir gesagt: Das ist Blöd- und massiven Auseinandersetzungen mit Bullen und Justiz
sinn, man muß ehrlich damit umgehen. Bei der Geschichte, bei den Antifa-Demos in Wunsiedel 1990 oder bei den
die ich vorhin erwähnt habe, sind die Faschos verurteilt wor- Schlachten um die Mainzerstraße in Ostberlin. Die Gewalt-
den und in den Knast gegangen, aber natürlich nur wegen frage hat sich auch durch praktische Notwendigkeit ent-
Rowdytum. Der eindeutig rassistische Hintergrund hat bei schieden. Man mußte mit dem permanenten Faschostreß auf
der Urteilsverkündung überhaupt keine Rolle gespielt. Mit den Straßen fertigwerden und die Schläger aus der Innen-
dem Phänomen Neofaschismus wurde zu DDR-Zeiten ei- stadt vertreiben. Das ist uns in Halle ja auch ganz gut gelun-
gentlich nicht umgegangen. gen. 1991 gab es in Halle ein von Nazis besetztes Haus in
der Kammstraße. Das war Anfang 1991 in Halle noch eine
Dirk: Wichtig in dieser Zeit war eigentlich nur, daß unser
andere Situation als heute.
Ausgangspunkt ein antinationalistischer und antifaschisti-
Die Kammstraße war Anlaufpunkt für alle möglichen Fa-
scher war und daß wir in einer unabhängigen Gruppe aktiv
schos, vor allem auch für Kadernazis. Am 9.11.91 hatte die
werden wollten. Der Name ist doch vom bloßen Wortlaut
Auseinandersetzung mit den Nazis in Halle ihren Höhe-
her völlig egal.
punkt erreicht. An diesem Tag mobilisierten die verschiede-
Ihr habt davon gesprochen, daß ihr eure Illusionen verlieren muß- nen Nazi-Parteien und Gruppen im Bündnis zu einer
tet. Gibt es denn jemand von euch, der diesen Prozeß skizzieren großen Demo nach Halle. Fast alle ihrer Führer waren ge-
kann? kommen, Küssel, Worch, Reisz, Althans, Irving usw. Wir
konnten zur Gegendemo ca. 2 000 AntifaschistInnen mobi-
Hans: Das Problem ist ja – und das kennt hier eigentlich lisieren, die Faschos waren »nur« 400. Das war natürlich für
auch jeder –, daß sich unser Leben praktisch zweimal verän- uns sehr wichtig und ein enormer Erfolg. Ich glaube, diese
dert hat. Zunächst, nach dem Ende der DDR, gab es diese Demo war eine der wichtigsten in dieser Zeit und hat das
offene Zeit, wo jeder alles machen konnte, die aber viel zu Kräfteverhältnis klargelegt.

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Hans: Das ist auch so was typisch Hallesches. Es gibt immer Evelyn: Halle ist natürlich keine Insel im braunen Sumpf.
mal Zeiten, wo die Nazis relativen Aufschwung haben, sich Täglich werden auch hier Menschen aus rassistischen, sexi-
irgendwelche Sachen ausdenken. Dann gibt es aber auch ei- stischen und faschistischen Gründen beleidigt und angegrif-
nen entsprechend starken Widerstand, was dann meistens fen. Im September 1993 sind zwei Obdachlose in Halle er-
dazu führt, daß die Fascho-Aktivitäten wieder abklingen. mordet worden. Aber wir haben in letzter Zeit keine stärke-
Das Manko in Halle ist, daß viel zu wenig kontinuierlich ge- re Organisierung hinter solchen Angriffen feststellen kön-
arbeitet wird. In so einer Phase sind wir gerade jetzt wieder. nen. Im größeren Rahmen sind sie hier zuletzt nicht öffent-
Es ist so, daß wir damals, als die Kammstraße sich etabliert lich aufgetreten. Aber es gibt Hallenser Nazis, die immer
hatte, relativ wenig Gefahr drin gesehen haben. Als dann wieder bei Angriffen in der Region und anderen Städten
aber klar war, das wird ein Kommunikationszentrum für die auffallen.
Nazis, darüber laufen überregionale Kontakte, haben dann
viele Linke plötzlich sehr aktiv was dagegen gemacht. Es Was sind denn momentan die Schwerpunkte eurer Arbeit, also
wurden massenhaft Flugblätter in der Stadt verklebt. Dann jetzt gegen Ende ’93, Anfang ’94?
hatten die Nazis angekündigt, die größte Demo seit Dres-
Dirk: Zum einen gehen natürlich diese sogenannten Per-
den hier zu veranstalten, zu der angeblich 2 000 –3 000 Nazis
spektivdiskussionen nicht spurlos an uns vorbei. Aber diese
kommen sollten. In der Zeit haben wir unheimlich viel gear-
ganzen Auseinandersetzungen um staatliche Repression,
beitet, vor allem, um die Antifa-Demo vorzubereiten. Aber
Nazismus, herrschende Europa- und BRD-Politik, geeigne-
im Endeffekt hat sich die Kammstraße von alleine aufgelöst.
te Widerstandsformen, Anspruch und Wirklichkeit, Konti-
Gab es in letzter Zeit hier in Halle Angriffe von Neonazis auf nuität antifaschistischer Politik laufen oftmals leider nicht
Linke, auf Obdachlose, auf Ausländer? sehr offen. Vielleicht ist dafür auch der Rahmen noch nicht
vorhanden, aber ein Haufen Leute haben daraus schon ihre
Hans: Nein, nicht in größerem Stil; kleinere Sachen dafür Konsequenzen gezogen und arbeiten einfach nicht mehr mit
um so mehr. Ansonsten versuchen wir uns natürlich besser zu organisie-
Ralf: Und das sind Sachen, die unheimlich nerven. Es muß ren. Bald sollen verschiedene Projekte anlaufen wie Theater,
ja jetzt nicht unbedingt ein 20köpfiger Faschotrupp sein, Begegnungsabende mit älteren AntifaschistInnen vom BdA,
sondern es reicht ja aus, wenn ein Schwarzer mit seiner Veranstaltungen an Schulen. Wichtig ist auch die Öffent-
Freundin ins Kino rein will, und dann steht ein Fascho da- lichkeitsgruppe, die politische Ansätze nach außen tragen
vor. Da passiert erstmal nicht groß was, aber das sind Dinge, soll, wodurch wir breitere und mögliche Bündnisse anstre-
die sich absolut häufen. Dazu kommt, daß das nicht die ben. Es ist ein Versuch, die Auseinandersetzung um Faschis-
überzeugten Faschos sind, sondern häufig Jugendliche, die mus in all seinen Formen möglich zu machen, gerade auch
einfach nur so drauf sind. in links-alternativen Kreisen.
Dirk: Vor zwei Jahren wußte man ganz genau, der Fascho Hans: Wir haben zum Beispiel auch gemeinsam mit dem
läuft da, der hat eine grüne Bomberjacke an und Springer- Wehrdienstverweigererkreis, mit Frauen aus dem Frauen-
stiefel und irgendwelche Nazischeiß-Aufnäher. Jetzt rennen café in Halle – das läuft über den UFV – und mit dem BdA
ganz viele Jugendliche in einem Fascho-Outfit herum, und gemeinsam eine Aktionswoche organisiert, wo jeden Abend
du erkennst nicht mehr auf den ersten Blick: Ist das nun nur zu einem bestimmten Thema eine Diskussion war oder ein
Mode, oder sind die wirklich faschomäßig drauf. Film lief.

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Heißt das, ihr arbeitet jetzt weniger direkt gegen Nazis? Was war das für eine Geschichte?
Hans: Ich denke, wir sind an einem Punkt, wo wir gesagt Dirk: Das war, als von einem Mann aus Halle auf der Demo
haben, wir müssen eigentlich beide Sachen machen. Es der Spruch kam: »Ob Ost oder West – nieder mit der Frau-
reicht nicht, den Nazis, so weit wie es geht, auf die Fresse zu enpest«. Wo es dann natürlich auf der Demo eine Auseinan-
hauen und sich dann zu freuen, wenn sie mal wieder ein paar dersetzung gab, die in der Situation schon berechtigt war.
Tage verschwunden sind, sondern wir müssen versuchen, Die Diskussion allerdings, die danach geführt wurde, nahm
öffentlich klarzumachen, warum wir das tun. Wir müssen Auswüchse an, die wir nicht gerechtfertigt fanden. Wo Pa-
rüberbringen, daß linke Politik nicht nur daraus besteht, piere mit einem Boykottaufruf für Halle im Umlauf waren,
Nazis zu hauen, sondern daß man damit was erreichen will. oder solche Geschichten, wo von zahlreichen anderen –
Wie organisiert ihr euch selbst? westdeutschen – Antifa-Gruppen quasi ein Exempel statu-
iert wurde nach dem Motto: Halle, das sind gänzlich alles
Hans: Wir haben jetzt angefangen, ansatzweise eine Art Ar-
Sexisten. Der Tenor unserer Diskussion war, wir können die
beitsteilung zu entwickeln. Zum Beispiel eine Gruppe, die
dogmatische Sexismus-Diskussion aus dem Westen nicht
Öffentlichkeitsarbeit macht, dann eine Gruppe, die sich ver-
einfach so übernehmen.
stärkt darum kümmert, Infos über Faschos zu sammeln, also
schon eine klassische Recherche-Gruppe. Jetzt muß sich zei- Was verstehst du darunter?
gen, ob es gelingt, die Arbeit, die anliegt, wirklich zu vertei-
len, weil es anders nicht möglich ist, oder nicht mehr mög- Hans: Es gab ein Papier, das war kurz nach der Hof-Sache
lich ist. verfaßt worden, die Initiative ging wohl von norddeutschen
AntifaschistInnen aus, das kursierte, ohne daß wir davon
Ihr seid ja eigentlich eine »gemischte« Gruppe. Gibt es denn auch
wußten. Wir haben es jetzt erst vor kurzem gekriegt, als die
eine Frauen-Antifa-Gruppe in Halle?
Diskussion schon hochgekocht war und wir überhaupt kei-
Ricarda: Es gibt keine reine Frauen-Antifa, und ich sehe es nen Einfluß darauf hatten, außer zu sagen: Ja klar, das Ding
auch nicht als notwendig an, denn ich glaube, daß sich so ist passiert ...
was nur aus persönlichen Erfahrungen heraus bildet. Ich Es war sicher Scheiße, daß wir nicht sofort reagiert haben,
habe einfach kein Bedürfnis danach, in einer Frauen-Antifa dort bei der Demo, daher war es für mich auch verständlich,
was zu machen. Ich finde es eigentlich ziemlich gut in Halle, daß die Frauen an Ort und Stelle versucht haben, den betref-
daß die unterschiedlichen Szenen miteinander können. Und fenden Typen da rauszuhauen, das ist keine Frage. Daß aber
dann gibt es ja auch noch das Frauencafé in Halle. Natürlich eigene Leute von den Frauen auf die Fresse gekriegt haben,
spielen auch feministische Diskussionen unter uns eine Rol- die damit wirklich nichts zu tun hatten, die danebenstanden
le, aber eher im Allgemeinen. Denn es ist nicht so, daß wir und selber völlig geschockt waren, finde ich nicht gut, da
beispielsweise mit den Männern in unserer Gruppe irgend- sollte man auch drüber diskutieren. Allerdings wird in dem
welche Probleme hätten. Und deswegen ist halt nicht so die erwähnten Papier auch eine Menge Unsinn behauptet. Es
Notwendigkeit gegeben, sich damit so konkret auseinander- stimmt nicht, daß Hallenser schon lange vorher den Frauen-
zusetzen. block provoziert hätten, es stimmt auch nicht, daß dann zwei
Dirk: Ich möchte mal zwei Sachen sagen. Zum einen gab es Reihen Machos aus der Demo rausgehauen worden wären.
zwangsläufig eine große Sexismus-Diskussion nach der Ge- Als die handfesten Auseinandersetzungen begannen, war der
schichte in Hof im letzten Jahr. Mann, der diesen blöden Spruch abgelassen hatte, schon gar

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nicht mehr da. Und daß dann auch noch behauptet wurde, Habt ihr Kontakte zu Antifa-Gruppen aus dem Osten?
daß es danach immer noch irgendwelche Anmachen gab, ist Dirk: Seit etwa einem halben Jahr versuchen wir, so eine Art
absurd, denn unsere Leute liefen nur noch mit gesenktem regionale Struktur auf die Reihe zu kriegen. Innerhalb der
Kopf. Diejenigen, die mit einzelnen Diskussionen Probleme Region gibt es eine sehr gute Zusammenarbeit. Was natür-
hatten, die gesagt haben, die Frauen spinnen doch alle und lich über die Region hinaus reger laufen müßte, ist der Er-
so, die haben sich doch sowieso verpißt, um ja nicht mehr fahrungsaustausch. Und da hat die westdeutsche Restlinke
damit konfrontiert zu werden. Am Schluß des Flugblattes irgendwie versagt.
hieß es dann an unsere Adresse: Erklärt euch, nehmt Stel-
lung, aber das Ziel kann nur so aussehen, daß ihr unsere An- Inwiefern versagt?
satzpunkte übernehmt, ansonsten arbeiten wir nicht mehr Hans: Ich denke, die Westlinke bzw. die westautonome
mit euch zusammen. Szene muß sich den Vorwurf gefallen lassen, die sogenannte
Wie seid ihr damit umgegangen? Wende verpennt zu haben. Zu der Zeit gab es zu denen im
Endeffekt keine politischen Kontakte. Nach meiner Mei-
Dirk: Obwohl wir das Papier erst ziemlich spät gekriegt ha- nung war das in Berlin am deutlichsten zu sehen. Wenn ich
ben, war die Diskussion natürlich nicht davon abhängig. Auf an den 20. April 1990 denke, wo der ganze Alex mit Faschos
der einen Seite gab es einige, die gesagt haben, klar, wir müs- bevölkert war, das hätte einfach nicht sein müssen. Die
sen darüber diskutieren, müssen Stellung beziehen, weil es Westler wohnten schließlich nur ein paar Hundert Meter
nun einfach mal 100 Prozent Scheiße war, was da lief. Es gab entfernt.
aber auch welche, die gesagt haben: Na, da habt ihr’s doch,
die Frauen spinnen doch sowieso alle. Ich denke, daß es de- Dirk: Klar waren auch die Linken in den Westzusammen-
nen durch das Papier und seine ultimative Forderung wirk- hängen nach ’89 total schockiert. Aber auf uns ist einfach
lich recht leicht gemacht wurde, zu sagen: Ja, die aus dem niemand zugegangen. Niemand hat mit uns die Diskussion
Westen wollen doch sowieso nur, daß wir genau das sagen, gesucht, und auf den ersten Treffen mit Westlern hatten wir
was sie hören wollen, und daß dadurch nur ganz, ganz schwer oftmals den Eindruck, daß die überhaupt kein Interesse an
wahrgenommen wird, was die Frauen eigentlich wirklich einer Zusammenarbeit hatten. Wahrscheinlich wollten die
wollen. Das ist ein ganz blöder Punkt an der ganzen Sache. Westler die veränderte Situation einfach nicht wahrhaben
und einfach so weitermachen wie bisher. Aber Fakt war
Wie sehen denn ansonsten eure Kontakte zu Westgruppen aus? doch, daß sich die Situation auch in Westdeutschland mit ’89
wesentlich verschlechtert hatte. Jedenfalls hätte für uns vie-
Hans: Zum großen Teil läuft das über private Kontakte, die
les leichter sein können, wenn wir auf Erfahrungen und Ein-
dann wieder in die Gruppe zurückgetragen werden. Es ist
schätzungen der westdeutschen Linken hätten zurückgreifen
natürlich prima, wenn sich daraus über die Zeit eine politi-
können. Gerade im Hinblick der Hausbesetzungen und Ver-
sche Zusammenarbeit der Gruppen entwickelt. Ab und an
handlungen mit der neuen Staatsmacht wäre ein theoreti-
kommt das schon vor. Es ist halt sehr interessant zu sehen,
sches Wissen über die zuvorigen Kämpfe und die Entwick-
wie sich die Antifa-Arbeit im Westen entwickelt hat, wie
lung der Linken im Westen von Vorteil gewesen. Aber bis
dort die Notwendigkeit entstand, antifaschistische Arbeit zu
heute wird ja über diese Zeit kaum ein Wort verloren.
machen, oder zu sehen, wie sich dort die Bullensituation
verändert hat. Also, das sind so Punkte, die sind für uns in- Wie stellt ihr euch zur Diskussion um eine bundesweite Antifa-
teressant. Organisierung?

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Hans: In Halle spielt das zur Zeit eigentlich keine Rolle. hen, und die schon mal bei den Wohnungen, zumeist jünge-
Wir waren zwar eine Zeitlang an den Bundestreffen betei- rer Leute, vorbeischauen. Im Oktober 1992 gab es eine Raz-
ligt, aber irgendwann hatte sich das erledigt. Ursprünglich zia im Zentrum in der Kellnerstraße. Dabei haben sie gleich
fanden wir die Initiative relativ vernünftig. Aber die Diskus- 124 von uns »erkennungsdienstlich« mißhandelt. Aber un-
sion, die nun seit fast zwei Jahren läuft, halten wir für ziem- ter Repression darf man nicht nur solche Geschichten ver-
lich unproduktiv. stehen. Der Druck durch die Medien, die permanente
Gleichmacherei rechter und linker Gewalt, die offensichtli-
Dirk: Es gibt natürlich Sachen, wo eine bundesweite Orga- che ungleiche juristische Behandlung von rechter und linker
nisierung und Zusammenarbeit unabdingbar sind, wo wir Gewalt, die öffentliche Denunziation und Kriminalisierung
natürlich auch mitarbeiten. Aber eine Organisation mit Mit- von Antifa-Aktionen gehören ja zur Repression genauso
gliedschaft und Statut bringt uns, glaube ich, nicht sehr viel dazu, wie dann der direkte Zugriff selbst. Dagegen müssen
weiter. Wichtiger ist für uns derzeit, eine bessere regionale unsere Strategien natürlich weiterentwickelt werden.
Zusammenarbeit hinzukriegen. Da ist auch die Möglichkeit
einer direkten und wirksamen gegenseitigen Ergänzung und Inwieweit ist eure politische Praxis von eurem Alltag getrennt?
Unterstützung eher vorhanden als auf bundesweiter Ebene. Dirk: Das geht doch gar nicht, bei der Menge an Alltagsfa-
Und die Gefahr des Sich-selber-Verlaufens, in irgendwel- schismus, mit dem man sich tagtäglich auseinandersetzen
chen Diskussionen, ist wohl nicht von der Hand zu weisen. muß. Ich finde zum Beispiel am Kiosk die Nationalzeitung,
Bundesweite Plenen haben ja manchmal schon den Charak- haue die Verkäuferin an, was das soll. Hinter mir steht so ein
ter von Selbsthilfegruppen, und von konstruktiven Mitein- alter Opa, der dann auf einmal rumerzählt, ja, du hast ja gar
ander-Diskutieren kann in der Regel keine Rede sein. Si- keine Ahnung von Faschismus, wir haben an der Front als
cherlich gibt es eine Notwendigkeit, aber dazu muß erst deutsche Wehrmacht gekämpft, und in Buchenwald saßen
noch ein geeigneter Rahmen gefunden werden. Vielleicht nur Kommunisten und Juden. Und hinter ihm steht eine
kann der sich aus der Zusammenarbeit einiger Städte lang- Reihe von acht Bürgern, und keiner sagt was dazu. In der
sam herausbilden. Uni ist es auch schon Normalität, daß mir Burschenschaftler
begegnen. Und nationalistische Wertediskussionen und de-
Ihr habt vorhin einmal angedeutet, daß ihr unliebsame Erfah- ren Folgen spiegeln sich im Alltag doch fast überall wider.
rungen mit den neuen Ordnungskräften gemacht habt. Hat sich Außerdem: Was soll das für ein Antifaschismus sein, der an
der Repressionsdruck auf euch in Halle in letzter Zeit verstärkt? der Wohnungstür aufhört?
Dirk: Natürlich hat sich der Repressionsdruck seit Mitte ’92 Wie stellt ihr euch die Perspektiven eurer Arbeit vor? Wo wollt
erhöht und mittlerweile dem Westniveau angeglichen. Das ihr hinkommen, mit dem, was ihr macht?
ist an der stärkeren Polizeipräsenz im Sraßenbild schon er-
kennbar. Bei öffentlichen Anlässen, Veranstaltungen, Ralf: In ein blühendes Land.
Straßenfesten etc. wird die Stadt heute von einem massiven Hans: Ich wünsche mir, daß sich unter uns so eine Art Ar-
Bullenaufgebot richtiggehend belagert. Das war zuletzt so, beitsteilung entwickelt, um besser verhindern zu können,
als Volker Rühe hier öffentlich neue Rekruten vereidigte daß die Nazis hier Fuß fassen. Und dann natürlich auch die
und sie mit Störungen rechnen mußten. Arbeit mit anderen Vereinen, die muß sich unbedingt ver-
Dann gibt es hier in Halle auch eine Staatschutzabteilung, bessern. Ohne daß wir uns anbiedern müssen oder politische
die selbstredend versucht, gegen AntifaschistInnen vorzuge- Positionen um eines Bündnisses willen aufgeben.

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Dirk: Wir müssen es schaffen, daß es eine bessere Koordi- Historisch unbelastet
nierung zwischen den Städten gibt. Das fängt bei den ein-
fachsten Sachen an. Gespräch mit AntifaschistInnen aus der Schweiz
Hans: Ich kann mir schlecht eine Organisation mit Mit-
gliedschaft oder so was vorstellen, aber eine intensive Zu-
sammenarbeit ist unumgänglich.
In der Schweiz gibt es im eigentlichen Sinne keine überre-
Was sind für euch die Faktoren, die die Zunahme von neofaschi- gional organisierte und kontinuierlich tätige Antifa. Die au-
stischer Bewegung und Anschlägen in der letzten Zeit ausge- tonome Szene ist jedoch überregional lose miteinander ver-
macht, begünstigt haben? netzt und führt, den örtlich variierenden Bedingungen ent-
Hans: Zunächst einmal diese Asyldebatte. Das sieht doch je- sprechend, Antifa-Aktionen durch. In dem Gespräch disku-
der, der ein bißchen die Augen und Ohren aufmacht. Hier tieren autonome Linke aus verschiedenen Städten der
wurde über Monate durch PolitikerInnen und Medien ein deutschsprachigen Schweiz ihre Ansätze und ihre bislang
gemeinsamer Feind konstruiert. Und die Pogrome von Ro- gemachten Erfahrungen.
stock haben deutlich gezeigt, daß Polizei und Justiz aus poli-
tischen Gründen kein Interesse daran haben, diese zu ver-
hindern. Zumindest nicht immer. Was für Auseinandersetzungen gab es in den 80er Jahren mit
Dirk: Es ist dieser verinnerlichte Trend in der Politik, der Neofaschisten in der Schweiz? Gibt es auf der linken Seite so etwas
einfach immer mehr auf einen autoritären Staat, auf Faschis- wie eine Antifa-Organisierung, oder wie sieht das aus?
mus hinausläuft. Wenn ich mir zum Beispiel die Urteile von Theo (Zürich): Hier in der Stadt existiert momentan keine
Rostock angucke: Das ist doch lächerlich, was da passiert. Gruppe, die sich als Antifa bezeichnet. Es hat immer mal
Fakt ist doch – und auch für die Nazis ist das ganz offen- solche Organisationsansätze gegeben. Die sind aber mit den
sichtlich –, daß der Staat eigentlich kein Interesse hat, das zu jeweiligen negativen Anlässen gekommen und wieder ver-
verhindern. Und daß das die Leute anspornt, ist ja logisch. schwunden. Als die rechten Skins massiv in der Stadt auftra-
ten oder im Laufe der Anschlagserien auf die Flüchtlingsla-
ger von 1989/90 haben sich Antifa-Gruppen gebildet, und
als der Spuk vorbei war auch wieder aufgelöst. Diese Grup-
pen hatten die übliche Anti-Nazi-Arbeit gemacht, also
Schutz von Veranstaltungen, Recherche und präventive In-
tervention gegen Skins und andere Faschos.

Und warum haben sich die Gruppen so schnell wieder aufgelöst?


Nazis dürfte es doch auch in der Schweiz noch immer geben ...
Bert (Zürich): Sicher. Die Rechten sind heute sogar besser
organisiert als vor ein paar Jahren. Sie treten zwar nicht
mehr so alltäglich und sofort erkennbar in Erscheinung,
aber es gibt sie schon.

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Line (Zürich): Warum sich die Antifa im Raum Zürich auf- nicht abzuwarten, bis sie wieder was tun. Also, bei denen
gelöst hat, ist auch nicht so klar. Es gab darüber nie eine öf- machen wir auch mal in der Gruppe einen Hausbesuch,
fentliche Kontroverse. Antifa-Arbeit hieß halt hier in den klopfen halt mal an die Tür ...
letzten Jahren: Wenn bekannt wurde, daß sich irgendwo Tom (St. Gallen): Also, die Stadt, wo ich herkomme, St.
Nazis treffen und was vorhaben, dann hat sich ein relativ Gallen, liegt ja auch ziemlich in Grenznähe, und da wurden
breites Spektrum von Linken zusammengefunden und hat ab und zu Punkkonzerte von Faschos angegriffen. Die ka-
konkret was dagegen gemacht. Eine weitergehende Antifa- men auch aus Deutschland und Österreich rüber. Bei uns
Arbeit, also kontinuierliche Recherche neofaschistischer ging es direkt darum, mit denen auf der Straße fertigzuwer-
Strukturen usw., das war mehr Anspruch und wurde eher den, und das hat mit der Zeit auch geklappt. Heute ist es so,
von Journalisten wie Jürg Frischknecht eingelöst. Viel be- daß sich die Faschos in der Öffentlichkeit eher tarnen und
deutender war hier die antirassistische Arbeit, die wurde mir aus unserer Region vergleichsweise wenige Angriffe auf
kontinuierlich betrieben, und die gibt es heute noch. ausländische Menschen oder Linke bekannt sind. Wir versu-
Also wird bei euch antifaschistische Arbeit eher als ein normaler chen durch Recherche und Aktionen in letzter Zeit stärker
Bestandteil linksradikaler, autonomer Praxis gesehen und keine auf die organisierten Hintermänner zu gehen, um diese öf-
spezielle Antifa-Organisierung betrieben? fentlich zu machen.
Jacob (Bern): Auf Bern trifft das genau so zu. Wenn was an- Ist es allgemein so in der Schweiz, daß sich die Lage auf der
steht, wird aus dem autonomen Spektrum Antifa-Arbeit ge- Straße nach dem massiven Auftreten der Faschos und der An-
macht, also zeitweise und nicht kontinuierlich. schlagserie von 1989/90 wieder entspannt hat?
Kurt (Winterthur): Bei uns in Winterthur ist die Situation Kurt (Winterthur): Das ist regional sehr unterschiedlich.
aber doch etwas anders. Wir hatten sehr viel Ärger mit Fa- Winterthur ist z.B. so ein Spezialfall. Wir hatten 1989 hier
schos und machen deswegen schon sehr viel mehr Antifa-Ar- eine starke Skin- und Fascho-Bewegung und die Gründung
beit. Wir machen auch eine konkrete Recherche-Arbeit, da- einer neuen Nazi-Partei. Nach den zum Teil heftigen Aus-
mit wir über deren Zusammenhänge Bescheid wissen. Aber einandersetzungen waren die Nazis verschwunden, aber
wir machen das auch aus einem autonomen Szene-Zusam- jetzt tauchen sie wieder auf. Die gleichen Leute sind auf ein-
menhang heraus. Linke Zentren, Kneipen und besetzte mal wieder da und versuchen, wieder offen als Faschos auf
Häuser sind durch die Faschos gefährdet gewesen und bilden der Straße rumzulaufen.
auch den Hintergrund für eine organisierte Antifa-Arbeit.
Womit hängt das zusammen? Etwa weil eine antifaschistische
Franz (Winterthur): In Winterthur gab es sehr viele Aus- Gegenwehr nicht mehr vorhanden ist?
einandersetzungen mit offen auftretenden Nazis, viele Kurt (Winterthur): Nein, die ist ja gerade in Winterthur
Überfälle usw. Und wir kloppen uns mit denen, wo sie auf- vorhanden. Also das, was gemeinhin als Hau-Drauf-Antifa
treten, weil es anders keine Möglichkeit gibt. Aber ich den- bezeichnet wird, also, die gibt es in Winterthur. Das ist un-
ke, daß man aufteilen muß zwischen irgendeinem Skin, ei- bestritten. Aber wieviel das nützt und ob das nicht auch ein
nem saufenden Mitläufer und den wirklich politisch Akti- Grund ist, daß die Faschos immer uns in Winterthur
ven. Man muß wissen, wer bei den Nazis wirklich was zu sa- knacken wollen ... Die Skinheads kommen auch von woan-
gen hat, dann ist es viel einfacher, dagegen vorzugehen. ders her nach Wintherthur zum Prügeln. Wir haben halt
Kurt (Winterthur): Bei führenden Faschisten braucht man hier immer die großen Schlägereien.

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Franz (Winterthur): Dazu kommt noch, daß wir in den ei- das, daß sie gesagt bekommen, wer sie sind und wo sie zu
genen Reihen aufgeräumt haben. Es gab Nazis, die in linken stehen haben.
WGs gewohnt haben, aber ein rechtes Outfit hatten und
rechte Musik gehört haben, ohne sich als Rechte zu beken- Wie erklärt ihr euch die regionalen Unterschiede, was die Neona-
nen. Da gab es auch welche, die in der Alternativkneipe ge- zi-Präsenz angeht, in der Schweiz? Frischknecht schildert in sei-
arbeitet haben, und die sind dann überall rausgeflogen. Und nem Buch z.B. Schaffhausen als absolute Nazi-Hochburg.
die sind dann auch direkt übergelaufen. Kurt (Winterthur): In Schaffhausen spielt sicher der Ein-
Kurt (Winterthur): Das war quasi so, da sitzt einer bei den fluß aus Süddeutschland eine Rolle. Ich habe gehört, daß
Linken, und dann sitzt er zugleich am nächsten Abend bei viele Saufparties auch von drüben organisiert wurden, und
den Rechten. Das ging einfach nicht mehr. Die mußten wir was dabei sicher eine Rolle spielt, daß sie bei kleineren
rausschmeißen. Es gibt auch Leute, die in besetzten Häu- Straftaten einfach nur ausgewiesen werden, deutsche Nazis
sern gewohnt haben, mit uns gegen die Faschos maschiert sich hier also Sachen erlauben können, ohne daß ihnen viel
sind und jetzt auf der anderen Seite sind. passiert.
Franz (Winterthur): Davon haben die Nazis natürlich pro- Also gibt es in den Grenzregionen zur Bundesrepublik eine fest-
fitiert. Sie haben jetzt viele Informationen über uns, und das stellbar stärkere Zusammenarbeit zwischen ...
hat ihnen eine gewisse Sicherheit gegeben, was sie sich trau- Jacob (Bern): ... ja, aber das wird jetzt ein bißchen zu platt.
en können und was nicht. Da waren einfach solche bei, die Was die aus Winterthur vorhin beschrieben haben, das ist ja
sich als Sharp Skins bezeichneten und von denen wir uns di- auch diese Szenenvermischung, die es auch woanders gab. In
stanzierten. Da gab es so Geschichten, daß einer von denen Bern siehst du das an der Zaffaraya-Bewegung, da war auch
in Ostdeutschland war und so Kollegen mitgebracht hat. plötzlich eine eigene Subkultur entstanden, mehr aus einem
Und dann stellt sich heraus, daß die in Rostock mit dabei gemeinsamen Gefühl als aus einer politischen Ideologie her-
waren, und sie faselten davon, es wäre nur gegen die Bullen aus. Da gab es 1985 diese Platzbesetzung, und zwei Jahre
gegangen und so die ganze übliche Scheiße. wurde darum gekämpft, bis sie den geräumt haben. Gegen
Habt ihr irgendwelche Erklärungen, wie es dazu kam, daß die die Räumung gab es eine gefühlsmäßige Empörung der Be-
jetzt bei den Rechten gelandet sind? völkerung, eine breite Solidarität für die Besetzer. Die Stadt
war richtiggehend gespalten. Bern ist eine kleine Stadt, hier
Kurt (Winterthur): Also, bei den krassen Fällen ist es leben 130 000 Menschen, und davon waren 10 000 einige
schon so, daß die einfach eine Bestätigung gesucht haben. Tage lang auf der Straße. Und das war auch ziemlich durch-
Die hatten eine große Klappe, sind mit rumgezogen, und mischt. Und es gab einige darunter, die da noch neben dir
wir haben sie, solange es ging, mitgezogen und alles mitein- standen und die du dann später bei den Faschos wiedergese-
ander gemacht. Und irgendwie haben sie es nicht auf die hen hast, die sich heute als Nationalrevolutionäre bekennen.
Reihe gekriegt und sind von vielen auch immer belächelt Also erstmal ziehen bestimmte Momente einer Subkultur
worden. Und jetzt versuchen sie in der rechten Szene dassel- alle möglichen Leute an. Eine Faszination an der Revolte
be, um dort ihre Bestätigung zu kriegen. Das sind schon und einem anderen Lebensstil kann es ja auch bei denen ge-
ziemlich labile Charaktere. ben, die dann Rechte sind.
Franz (Winterthur): Die Führersache ist sicher auch so et- Auch in linken Zentren in Bern wird es ab und zu Faschos
was, was diese Leute halt anzieht, die festen Regeln und all geben, die wir nicht kennen, die sich da umtun und sich

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eben auch irgendein Konzert reinziehen. Es ist nicht so, daß einzelnen Städten und Regionen. Es gibt Hochburgen der
die automatisch sagen, da gehen wir nicht hin, das ist nicht Faschos wie in Schaffhausen, wo der Einfluß aus der BRD
unser Ding, es berührt sich halt schon noch. ganz nah ist, und dann gibt es die Landgegenden. Z.B. hier
Und dann finde ich es schon problematisch, wenn ihr euch in der Nähe von Zürich, im Kanton Aargau, gibt es diese
in Winterthur so als die Hau-Drauf-Antifa darstellt. Da Mutschellen-Front. Dort sind Figuren drin, die in der Ge-
wundern mich gewisse Sachen nicht, die ich gerade auch von sellschaft total integriert sind, da sind auch die Söhne von
deutschen Antifas kenne. Dieses Machogehabe und das teil- Polizisten drin, angesehene Nachbarn usw. Also, dieses neo-
weise ja selbst uniformierte Vorgehen gegen Faschos, das faschistische Gedankengut, das ist von breiten Kreisen in
zieht ja auch eine gewisse Szene an, und für mich gibt es da der Schweiz abgesegnet, das ist nichts Besonderes. Und
schon Verwandtschaften zu dem, wie Rechte auftreten. wenn Jugendliche in kleineren Städten wie in Winterthur
oder Schaffhausen sich in neofaschistischen Gruppen orga-
Wie weit gehen denn diese »Verwandtschaften« deiner Meinung
nisieren, dann haben sie eine Basis, auf der sie arbeiten kön-
nach?
nen, und von den Bullen werden die normalerweise nicht
Jacob (Bern): Damit meine ich nicht diese billige Links- angefaßt. Da sind dann Angriffe gegen Flüchtlingslager, die
rechts-Gleichsetzung. Aber bei Bewegungen, bei denen auf überall vorgekommen sind, halt so kleine Jugendsünden,
der Straße so revoltemäßig viel los ist, da gibt es auch immer über die muß man nicht reden.
Sachen, die für Jugendliche anziehend sind, und das läuft bei In größeren Städten mit einer linken Szene ist das für die
den Faschos nicht viel anders. Das ist erstmal eine unbe- Rechten schwieriger, weil da schneller 50 bis 100 Leute zu-
stimmte Kraft, die 80er Bewegung war auch einfach interes- sammen sind und gegen die was machen. Aber den Herr-
sant, endlich mal ausbrechen usw. ... schenden paßt das natürlich, wenn da ihre strammen Söhne
mal auf die Pauke hauen.
Also so eine Revolte-Haltung, aus der Gesellschaft ausbrechen zu
wollen, würdest du erstmal für politisch relativ unbestimmt hal- In den gößeren Städten passiert weniger, und deswegen gibt es
ten? auch weniger arbeitende Antifa-Gruppen als in den kleineren
Jacob (Bern): In großem Maße schon. Also im Anfangssta- Städten, ist das so richtig interpretiert?
dium geht es doch, zumindest teilweise, um den existentiel-
len Bruch mit irgendwelchen Autoritäten, und das Ideologi- Theo (Zürich): Rassistisch motivierte Übergriffe gibt es
sche entwickelt sich ja dann zumeist erst. Damit habe ich natürlich hier auch. Auch von Jugendgruppen und Jugend-
jetzt noch nicht erklärt, warum sich zu bestimmten Zeiten banden. Aber sie organisieren sich nicht wie Skinheads oder
mehr Jugendliche nach rechts oder nach links entwickeln. eine richtige Nazi-Organisation.
Aber ein emotionales Aufbegehren gegen die Verhältnisse
kann es auch bei Rechten geben und sie für einige attraktiv Sondern?
machen, und da kann es gerade in der Subkultur zu Vermi- Theo (Zürich): Hier gibt es z.B. die Home-Boy-Szene. Das
schungen kommen. Einfacher ist es sicher mit den organi- sind oftmals Jugendgangs, die aus den Vorstädten kommen
sierten Faschisten und ihrem ideologischen Ding, die findest und die zum Teil in den Fußballstadien aktiv sind. Aber so-
du ganz woanders, die haben damit wenig am Hut. weit ich da Bescheid weiß, haben die nicht so ein geschlosse-
Line (Zürich): Vielleicht sollten wir nochmal auf eure vori- nes Weltbild, und treten auch nicht so wie die Skins in Er-
ge Frage zurückkommen nach den Unterschieden in den scheinung.

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Sind das Gruppen, an die ihr versucht ranzukommen, oder sind Schläger von der Straße, politisch und organisatorisch stär-
die schon zu stark ins rechte Umfeld integriert? ker einzubinden.
Tom (St. Gallen): Da muß ich jetzt schon mal sagen, daß es Ist der parlamentarische Flügel der Rechtsextremen in der
wahrscheinlich Versuche von Nazis gibt, an die ranzukom- Schweiz denn nicht isoliert von den anderen parlamentarischen
men. Aber viel gefährlicher scheint mir derzeit, und da bin Kräften?
ich mir nicht ganz sicher, ob das nicht ein großer Unter-
schied zu den Verhältnissen in Deutschland ist, daß die ex- Line (Zürich): In keinster Weise.
tremen Rechten in der Schweiz ein stabiles parlamentari- Jacob (Bern): Inhaltlich kann man das an der Verschärfung
sches Standbein haben. Und da sehe ich z.B. auch in St. Gal- der Asylgesetzgebung sehen, da sind ganz klar die Parolen
len, wie sich Parlamentarier jetzt wieder der faschistischen der Rechten übernommen worden. In verschiedenen Ge-
Skinhead-Szene nähern und versuchen, die nicht organisier- meinden gibt es Wahlbündnisse von Konservativen und
ten Faschos einzubinden. Das läuft ganz stark, nachdem eine Rechtsextremen, daß z.B. die SVP mit den Schweizer De-
offene Fascho-Organisation wie die Patriotische Front mokraten oder auch mal mit der Autopartei gegen Rot-
durch Repression zerschlagen wurde. Grün koaliert ...
Parlamentarier? Also würdet ihr wirklich sagen, daß es nicht mal einen offiziellen
Anschein gibt, die Rechtsextremen parlamentarisch zu isolieren?
Tom (St. Gallen): Zum parlamentarische Standbein würde
ich in der Schweiz die Autopartei, den rechten Flügel von Franz (Winterthur): Mehr oder weniger nicht.
SVP und FDP, die Lega dei Ticinesi und die Schweizer De-
Tom (St. Gallen): Bei der Anschlagserie 1989/90 war das ja
mokraten als Nachfolgepartei der Nationalen Aktion zählen.
auch so, daß es so gut wie keine behördlichen Ermittlungen
Zwei Beispiele aus St. Gallen für die Kontakte von Parla-
gab, und daß Faschos wie in Thun verurteilt wurden, ist die
mentariern und militanten Faschisten: Einmal versuchten
absolute Ausnahme. Die rechten Attentäter kamen in der
etwa 10 bis 15 überwiegend sehr junge Faschos, eine antifa-
Schweiz immer bei Nacht und Nebel, und es gab praktisch
schistische Informationsveranstaltung zu stürmen. Dies ge-
nie eine Organisation, die das für sich gebucht hätte. 1989
schah dann zum Glück nicht. Die Angreifer erzählten hin-
gab es einen krassen Fall in Chur. Damals verbrannten vier
terher, daß sie von den örtlichen Schweizer Demokraten zu
Menschen nach einem Attentat im Flüchtlingsheim. Ob-
dieser Aktion angehalten worden seien. In der Tat stand
wohl hier ein eindeutiges Bekennerschreiben vorlag, es Tote
auch einer von ihnen, den wir sehr gut kennen, damals in der
gab, sind die Ermittlungen verschleppt und dann einfach er-
Nähe mit seinem Funkgerät herum.
gebnislos eingestellt worden. Das läßt schon einiges vermu-
Das zweite Beispiel: In der Nähe von St. Gallen wurde aus
ten.
Widerstand gegen ein Armeeprojekt von Linken ein Platz
besetzt. Nachdem es auf das Zeltlager wiederholt Brandan- Jacob (Bern): Die Schweizer müssen sich ja auch kein
schläge gab, wurden die AktivistInnen von Nazis brutal schlechtes Gewissen machen, wenn sie eine rechtsextreme
überfallen. Und wieder war der gleiche Schweizer Demo- Partei wie die Schweizer Demokraten wählen. Das ist ganz
krat kurz zuvor auf dem Gelände rumgeschlichen. Meiner normal. Man fühlt sich, im Gegensatz zu den Deutschen, hi-
Einschätzung nach klare Anzeichen dafür, wie die parlamen- storisch unbelastet, man war ja neutral während des zweiten
tarische Rechte dabei ist, die »Stiefelfaschos«, die Nazi- Weltkriegs usw. ...

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Und wie reagiert ihr darauf, das klingt ja alles ziemlich finster ...? versteckt. Praktisch haben die sicher sehr gute Arbeit gelei-
stet, aber politisch distanzieren wir uns davon. Die haben die
Bert (Zürich): Während der Anschlagserie sind wir zu den
Flüchtlinge einzeln versteckt, ohne daß diese die Möglich-
Flüchtlingen in den Lagern gegangen und haben geschaut,
keit hatten, noch irgendwie an dieser Geschichte aktiv teil-
was man machen kann. Es wurden Solidaritätskundgebun-
zunehmen. Und dann haben sie auch noch damit angefan-
gen veranstaltet und auch Flugblätter in den Dörfern ver-
gen, bei juristisch hoffnungslosen Fällen quasi alternative
teilt. Die Flüchtlinge müssen ja oft in Lagern einsitzen, die
Ausschaffungen in sogenannte Drittstaaten zu organisieren.
auf dem Lande liegen oder die an den Stadträndern in
Unsere Idee war hingegen, ein Gleichgewicht von ausländi-
schrecklichen Gegenden, den Einkaufszentren-Wüsten und
schen und hiesigen Leuten zu schaffen, also die Flüchtlinge
Einfamilienhäuser-Siedlungen, sind. Wir haben versucht, in
nicht einfach zu »verwalten«, sondern gemeinsam und öf-
den betreffenden Gegenden Menschen zu finden, mit denen
fentlich gegen die Asylpolitik zu mobilisieren.
man was machen kann. Manchmal hat das auch geklappt,
und man konnte eine Diskussion in einer Gemeinde anzet- Theo (Zürich): In zahlreichen Lagern war es in den 80er
teln, EinwohnerInnen haben sich zum Teil an Kundgebun- Jahren von Flüchtlingsfrauen und -männern zu Hunger-
gen beteiligt. streiks gegen die unwürdigen Lebensbedingungen gekom-
men. 1988 hatten diese Streiks ihren Höhepunkt, und be-
Theo (Zürich): In dieser Zeit ist auch das antirassistische sonders in reaktionären Landstrichen wie in Graubünden
Telefon entstanden. Es gibt Flüchtlinge in den Lagern, die hetzten Administration und Presse gegen die Flüchtlinge.
wissen, an wen sie sich nun wenden können. Wichtig war Man mußte mit Fascho-Angriffen rechnen, und das geschah
uns, mit den Leuten zusammen, und nicht über ihre Köpfe ja dann auch.
hinweg, zu arbeiten. Es gab schon vorher Streikbewegungen In dieser Situation haben wir uns in Zürich überlegt, wie wir
in den Lagern, also Flüchtlinge mit einer gewissen Erfah- die Streikbewegung unterstützen können, und haben dann
rung, die auch wichtig war, um jetzt einen Selbstschutz auf- ein Refugium, also eine öffentliche Zufluchtsstätte, organi-
zubauen, den wir unterstützen können. siert. Einige aus der linksradikalen Szene haben als Refugi-
Wir haben ja vorher schon mal erwähnt, daß es bei uns eine um ein als relativ fortschrittlich geltendes Theater in Zürich
relativ lange und kontinuierliche Flüchtlingsarbeit gibt, die besetzt und die Flüchtlinge aus den Lagern aufgerufen,
sich seit Mitte der 80er Jahre zentral gegen die hiesige Asyl- dorthin zu kommen. Es sind dann auch wirklich sehr viele
gesetzgebung richtet. dort aufgetaucht. Wir haben das Theater umfunktioniert,
Könnt ihr dazu vielleicht noch etwas sagen – die Flüchtlingsarbeit und es wurde dort gegessen, geschlafen, diskutiert, Presse
in der Schweiz hat ja gerade in Westdeutschland viele beeindruckt und Öffentlichkeitsarbeit gemacht, mit den Theaterleuten
und motiviert? debattiert usw. ...

Bert (Zürich): Ja, aber ich denke, da gibt es ein großes Bert: Es war ein öffentliches Versteck, um politischen
Mißverständnis. Die meisten haben den Dr. Zuber im Kopf, Druck gegen diese ganzen Asylverfahren und die Ausschaf-
der offenbar in ganz Deutschland erzählt hat, daß er Tau- fungspraxis zu entwickeln.
sende von Flüchtlingen verstecken könne. Und in der Theo: Das Refugium dauerte zehn Tage, unter ständigen
Schweiz gibt es da ganz verschiedene Ansätze. Zuber und Räumungsultimaten. Mit der Zeit gab es eine zweite Diskus-
seine Mitstreiter von der AAA (Aktion für Abgewiesene Asy- sion, bei der öffentlich dazu aufgerufen wurde, die Flücht-
lbewerber) haben rechtskräftig abgewiesene Asylbewerber linge auch zu verstecken. Das Theater hatte weiter seine

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Vorführungen, und wir haben mit dem Publikum über die Andrea (Zürich): Das ist jetzt auch wieder ein bißchen
Notwendigkeit geredet, Flüchtlinge zu verstecken. Das ist kurz, was du von Bern aus sagst. Vom reformistischen An-
auch geschehen. Als das Theater mit einem Großaufgebot satz unterscheidet uns z.B., daß wir nicht in wirtschaftliche
von Bullen geräumt wurde, haben sie keine Flüchtlinge oder politische Flüchtlinge aufspalten. In diesem Sinne ha-
mehr gefunden. ben wir uns sehr tief auf die Widersprüche der Menschen
Andrea (Zürich): Es gab nachher noch ein zweites Refugi- eingelassen, die diesen Kampf in den Refugien geführt ha-
um, da wurde eine Gewerkschaftszentrale besetzt, und dar- ben. So platt sind die nicht zum revolutionären Subjekt er-
aus sind die Flüchtlinge zusammen mit uns offensiv auf die klärt worden. Es war vielmehr ein langsames Scheitern, eine
1. Mai-Demonstration gegangen. Da waren viele schon ille- Abnutzung dadurch, daß der erhoffte Schneeballeffekt nicht
gal. Uns ging es darum, im Unterschied zu den christlichen eintrat. Die Idee wurde halt nicht massenhaft aufgegriffen
Kreisen um diesen Dr. Zuber, eine gemeinsame autonome und unterstützt. Und auch wenn die meisten von uns keine
und antirassistische Struktur aufzubauen, einen Kampf zu guten Jobs haben, sind wir im Verhältnis zu den hierher
führen, bei dem die Flüchtlinge nicht zu Sozialfällen degra- Flüchtenden immer noch reich und können uns verhältnis-
diert werden. Das war ein ganz kleiner Versuch, und eigent- mäßig frei bewegen. Das hatten wir auch nicht vergessen.
lich ist der, muß man schon sagen, nach zwei Jahren geschei-
tert. Wenn ich euch richtig verstanden habe, ging es darum, Struktu-
ren aufzubauen, die gesellschaftlich so stark sind, daß diese Ab-
Woran? schottungspolitik vom Schweizer Staat nicht mehr durchsetzungs-
Andrea (Zürich): Wir sind doch selber sehr schnell in eine fähig ist?
sozialarbeiterische Rolle gerutscht ...
Bert (Zürich): Darf ich schnell ergänzen? Also, wir haben Andrea (Zürich): Neulich, als die Roma das ehemalige KZ
bestimmt sehr früh den Fehler gemacht, die Flüchtlinge als in Dachau besetzt haben und dann rausgeekelt worden sind
ein Kollektiv zu verstehen. Wir sagten anfangs, wir organi- – also, das muß man sich vorstellen, deren Eltern sind dort
sieren euch nach Möglichkeit Jobs und Wohnungen, und ihr vergast worden, und der deutsche Staat hat die dort einfach
entscheidet dann gemeinsam, wer was von euch machen soll. rausgeschmissen –, da ist mir die Idee von den Refugien wie-
Also, wir haben schon sehr hohe Ansprüche an sie gestellt, der in den Sinn gekommen.
teilweise Sachen, die wir selber im Kollektiv auch nicht ein- Das war eben auch der Versuch, eine ganz beschränkte Ge-
lösen können. genmacht aufzubauen, die auf einen wackligen Untergrund
baute, also eine Öffentlichkeit ansprechen sollte, die sich
Also, ihr habt in den Flüchtlingen so etwas wie das neue »revolu-
noch als links ausgab. Sowohl die Theater- wie auch die Ge-
tionäre Subjekt« gesehen?
werkschaftsleute konnten sich nicht erlauben, einfach die
Bert (Zürich): Ja, quasi, muß man schon zugeben. Bullen zu rufen und zu sagen: Knallt die Unruhestifter hier
Jacob (Bern): Es gab ja dann auch die Kritik, die es an die raus. Aber eine solche Hoffnung gibt es heute nicht mehr.
Adresse der Christen auch gab, daß die Linksradikalen die Es hat auch keine leeren Versprechungen an die Flüchtlinge
Flüchtlinge auch instrumentalisieren. Daß denen hier auch gegeben, in puncto Legalisierung usw., es gab das Verspre-
wieder so ein ideologisches Ding übergestülpt und auf die chen, einen Versuch, die Hoffnung, mit Menschen von hier
unterschiedliche Situation, aus der die Menschen kommen, zusammen den Kampf gegen die Asylpolitik des Staates
gar nicht eingegangen wurde ... führen zu können ...

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Theo (Zürich): Vielleicht muß man dazu noch sagen, daß drogensüchtige Jugendliche, einen Abschiebeknast direkt
ein Teil des Spektrums, auf das wir 1989 noch setzen konn- am Flughafen usw. Was hat die Antifa dazu für eine Positi-
ten, inzwischen auf die andere Seite gewechselt ist. Ein Teil on? Meiner Meinung nach müßte die Antifa auch den An-
der Altlinken, der ’68er, ist an dieser ganzen rassistischen spruch haben, mit Flüchtlingen, mit direkt Betroffenen zu-
Hetze im Zusammenhang mit der Kampagne gegen den sammen den Widerstand gegen Nazis zu organisieren ...
Drogendeal beteiligt. Der Motor war diese Gleichsetzung
von Ausländern mit Drogenhändlern. Dieser Diskurs ist von Ist für euch Flüchtlingsarbeit in Winterthur ein Thema, oder
den älteren Linken aufgenommen worden und ist auch ein macht ihr etwas ganz anderes?
Ausdruck von der allgemeinen Rechtsverschiebung in der Kurt (Winterthur): Also, wir machen was ganz anderes, das
Schweiz. Also das, was sich vorher bei den bürgerlichen Par- muß ich schon sagen. Erstmal ist bei uns niemand über 25,
teien schon gezeigt hat, die heute eine rassistische Politik also das ist eine Jugend-Antifa. Propagandistisch versuchen
formulieren, die vor ein paar Jahren nur rechtsextreme wir die Öffentlichkeit mit Klebern und Leibchen und all so
Splittergruppen vertreten haben. ’nem Zeug zu beeindrucken. Wir haben ein Nottelefon, und
Andrea (Zürich): Das ’68er Spektrum war mit einem kriti- wenn irgendwo in der Stadt Glatzen gesichtet werden, dann
schen Journalismus auch in größeren Zeitungen präsent, steigt man in die Montur und geht prügeln. Also, wir glau-
überall waren ein paar drin, und das hat es z.B. den Bullen ben schon, daß, wenn wir sie stetig angreifen, sie erst gar
eine Zeitlang schwergemacht, einfach in ein gut eingebun- keine Zeit für ihre Sachen haben. So sind die stetig unter
denes, besetztes Haus einzudringen und dort Leute aufzu- Druck und haben Angst, was zu tun. Das Spiel war vorher
greifen. Die Alten waren schon länger nicht mehr auf der anders, und daraus haben wir gelernt. Unsere Vorgehens-
Straße dabei, aber jetzt haben sie sich zu Propagandisten ei- weise hat sich bewährt, sie kommen nicht mehr dazu, Aktio-
ner sozialdemokratisch geführten Zürcher Abgreif- und nen zu machen, sondern sie müssen schauen, wie sie von A
Ausschaffungspolitik gemacht. nach B kommen.

Theo (Zürich): In der Schweiz gab es schon in den 70er Bert (Zürich): Nur mal schnell die Frage, hat’s bei eurer
Jahren relativ einflußreiche Organisationen der Neuen Lin- Antifa auch Frauen bei?
ken wie die POCH oder die SAP. Die lassen sich in etwa mit Kurt (Winterthur): Ja.
der später in Deutschland gegründeten Partei der Grünen
Bert (Zürich): Und die steigen auch in die Montur?
vergleichen. Das waren für die Schweiz aber auch noch in
den 80er Jahren so etwas wie die alternativen Institutionen, Kurt (Winterthur): Die steigen auch in die Montur.
mit all ihren reformistischen Schattierungen. Jacob (Bern): Also, das ist mir jetzt ein bißchen zu kraß, auf
Andrea (Zürich): Bislang war einfach die Abgrenzung ge- der einen Seite die Geschichte mit den Refugien und auf der
gen das rechte Spektrum, das auch an der Macht war, aus- anderen Seite Hau-Drauf-Antifa. Bei uns in Bern hat’s wel-
schlaggebend. Nachdem in Zürich erstmals Rot/Grün an che, die hinlangen können, wie auch ein Asylkomitee, das
der Macht beteiligt war, ist das so langsam weggerutscht. landesweit vernetzt ist, also kontinuierlich arbeitet und auch
Aber vielleicht sollten wir jetzt wieder etwas praktischer dis- so was wie die Refugien mitträgt. In der Nähe von Bern gibt
kutieren, weil mich würde das schon interessieren, wie ihr in es auch so ein Nest, Langenthal, wo sich so eine Fascho-Sze-
Winterthur, in St. Gallen darüber denkt. Also zu den ganzen ne gebildet hat, wie sie vorhin beschrieben wurde, also im
Sachen, die wir jetzt haben, einen Umverteilungsknast für Zusammenhang mit so einem kleinbügerlichen Milieu, wo

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die Väter teilweise die Polizisten im Dorf sind. Die Faschos einander aus, gibt es eine regelmäßige Zusammenarbeit unter den
hatten auch die Sympathie von vielen Normalbürgern und verschiedenen Städten und Gruppen?
konnten die anderen Jugendlichen dort einschüchtern, ob- Kurt (Winterthur): Also, wir haben so gut wie keine Kon-
wohl die von der Anzahl eigentlich mehr waren. takte und sind ziemlich isoliert.
Wir haben von Bern aus dann erstmal recherchiert, was die
Faschos für Kontakte haben und wer die Wortführer sind, Bert (Zürich): Aber ich hab euch doch bei der Aktion in der
also, an welcher Stelle sie zu knacken sind. Wir sind dann Zürcher Oberländer Agglomeration neulich gesehen. Da
hin und haben für die Szene in Langenthal Schutz bei Kon- wart ihr doch bei, als es um dieses Hallenbad in Bauma ging,
zerten und anderen Anlässen gemacht. Aber einzelne haben wo sie keine AsylbewerberInnen reinlassen wollten. Mor-
sich auch anonym in die Fascho-Kneipen gesetzt und immer gens haben die lokalen SozialdemokratInnen dagegen ein
dann interveniert, wenn ein Fascho-Spruch fiel. Bis dahin Picknick gemacht, mittags kamen dann die Leute von
ging alles ohne Schlägereien ab. Wir sind auch mal hinge- Zürich, und am Nachmittag seid ihr doch mit einem Trans-
gangen und haben mit denen diskutiert und einfach per parent da rein und habt gebadet.
Sprache und Wortschatz Autorität spielen lassen. Also erst- Kurt (Winterthur): Aber das war nichts Gemeinsames, wir
mal ein anderes Klima schaffen. Und erst später, als klar re- haben das zufällig mitbekommen und uns mit Wasserfarbe
cherchiert war, wer die Organisierten mit Kontakten nach braun angemalt, damit das Wasser ’ne schöne Soße wird.
Basel oder Süddeutschland waren, haben wir diese uns ge-
zielt gegriffen und eingeschüchtert. Jacob (Bern): Also, ich glaube, das hat schon was mit dem
Alter zu tun. Es gibt schon eine ganze Menge Kontakte, gut,
Aber, um den Winterthurern jetzt auch ein bißchen gerecht zu vieles läuft informell, über Häuser und einzelne, die sich halt
werden, muß man schon sagen, daß sie extrem mit Nazis konfron- schon länger kennen. Es gab ja auch schon eine große und
tiert waren und massiv angegriffen wurden. Die stehen bestimmt breit unterstützte Antifa-Demo in Winterthur.
anders als ihr in Bern unter Druck, und das spielt doch schon eine Franz (Winterthur): Ja, das war zur Reichskristallnacht am
Rolle, ob du dir in aller Ruhe was überlegen kannst oder ganz un- 9. November. Da wollten die Faschos einen Umzug durch
mittelbar damit konfrontiert wirst. Winterthur machen.
Jacob (Bern): Die Militanz steht nicht zur Debatte. Mir Andrea (Zürich): Und als alle antifaschistischen Kräfte in
geht es einfach nur darum, daß das nicht zum Ritual wird, Winterthur waren, haben die sich andere Orte gesucht, in
also in deinem Wortschatz: in die Montur steigen. Das ist Höri oder Neuhausen. Und in Zürich haben sie am gleichen
mir zuwider, du kannst kein Bild übernehmen, das einfach Tag Jorge Gómez, einen schwarzen Brasilianer, totgeschla-
für die Gegenseite steht. gen.
In Bern gab’s auch Aufmärsche von Neonazis, und wir ha- Jacob (Bern): Und wir haben uns in Winterthur auf’s Ritu-
ben sie vertrieben, das ist nicht der Punkt. Und es war auch al eingelassen, ja, das hat dann schon Diskussionen aus-
immer der Gedanke da, daß das nicht genügt, gerade nach gelöst. Wir haben uns mit den Bullen gezofft, und die sind
den Anschlägen, wie kommt man statt dem ständigen Rea- wieder mal mit Tränengas und Gummigeschossen auf uns
gieren wieder ins Agieren ... draufgegangen, das Ritual halt.
Also, wir haben ja jetzt aus jeder Stadt von einem unterschiedli- Theo (Zürich): Also, um noch mal auf eure Frage zurück-
chen Vorgehen gehört. Wie ist das denn, tauscht ihr euch unter- zukommen, ihr seht schon, was Organisierung anbetrifft,

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gibt es größere Widersprüche. Es gibt Probleme auf der Franz (Winterthur): Das Fernsehen ist ja voll mit deut-
städteübergreifenden Ebene, und dann gibt es Schwierigkei- schen Sendern, und da hat man schon mitverfolgt, was sich
ten, wie mit ausländischen Linken zusammen was laufen seit dem Anschluß der DDR so alles dort verändert. Das ist
könnte. schon Thema.
Kann denn von einer Zusammenarbeit unter deutsch-, franzö- Jacob (Bern): Ich glaube auch, daß es die Fascho-Szene in
sisch- und italienischsprachigen Linken in der Schweiz ausgegan- der Schweiz beeinflußt und mobilisiert hat.
gen werden? Tom (St. Gallen): Wobei es ja nicht so war, wie man hätte
Jacob (Bern): Also, bei der Häuserbewegung, da lief das denken können, daß jetzt die Fascho-Szene in der Schweiz
noch am besten. Da haben wir zumindest einmal im Jahr ein nach Hoyerswerda und Rostock voll losgeschlagen hätte.
»nationales« Treffen immer hingekriegt. Da konnten sich Das war ja das Erstaunliche, es blieb hier relativ ruhig. Die
auch mal jüngere und neue Leute kennenlernen und Kon- Anschlagserie in der Schweiz war ja vor der großen Angriffs-
takte knüpfen. Sobald irgendwo öffentlich erreichbare welle in Deutschland erstmal vorüber.
Strukturen existieren, funktioniert das natürlich besser, also Auf der linken Seite wird viel aus den Diskussionen, die in
z.B. die Infoläden in Bern oder hier in Zürich geben schon der BRD stattfinden, rausgezogen. Also, wir stützen uns sehr
eine gewisse Kontinuität. Auch für dieses Gespräch hier hat- stark auf Bücher ab, die dort erscheinen. Gerade das Buch
ten wir einige aus Genf eingeladen, die konnten heute leider von der autonomen l.u.p.u.s.-Gruppe hat eine ziemlich star-
nicht kommen. Natürlich sind die verschiedenen Sprachen ke Diskussion ausgelöst und zu einer Positionsfindung bei-
ein Problem, und wir hatten dort auch die angesprochen, die getragen. Aber zu linker Politik und Theorie wird in der
deutsch können, damit wir nicht alles so anstrengend hin Schweiz auch einfach zu wenig publiziert.
und her hätten übersetzen müssen. Bert (Zürich): Also, ich kann jetzt auch nicht eine große
Welche Diskussionen aus den benachbarten Staaten fließen denn Analyse liefern. Ich habe so einzelne Punkte genauer ver-
hier besonders stark ein? Wird nicht auch stärker rezipiert, was in folgt, der Umgang der SPD mit dem sogenannten Asylkom-
Italien oder Frankreich passiert? promiß hat mich z.B. sehr interessiert. Und dann bin ich
auch an diesem sogenannten Tag X zur Bundestagsblockade
Tom (St. Gallen): Ich glaube nicht, der Haupteinfluß nach Bonn gefahren.
kommt aus der BRD. Zumindest im deutschsprachigen Teil
der Schweiz. Auch was fehlende theoretische Auseinander- Jacob (Bern): Ich wollte noch kurz zur Antifa in Deutsch-
setzungen bei Linken hier betrifft, da orientiert man sich land was sagen. Was ich von der hier mitbekomme, das ist
schon primär an der BRD. Für Antifas hier ist das Bild von mir dann doch oft zu einseitig, zu sehr auf Anti-Nazi-Kampf
der bundesrepublikanischen Antifa schon attraktiv, also mit beschränkt. Und so wie das auch die Medien oft darstellen,
Militanz und Straßenkampf, platt gesagt, das zieht gerade hat man schnell das Gefühl, die Faschos sind das Problem.
jugendliche Leute an. Auch wenn es da vielleicht viele Und daß weniger gesehen wird, wie der Staat eigentlich das
Mißverständnisse gibt. Ganze etabliert und einfach Sachen macht, die wir mit unse-
rem Blick auf die Faschos gar nicht mehr mitbekommen.
Wie habt ihr denn den Prozeß, der sich in den letzten drei Jahren Die Faschos sind für die Herrschaft doch total ideal, und ich
in Deutschland vollzogen hat, wahrgenommen: Hatte das Konse- glaube nicht, daß sie irgendwo derzeit für den Staat eine
quenzen für euch, strahlt das auf euch in der Schweiz ab? wirkliche Gefahr darstellen.

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Eine mörderisch-harmonische
Volksgemeinschaft
Interview mit Wiener Antifaschisten

Der Zustand der österreichischen Antifa-Szene erinnert in


vielem an die Situation bundesdeutscher Antifas Mitte der
80er Jahre. An den Brennpunkten faschistischer Organisie-
rung operieren auch Antifa-Gruppen, allerdings ohne unter-
einander tragfähige Strukturen aufgebaut zu haben. Zudem
besteht ein relativ großer Gegensatz zwischen der Metropo-
le Wien und anderen österreichischen Städten.
September ’93 führten wir ein Interview mit Wiener Antifa-
schisten. Zwei Monate später – unmittelbar nach den Urtei-
len gegen maßgebliche Kader der faschistischen VAPO – ha-
ben österreichische Nazis mit Briefbomben die Situation es-
kaliert. Dadurch veränderten sich in Österreich auch die Be-
dingungen für eine autonome antifaschistische Politik: Zum
einen rückt das offizielle Österreich in einhelliger Verurtei-
lung des Terrors zusammen, setzt sich an »Runde Tische«,
an denen auch FPÖ-Chef Jörg Haider Platz nehmen darf.
Schon wird auch in Österreich, anstatt über die Ursachen,
viel lieber über einen Ausbau des »Sicherheitsstaates« laut
nachgedacht. Zum anderen wird sich die Antifa-Szene vor
diesem Hintergrund ihrer Unzulänglichkeiten bewußt. Sie
muß sich etwas einfallen lassen, will sie nicht zwischen Fa-
schos und Staat aufgerieben werden. »Die Ratlosigkeit«,
schrieb uns einer der am Gespräch Beteiligten, »die am Ende
des Gespräches vorherrscht, ist heute mit Wut gepaart.«

Vielleicht könntet ihr zunächst etwas über die Geschichte von An-
tifa-Arbeit in Österreich erzählen?
Frieder: Man muß zum Verständnis wissen, daß österreichi-
sche Universitäten bis Ende der 60er Jahre zutiefst deutsch-

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national waren. Der »Ring Freiheitlicher Studenten«, RFS, sozialistischer StudentInnen-Organisationen beim Verfas-
stellte in den 60er Jahren unter den Studierenden die stärk- sungsgerichtshof sind die Wahlen dann annulliert worden.
ste Fraktion. Er war eng mit der »Freiheitlichen Partei Mit dem Auftreten der ANR begann wieder der Terror ge-
Österreichs«, FPÖ, verbunden. Damals gab es an der Welt- gen Linke an den Unis. Der Widerstand dagegen hatte al-
handelsuniversität einen Professor namens Borodajkewycz, lerdings mit Antifa-Arbeit nach heutigem Verständnis nicht
der vor allem durch antisemitische Aussprüche bekannt war. sehr viel zu tun.
Die Auseindersetzungen um Borodajkewycz begannen, als Anton: Es war aber immer klar: Wenn irgendwo eine Nazi-
linke Studenten in seinen Vorlesungen mitschrieben und Veranstaltung stattfindet, sei es im Wahlkampf oder seien es
seine Ausfälle anschließend öffentlich machten. Gestützt die Gründungsversammlungen irgendwelcher Gruppierun-
wurde Borodajkewycz vor allem durch den RFS. Die linken gen, wurde militanter Widerstand dagegen organisiert. Das
Fraktionen an der Hochschule haben Demonstrationen ge- ist selten als Antifa-Organisierung gelaufen, sondern mei-
gen den Professor organisiert, und bei einer solchen Demo stens allgemein in linksradikalen Zusammenschlüssen.
ist Ernst Kirchweger, KP-Mitglied, Spanienkämpfer, von
Nazis getötet worden – das erste bekannte Opfer nazisti- Worin unterscheidet sich denn euer heutiges Verständnis von Anti-
scher Gewalt in der zweiten österreichischen Republik. fa-Arbeit von dem, was ihr über die Vergangenheit berichtet habt?
Ausgesprochen autonom-antifaschistischer Widerstand ge- Frieder: Unsere Arbeit hat ihren Kampagnen-Charakter
gen neofaschistische Organisierung begann eigentlich Ende verloren. Vermehrt beschäftigen wir uns heute kontinuier-
der 70er Jahre vor allem an den Universitäten. Zu der Zeit lich mit Faschismus und Rassismus in Österreich, mit den
kandidierte der große alte Mann der österreichischen Nazi- Inhalten und Formen faschistischer Organisierung. Das
Szene, Norbert Burger, als Bundespräsident. Unterstützt schließt durchaus ein, sich militant mit Nazis auseinander-
wurde er von einer aus der Nationaldemokratischen Partei zusetzen. Allerdings ist die Situation in Österreich im allge-
Österreichs, NDP, und der Kameradschaft Babenberger meinen und speziell in Wien nicht so, daß man als Linker
hervorgegangenen »Aktion Neue Rechte«, ANR. nicht mehr auf die Straße gehen könnte, ohne eine Prügelei
zu riskieren.
Bezog sich die ANR auf die »Aktion Neue Rechte«, die seit 1971
aus der Bundesrepublik bekannt ist, oder war es nur eine zufällige Geht dieses neue Verständnis auf Veränderungen in Österreich
Gleichheit des Namens? zurück, oder gab es andere Anlässe?
Bruno: Sie hatten weder etwas mit der deutschen ANR zu Bruno: Ungefähr ab ’89 begannen Neonazis, unsere De-
tun noch mit der Neuen Rechten überhaupt. Sie selbst ga- monstrationen gegen den Wiener Opernball bewußt und
ben sich zwar gern »nationalrevolutionär«, waren jedoch im organisiert zu stören. Schon beim Opernball 1990 haben sie
klassischen Sinne nazistisch. Viele Kader der VAPO, darun- versucht, in unsere Demo reinzugehen und zu provozieren.
ter auch Küssel, haben sich bei der österreichischen ANR Es stellte sich heraus, daß diese Angriffe von den Nazis
ihre ersten Sporen verdient. österreichweit geplant worden waren. In dem Zusammen-
hang hat es dann Diskussionen gegeben, wie man das ver-
Frieder: Diese ANR sammelte vor allem das militante Um- hindern kann, wie man einen Schutz organisieren kann. Es
feld der NDP und der Babenberger, kandidierte aber auch gab das erste Mal seit dem Terror der ANR an den Unis
an der Wiener Universität zu den Hochschulschülerschafts- eine wirkliche Gegenwehr, ernsthafte Versuche, sich kör-
wahlen.1 Aufgrund von Einsprüchen kommunistischer und perlich den Nazis entgegenzustellen.

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Eine innere Notwendigkeit, kontinuierlich antifaschistische setzte Haus in der Ägidigasse in Wien gegangen ist, wurde
Politik zu betreiben, entstand bei vielen allerdings erst durch er zu 17 Tagen Arrest verurteilt. Bis zum diesjährigen Ur-
die Entwicklung in Deutschland. Nach dem Beginn der teil4 hatte es im Prinzip für Küssel keine Auswirkungen, juri-
deutschen Anschlagswelle mit dem Pogrom in Hoyerswerda stisch verfolgt zu werden.
analysierten viele erstmals die Situation hier. Ab Frühjahr
’92 hat es dann auch vermehrt Anschläge in Österreich ge- Ist die österreichische Justiz gegen Neonazis generell milde in ih-
geben, auf Flüchtlingsheime, Wohnheime, Gedenkstätten – rer Rechtsprechung?
einen Jüdischen Friedhof und das KZ Mauthausen. Ab die- Anton: Als sich früher die Neonazis offen in faschistischen
sem Zeitpunkt sind militante faschistische Organisationen Organisationen organisiert haben, war die Justiz sehr milde.
auch in Österreich verstärkt aktiv geworden. Mit dem Auf- Jetzt, seit dem Auftreten der FPÖ, kann man fast sagen, daß
stieg der FPÖ unter Haider haben Neonazis hierzulande die Justiz nach der Methode verfährt, wer jetzt noch so blöd
auch einen ganz anderen Spielraum gewonnen. ist, daß er nicht in die FPÖ reingeht, sondern sich eigen-
ständig organisiert, der bekommt eins auf den Deckel.
Anton: Zum Beispiel waren 1993 Landtagswahlen im größ-
ten österreichischen Bundesland, Niederösterreich, und Bruno: Vergleichsweise interessant ist Folgendes: Es hat ei-
wenn du dir die Kandidatenliste der FPÖ angeschaut hast, nen Prozeß gegen vier Neonazis aus der VAPO-Kamerad-
waren die Hälfte der Kandidaten geeichte Rechtsradikale, schaft Gmunden gegeben, die an einem Brandanschlag in
die teilweise aus dem Honsik-Umfeld2 stammten. Die Traunkirchen in Oberösterreich beteiligt waren. Die sind zu
führenden österreichischen Nazis haben jetzt ganz andere drei- bis vierjährigen Haftstrafen verurteilt worden, aber
Betätigungsfelder gefunden. Straßenkrawalle machen in der ausschließlich wegen Sachbeschädigung und Brandstiftung,
Politik kein gutes Image. Statt dessen geben sie sich jetzt in- also strafrechtlichen Delikten, jedoch nicht wegen Wieder-
tellektuell, sitzen in Uni-Hörsälen, halten dort teilweise betätigung.
Vorlesungen und schreiben in irgendwelchen neu-rechten Frieder: Es ist auch eine parlamentarische Anfrage zu
Theoriezeitschriften. Ein Operetten-Nazi wie der Küssel, rechtsextremistischem Terror an den Innenminister
der sich offen als Nationalsozialist und zur NSDAP be- Löschnak gerichtet worden, die er mit einer Lüge beantwor-
kennt, ist für den österreichischen Staat absolut ein Ge- tet hat. Er hat gesagt, ihm sei nichts bekannt.
schenk. Eine größere Freude kann diesem Staat nicht ge-
macht werden, denn sofort kann er festnehmen, die Straf- Bruno: In Deutschland gibt es faschistische Organisationen
verfolgung aufnehmen – und der Staat kann wieder auf seine und staatlichen Rassismus, die sich hervorragend ergänzen.
»antifaschistische« Tradition pochen ... Das hat der österreichische Staat eigentlich nicht nötig.

Bruno: Allerdings erfolgte Küssels Verhaftung auch erst un- Wie meinst du das?
ter öffentlichem Druck. Er hatte sich vorher ja in Fernsehin- Bruno: In Österreich gibt es Gesetze gegen MigrantInnen,
terviews zu seiner Überzeugung bekannt.3 Gerade in den die an Restriktivität und an Härte in Europa nicht mehr zu
USA hat die Ausstrahlung für einen Skandal gesorgt. Wenn überbieten sind. Die ersten Gesetze – zum Beispiel das Aus-
man sich die juristische »Karriere« von Küssel so anschaut, länderbeschäftigungsgesetz oder die Tatsache, daß Auslän-
fällt auf, daß er bei fast allen früheren Prozessen freigespro- derinnen und Ausländer hier in Österreich keine Sozialwoh-
chen beziehungsweise auf Bewährung verurteilt wurde. In nung bekommen – sind unter geringer medialer Aufmerk-
einem Prozeß, in dem es um den Brandanschlag auf das be- samkeit einfach beschlossen worden. Es gab keinen nen-

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nenswerten Widerstand dagegen, weder parlamentarisch Heute ist es Realität. Neu ist höchstens, daß die österreichi-
noch außerparlamentarisch. Insofern sind rassistische An- sche Politik mit Blick auf die EG und das Schengener Ab-
griffe als behaupteter Ausdruck eines »Volkszornes« und als kommen in einer Art vorauseilenden Gehorsams handelt.
Katalysatoren für verschärfte Einwanderungsgesetze in Dadurch entsteht eine andere Qualität. Jetzt redet Manfred
Österreich nicht so notwendig wie in Deutschland. Eher Matzka, Staatssekretär und Flüchtlingsbeauftragter im In-
müssen die Zustände in Deutschland insgesamt als Begrün- nenministerium, auch nicht mehr von »freundlicher Ab-
dung für noch schärfere Asylgesetze herhalten. schreckung«, sondern wörtlich heißt es: »Die Situation für
Flüchtlinge muß in Österreich so unerträglich werden, daß
Frieder: Man kann das auch drastisch mit der Haltung der
niemand mehr hierher kommt.« In Deutschland sagt so et-
SPÖ zu dem von Haider initiierten rassistischen Volksbe-
was der Rechtsextremist Jürgen Rieger von der NF. Der Zy-
gehren, auf das wir später noch kommen müssen, belegen.
nismus dabei ist, daß Matzka vor über zwanzig Jahren zu de-
Innenminister Löschnak hat in einer ersten Reaktion gesagt:
nen gehörte, die den Borodajkewycz öffentlich bloßstellten.
»Was mich vom Herrn Haider unterscheidet, ist, daß er nur
Der Mann begreift sich heute noch als Sozialist.
redet, während ich auch handle.« Außerdem hat er gesagt,
zehn der zwölf Forderungen aus dem Volksbegehren habe
die SPÖ/ÖVP-Regierung ohnehin schon umgesetzt, und Im Kampf dagegen liegt also der Schwerpunkt eurer antifaschisti-
von daher sei dieses Volksbegehren überflüssig. schen Politik?

Ihr versteht die neue Qualität von Antifa-Politik also auch als Bruno: Sicher nicht. Wir haben unsere Politik in den ver-
Kampf gegen diesen von Staats wegen praktizierten Rassismus? gangenen Monaten und Jahren primär an Ereignissen orien-
tiert. Wichtig war dabei vor allem der Schutz von Demon-
Bruno: Unsere Politik muß sich auf jeden Fall gegen diese
strationen gegen Neonazis und der Schutz unserer Struktu-
rassistischen Gesetze und ihre Konsequenzen richten. Bei-
ren vor neofaschistischen Überfällen. Mit dem Aufkommen
spielsweise sind Truppen des österreichischen Bundesheeres
der FPÖ und speziell mit diesem rassistischen Volksbegeh-
an der Grenze des Bundeslands Burgenland zu Ungarn sta-
ren, das die FPÖ im Januar ’93 angeschoben hatte, rückte
tioniert worden, um militärisch zu verhindern, daß Men-
diese Partei als rassistische, deutschnationale Organisation
schen, die über die grüne Grenze flüchten, hier überhaupt
in den Blickpunkt unseres Interesses. Für die wenigen anti-
Asyl beantragen können. Hinzu kommt, daß unter den Par-
faschistischen Gruppen, die es in Österereich überhaupt
lamentsparteien weitgehend Konsens darüber herrscht, daß
gibt, war wichtig, gegen das Volksbegehren direkt einzu-
es in Österreich ein »Ausländerproblem« gibt, das staatlich-
greifen. Es hat dann für österreichische Verhältnisse auch
regulativ gelöst werden muß. Denn auch die Grünen treten
wirklich viel Widerstand gegeben, breit und in allen Facet-
– bei aller punktuellen Kritik – für Einwanderungsquoten
ten. Es hat Demonstrationen gegeben, die von einem brei-
und die Abschiebung »krimineller Ausländer« ein. Dieser
ten Bündnis getragen worden sind; es hat Infostände gege-
Rassismus ist also nicht an die Regierung gebunden, sondern
ben; es hat Versuche gegeben, mittels Wandzeitungen
durchzieht im Grunde die gesamte staatstragende Politik.
FPÖ-Politiker öffentlich zu machen; es hat mehrere mili-
Frieder: Schon vor fast zehn Jahren hat der sozialistische tante Aktionen gegen FPÖ-Parteilokale gegeben. Man muß
Innenminister Blecha gesagt, man müsse die Asylanten aber dazu sagen, daß es bis Anfang der 90er Jahre eigentlich
durch »freundliche Abschreckung« davon abhalten, nach keine Versuche gegeben hat, FPÖ-Veranstaltungen zu
Österreich zu kommen. Damals ist das untergegangen. stören oder anzugreifen.

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Warum nicht? rassistische Initiativen vom Staatsrassismus abgelenkt und


auf Haider fixiert worden. Außerdem hat es die Zusammen-
Bruno: Weil die FPÖ von weiten Teilen der Linken durch
arbeit linker Gruppen erschwert. Wir hatten zum Beispiel
die kurze liberale Phase unter Heide Schmidt und Norbert
unter dem Motto: »Gemeinsam gegen Haider und
Steger und der kurzen Regierungskoaliton mit der SPÖ
Löschnak« zu einer Demo aufgerufen, bei der ursprünglich
nicht als rechtsextreme Partei begriffen worden ist. Auch
auch jemand vom gewerkschaftlichen Linksblock5 hätte
nicht, nachdem sich der Kurs der FPÖ ab ’86 mit dem »de-
sprechen sollen. Das haben sie dann mit der Begründung
mokratischen Putsch« Haiders grundlegend änderte, die na-
abgelehnt, man könne Haider und Löschnak nicht gleichset-
tionalistischen Strömungen in der Partei an die Oberfläche
zen.
kamen und liberale Strömungen ausgegrenzt worden sind.
Und zu guter Letzt haben viele Linke irrigerweise ange-
In vielen linken Köpfen geht nicht zusammen, eine Organi-
nommen, beim »Lichtermeer« handele es sich durchweg
sation als rechtsradikal zu erkennen, die 20 Prozent der
um eine antirassitische Manifestation.
Wählerstimmen kriegt. Das müßte Konsequenzen haben,
vor denen sich aber viele Linke scheuen. Anton: Nur ein Beispiel: Eine Frau hat beim Unterschrei-
ben von Haiders Volksbegehren gesagt: Ja, sie war auch letz-
Frieder: Die FPÖ als das zu begreifen, was sie ist, war ja ein ten Samstag beim »Lichtermeer«, denn da war sie für die
Prozeß. Anständigen, und Gastarbeiter brauchen wir ja. Aber beim
Viele Linke waren aber auch insgesamt ziemlich hilflos. Volksbegehren geht es um die bösen Kriminellen, und dar-
Denn auch wenn die FPÖ verschärfte Asylgesetze fordert, um unterschreibt sie das.
beschlossen und durchgeführt werden sie von den staatstra- Das »Lichtermeer« hatte den antirassistischen Charakter ei-
genden Parteien in der Regierung. Eine Antwort auf die nes Freiluft-Heurigen.
Frage, wie gegen Gesetze effektiv vorgegangen werden
könnte, die ja längst beschlossen sind und umgesetzt wer- Frieder: Es gab immer zwei Arten von Kritik am »Lichter-
den, hatte kaum jemand. meer«. Die einen haben gesagt, die OrganisatorInnen wür-
den die »brave Masse« für den Staat und für Löschnaks
Habt ihr auch in Bündnissen mit anderen linken Gruppen gegen Zwecke instrumentalisieren. Und andere sagten, daß es eben
das Volksbegehren gearbeitet? diese »brave Masse« dort nicht geben würde und nicht ge-
Frieder: Es hat bereits vorher eine relativ gut funktionie- geben hat.
rende Zusammenarbeit gegeben, die allerdings nicht explizit Bruno: Wir haben während dieser Mobilisierung von
linksradikal war und sich hauptsächlich auf die Organisation »SOS-Mitmensch« und während des Volksbegehrens immer
von Demos beschränkte. Aus diesem Zusammenhang heraus wieder versucht, die Rolle des österreichischen Staates zu
ist von Vertretern der Grünen und der Kommunistischen thematisieren. Aber wir sind nie darüber hinausgekommen,
Partei vorgeschlagen worden, jetzt eine breite Bewegung ge- auch bis jetzt, das in Flugbättern oder in Erklärungen zu sa-
gen das Haider-Volksbegehren zu etablieren. Die ist dann gen, daß der staatliche Rassismus, die Gesetze, ihre Umset-
auch in Form von »SOS-Mitmensch« entstanden und hat zung, das eigentlich Bedrohliche für ausländische Menschen
schließlich das »Lichtermeer« veranstaltet. in diesem Land sind, und derzeit weniger neonazistische
Im nachhinein denke ich aber, daß dieses »Lichtermeer« fa- Gruppen oder Haider mit seiner FPÖ. Aber das hat halt
tal für die antirassistische Arbeit in Österreich gewesen ist. nicht gereicht. Nach der Mobilisierung zum »Lichtermeer«
Im Grunde genommen sind durch diese Aktion breite anti- war dann die Luft aus den verschiedenen Initiativen raus.

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Auffällig ist im Vergleich zu BRD aber, daß ein von breiten Be- dienst möglich, den Transitraum des Flughafens Wien-
völkerungsschichten getragener aggressiver Alltagsrassismus in Schwechat zu betreten und sich dort um Flüchtlinge zu
Österreich weniger spürbar ist. kümmern. Jetzt ist er nur noch für die Grenzpolizei zugäng-
Bruno: In Österreich wird die Diskussion über Auslände- lich, so daß niemand kontrollieren kann, wie viele Menschen
rInnen hauptsächlich unter dem Verwertungsaspekt geführt. dort tatsächlich abgeschoben werden.
Ist die Arbeitskraft eines Fremden verwertbar, ist er gerne Oder: Per Fremdengesetz ist es der Polizei möglich, Woh-
gesehen. Gehetzt wird vor allem gegen die Illegalen, die nungen zu stürmen ohne Hausdurchsuchungsbefehl, wenn
dann auch pauschal kriminalisiert werden. Durch ihre Ge- sie den Verdacht haben, daß sich da illegal AusländerInnen
setzgebung hat es die Regierung immer verstanden, dies in aufhalten.
kontrollierte Bahnen zu lenken und vielen Menschen das Wird das auch praktiziert?
Gefühl zu geben, mit ihren aus Vorurteilen stammenden
Ängsten bei den Regierenden am besten aufgehoben zu sein. Anton: Freilich. Erst im Januar ’93 sind vermummte Bullen
Dadurch fehlt dem »Alltagsrassismus« weitgehend auch die mit kugelsicheren Westen und Maschinenpistolen ins be-
Militanz. Das ist, denke ich, der entscheidende Unterschied setzte Ernst-Kirchweger-Haus gestürmt, haben sofort den
zu Deutschland. Wohnbereich aufgesucht, wo kurdische Menschen leben,
haben die Türen mit Vorschlaghämmern aufgebrochen, ha-
Frieder: Daß der Rassismus von unten bei uns nicht so eine ben die Kurdinnen und Kurden teilweise mißhandelt und
Qualität erreicht hat wie in der BRD, liegt einfach auch dar- haben eine Person ohne gültige Papiere gleich mitgenom-
an, daß ihm der nationalistische Impetus gefehlt hat. Öster- men. Der Vorwand war, daß am gleichen Tag im Bezirk ein
reich hat sich mit nichts wiedervereinigt. Supermarkt überfallen worden war.
Anton: Ich würde Österreich fast als mörderisch-harmoni-
Habt ihr das Gefühl, daß die Situation, die ihr beschreibt, über
sche Volksgemeinschaft beschreiben wollen. Die Parole des
kurz oder lang zu einer Radikalisierung führen wird?
»Lichtermeers« war: Anständigkeit zuerst ... In dieses »sau-
bere Österreich« passen weder die Neonazis noch die po- Anton: Bei mir persönlich schon. Du merkst es an so klei-
tentiellen Opfer ihres Terrors, die MigrantInnen. nen Dingen, daß du Haß auf diesen Staat entwickelst, der so
arg mit Menschen umgeht. Und gleichzeitig macht sich Rat-
Gibt es denn Versuche, Flüchtlinge zu unterstützen – legal oder losigkeit breit, weil man es hier nicht mit einer Nazi-Sekte
illegal? zu tun hat, die ein leicht zu bekämpfender Gegner wäre,
Frieder: Klassische Flüchtlingsarbeit ist in Österreich ei- sondern mit einer rassistischen Staatsmaschinerie.
gentlich Sache der Kirche und der humanitären Organisa-
Ihr habt vorhin gesagt, neofaschistische Gruppen seien nicht das
tionen. UnterstützerInnengruppen wie in der BRD, die ver-
Hauptproblem für ausländische Menschen in Österreich. Wie
suchen, Forderungen für Flüchtlinge aufzugreifen, gibt es so
schätzt ihr denn generell den Grad neofaschistischer Organisie-
von linksradikaler Seite nicht. Es ist auch eine Generatio-
rung in Österreich ein?
nenfrage. Ältere machen mehr Flüchtlingsarbeit, kommen
aber meist nicht aus linksradikalen Zusammenhängen. Bruno: In Wien ist es seit ein, zwei Jahren ziemlich ruhig.
Dazu muß man sagen, daß die konkrete Flüchtlingsarbeit in Es gibt hier kaum offensiv auftretende Nazis, sei es bei De-
Österreich systematisch erschwert und verunmöglicht wor- monstrationen oder bei Angriffen auf linke Lokale und ähn-
den ist. Beispiele: Früher war es für den Flughafensozial- liches. In anderen Bundesländern dagegen, in Oberöster-

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reich oder in Salzburg oder einem Teil von Niederöster- Bruno: Das Problem mit Antifa-Gruppen außerhalb Wiens
reich, gibt es kleinere Städte, wo Faschisten einen gewissen ist oft, daß darin teilweise wirklich sehr junge Leute arbei-
Organisierungsgrad erreicht haben. Häufig sind das starke ten, die vorher politisch nicht aktiv waren, sich erst über An-
Szenen von Hooligans und/oder rechten Skins, die zwischen tifa politisiert haben. Die haben noch sehr stark diese bloße
einzelnen Städten losen Kontakt miteinander halten. In Or- Hau-drauf-Orientierung gegenüber Nazi-Glatzen. Diese
ten wie Linz, im Innviertel nach Salzburg herunter, sind primäre Ausrichtung auf militante Faschisten ist aber eine
Rechte inzwischen beinahe hegemonial. Der Polatcek Gefahr, die zu Fehlern führt, gerade bei Aktionen. Dazu
wohnt nach seiner Ausweisung aus Deutschland ja auch wie- kommt eine Grauzone in solchen Städten, wo teilweise
der in der Nähe von Braunau am Inn. Dazu kommt eine Rechte zur Antifa wechseln oder einzelne Antifas zu den
Szene, die sich in ländlichen Bereichen entwickelt hat und Nazis gehen.
von der wir eigentlich gar keine Ahnung haben. Linke gibt
Wie arbeiten denn die verschiedenen Antifa-Gruppen in Öster-
es dort so gut wie nicht, denn linke Strukturen sind in Öster-
reich zusammen?
reich sehr auf Wien konzentriert. Bei den Rechten ist das
genau umgekehrt. Bruno: Eine kontinuierliche Zusammenarbeit ist als
»schlecht« bis »nicht vorhanden« zu bezeichnen. Es hat
Aber es gibt doch auch außerhalb Wiens Antifa-Gruppen? auch Versuche gegeben, über die Infoladen-Treffen eine re-
Bruno: Wir wissen von Antifa-Gruppen in Linz und Salz- gionale Vernetzung in Österreich zu initiieren. Aber das ist
burg. Aber eine Zusammenarbeit ist nicht immer einfach. ziemlich schnell wieder im Sande verlaufen. Was neben bei-
derseitigem Desinteresse auch einer gewissen Metropolen-
Was heißt das? Mentalität der WienerInnen geschuldet ist, denen die Zu-
Frieder: Das läßt sich an einem Beispiel besser deutlich ma- stände in der »Provinz« oft egal sind.
chen: Jedes Jahr im Mai findet im KZ Mauthausen eine offi- Es ist überhaupt ein Manko der österreichischen Linken,
zielle Gedenkfeier des Bundesstaates Österreich und von daß es kaum eine Diskussionskultur gibt. Eine Auseinander-
WiderstandskämpferInnen statt. Heuer sollte daran auch setzung am Anfang einer Aktion, währenddessen und nach-
ein Minister der österreichischen Bundesregierung teilneh- her gibt es selten. Eine Zusammenarbeit läuft eher über per-
men. Der Regierung, die für die rassistischen Asylgesetze sönliche Kontakte, zwischen Leuten, die sich schon länger
verantwortlich ist. Wir hatten uns deswegen mit den Lin- kennen. Aber alles, was politisch diskutiert wird, ist immer
zern zusammengetan, weil wir dort – im Konzentrationsla- an Aktionen gekoppelt.
ger – gegen die Teilnahme dieses Ministers protestieren Inwieweit habt ihr Kontakte zu Gruppen im Ausland, speziell,
wollten. Die Linzer haben dann vorgeschlagen, mit Triller- wenn ich an die geographische Lage Wiens denke, zu Gruppen in
pfeifen zu verhindern, daß der überhaupt zu Wort kommt. Osteuropa?
Wir haben eingewandt, daß so etwas in einem Konzentrati-
onslager für Menschen mosaischen Glaubens vielleicht ein Anton: Nach Osteuropa haben wir eigentlich keine Kontak-
Affront ist, immerhin ist das für sie ja eine religiöse Stätte. te, die über lose und persönliche Bekanntschaften in der
Daraufhin haben sie nur gesagt, darüber bräuchten wir nicht Tschechoslowakai oder Ungarn hinausgehen würden.
reden, wir sollten nur daran denken, was die Israelis mit der Frieder: Organisierte Kontakte nach Osteuropa gibt es vor
PLO machen. Also hat am Ende jede Gruppe ihre eigene allen Dingen zum ehemaligen Jugoslawien. Aber diese Kon-
Aktion gemacht. takte haben eher antimilitaristische Gruppen.

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Verfolgt ihr die bundesdeutsche Antifa-Diskussion? Der österreichische Staat hat sich jedoch nie richtig heraus-
Bruno: Weit mehr als jede andere Diskussion. gefordert gefühlt. Außerdem gab es wenig Punkte, an denen
sich einerseits die Radikalisierung einer Bewegung ergeben
Frieder: Polemisch könnte man sagen: In Österreich ist kei- hätte und die andererseits für ihre Kontinuität gesorgt hät-
ne Diskussion geführt worden, weil alle die der bundesdeut- ten. Zwar gibt es autonome Geschichte, die auch hier aus
schen Linken verfolgt haben. Hausbesetzungen besteht oder aber aus den Opernball-Pro-
Bruno: Von daher wissen die meisten sicher auch über den testen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Mo-
Diskussionsstand und die Zusammenhänge in der BRD bei mente von Widerstand, die bürgerlich besetzt waren, wo
weitem mehr Bescheid als über die Situation in Prag oder bürgerliche Gruppierungen immer die Oberhand gehabt
Budapest. haben. Sei es jetzt Hainburg oder Zwentendorf gewesen.6 In
diesem Widerstand waren linksradikale Positionen nur sehr
Oder über die Situation in Salzburg? schwach vertreten.
Bruno: Genau. Allerdings arbeiten Antifa-Gruppen in den
Welche Perspektive seht ihr unter diesen Voraussetzungen für
westlichen Bundesländern, in Salzburg oder eben in Linz
eure Arbeit?
eng mit süddeutschen Antifa-Gruppen zusammen. Das
funktioniert zum Teil um vieles besser als die Zusammenar- Anton: Da sind wir ziemlich ratlos. Zunächst sollten wir von
beit mit Wien. linksradikaler Seite her einen eigenständigen Diskussions-
Frieder: Es hat hier halt ganz andere Voraussetzungen. Du und Aktionszusammenhang herstellen und unter uns end-
kannst zwar bundesdeutsche Zeitungen lesen, aber du lich eine Verbindlichkeit und Kontinuität in der politischen
schaffst damit allein nicht dieselben Verhältnisse in Öster- Arbeit erreichen.
reich. Wir lügen uns da häufig in die eigene Tasche. Ich
glaube, was in Österreich lange unter »autonomer Antifa« Anmerkungen:
gelaufen ist, war der Versuch, einen Grad von Auseinander- 1 Vergleichbar mit den Wahlen zu den ASten an bundesdeutschen
setzung in der Gesellschaft zu erreichen, den man von der Universitäten
BRD abgeschaut hatte. 2 Gerd Honsik, österreichische Nazi-Größe und Revisionist, Her-
Bruno: Es gibt in Österreich kaum eine linksradikale Ge- ausgeber der Nazi-Postille »HALT«; hat sich derzeit, um einer
Haftstrafe zu entgehen, ins spanische »Exil« abgesetzt.
schichte, geschweige denn eine lange antifaschistische Orga-
nisierung, auf die ich mich berufen könnte. Ich kann mit äl- 3 In einem Interview mit SPIEGEL-TV und einem zweiten mit dem
teren GenossInnen kaum praktische Erfahrungen austau- US-amerikanischen Sender ABC; hinzu kommt die prominente
schen. Rolle, die Küssel im Film »Wahrheit macht frei« für das deutsche
Neonazi-Netzwerk spielte, inklusive seiner Leitung einer
Hängt das damit zusammen, daß die SPÖ bis zum Anfang der Wehrsportübung vor laufender Kamera.
80er Jahre in der Lage war, die Linken zu integrieren? 4 Küssel ist im Sommer ’93 zu 10 Jahren Haft wegen Wiederbetäti-
gung u.a. verurteilt worden
Bruno: Es hat schon eine eigenständige Entwicklung gege-
ben, aber sie war keine relevante Größe. Es hat auch in 5 Gewerkschaft der Kommunistischen Partei
Österreich eine autonome Jugendzentrumsbewegung gege- 6 Widerstand gegen die Pläne für das Kernkraftwerk Zwentendorf
ben, in Vorarlberg, in Oberösterreich und in Wien. oder die Pläne für das Donau-Kraftwerk Hainburg

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 178

Adressen

Allgemein AFFI (Antifaschistische Bremen


Fußballfan-Initiative) Autonome Antifa Bremen
Brunnenstr. 7 St.-Pauli -Str. 8–10
Albstadt 10119 Berlin 28203 Bremen
Antifaschistischer
Arbeitskreis Albstadt Anti-Rassismus-Büro
Antirassistische Initiative
(innerer Umschlag) Sielwall 38
Yorckstr. 59 HH
A. Bayer (äußerer 28203 Bremen
10965 Berlin
Umschlag)
Postfach 1441 Bremerhaven
72347 Albstadt Antifa Zehlendorf
c/o Cafe Chaos Antifa Fishtown
Machnower Str. 19a c/o Grenzenlos
Aschaffenburg Neubrückshelmderstr. 45
14165 Berlin
Autonome Antifa 27576 Bremerhaven
c/o Hannebambel
Kleberstr. 4 Bielefeld
Autonome Antifa
63739 Aschaffenburg Antifa AG
c/o Andere Buchladen
c/o AStA Fachhochschule
Bürgermeister Smidt-
Aurich Postfach 101113
Str. 198
Antifa Aurich 33511 Bielefeld
27568 Bremerhaven
c/o Schlachthof
Breiter Weg Antifa-West
Bünde
26603 Aurich c/o Bürgerinitiative
Antifa Bünde
Bürgerwache
c/o Villa Kunterbunt
Bargtheheide Rolandstr. 16
Winkelstr. 14
c/o Autonomes 33615 Bielefeld
32257 Bünde
Jugendhaus
Lübecker Str. 47–49 Bochum Celle
22941 Bargteheide Antifa Bochum Celler Zündel
c/o Initiativkreis für c/o Antifaschistischer
Bad Oldesloe Gefangenenarbeit Arbeitskreis Celle
Antifa Bad Oldesloe Düppelstr. 35 Postfach 1591
Postfach 1455 44789 Bochum 29205 Celle
23834 Bad Oldeslohe
Bonn Detmold
Berlin Antifa Bonn/Rhein Sieg Antifa Detmold
Antifaschistische Initiative c/o Büro für politische c/o Alte Pauline
Moabit Kulturarbeit Bielefelderstr. 3
Postfach 210235 Florentinusgraben 25 32756 Detmold
10502 Berlin 53111 Bonn
Dortmund
Antifa-Kontaktstelle am Braunschweig Antifa Dortmund Nord
AStA der FU Antifaschistisches Plenum c/o Taranta Babu
Kiebitzweg 23 Cyriaksring 55 Humboldstr. 44
14195 Berlin 38118 Braunschweig 44137 Dortmund

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 180

Antifa-Forum Esslingen Verein zur Förderung Heide Lübeck »... gegen rechts«
c/o Geschichtswerkstatt Antifa Esslingen antifaschistischer Kultur Antifa Schwarze Schafe Antifa-Aktion Holstein c/o Libresso
Am Ölpfad 27 (2. Umschlag) c/o Grünes Zentrum Postfach 1131 c/o Arbeitslosen- Buchhandlung
44263 Dortmund Jugendhaus Komma Geisstr. 1 25731 Heide zentrum e.V. Peter Vischer Str. 25
Maille 5–9 37073 Göttingen Schwartauer Allee 39– 41 90403 Nürnberg
73728 Esslingen 23554 Lübeck
Düsseldorf Heidelberg (auch Postverteiler für Oldenburg
Greifswald
AStA-Antifa-Referat Autonome Antifa folgende Städte ohne AK kein Fußbreit ...
Flensburg Antifa Greifswald
c/o AStA FH Düsseldorf c/o Autonomes Zentrum Kontaktadresse: Eutin, c/o Alhambra
Antifa-Kontaktadresse c/o AJZ
Georg-Glock-Str. 15 Alte Bergheimer Str. 7a Alt-Mölln, Neustadt/H., Hermannstr. 83
c/o Infoladen Karl Marx Platz 19
40474 Düsseldorf 69115 Heidelberg Trittau) 26135 Oldenburg
Hafermarkt 6 17489 Greifswald
24943 Flensburg
Koordinierungskreis (KoK) Guben Passau
Husum Antifa-Lübeck
antifaschistischer Gruppen Antifa Guben – Feministisches Antifa-
Antifa Husum c/o Infoladen Assata
Frankfurt Plenum
aus Düsseldorf und dem Grünstr. 60 c/o Speicher
Antifa Schwartauer Allee 39– 41 – Antifa-Plenum
Umland 03172 Guben Hafenstr. 17
c/o JUZ Bockenheim 23554 Lübeck – Antifaschistische Aktion
c/o AStA FH Düsseldorf 25813 Husum
Varrentrappstr. 36 c/o BBS
Georg-Glock-Str. 15 Halle
60486 Frankfurt/M Gottfried-Schäffer-Str. 6
40474 Düsseldorf Antifa Halle Morbach
c/o Infoladen Kassel Antifa Hunsrück 94032 Passau
Fulda Kellnerstr. 10a Autonomes Antifa-Plenum c/o Buch- und Weinladen
Informations-, Libertäre Gruppe Kassel Birkenfelderstr. 13 Paderborn
06108 Halle
Dokumentations- und Postfach 1541 c/o Infoladen Bazille 54497 Morbach Antifa
Aktionszentrum gegen 36015 Fulda Sickingstr. 10 An den Kapuzinern 10
Hamburg und Umland
Ausländerfeindlichkeit für 34117 Kassel 33098 Paderborn
– Antifa Norderstedt
eine multikulturelle München
Gießen – Antifa Pinneberg
Gesellschaft (IDA) Antifa München Preetz
Antifaschistisches Forum – Antifa Ulzburg Kiel
Charlottenstr. 55 c/o Infoladen Antifa Preetz
c/o DGB-Jugendbildungs- – Autonome Männer- Antifa Kiel
40210 Düsseldorf Breisachstr. 12 c/o Laden
referat Mitte Antifa HH c/o Infoladen 81667 München An der Mühlenau 10
Walltorstr. 17 c/o Schwarzmarkt »Beau Rivage« 24211 Preetz
Erlangen 35390 Gießen Kleiner Schäferkamp 46 Hansastr. 48
Infobüro gegen Rassismus 20357 Hamburg Neumünster Quickborn
c/o Dritte Welt Laden Antifa Neumünster Antifa Quickborn
Göttingen
Neustädter Kirchenplatz 7 Antifa Bergedorf Autonome-Info-Gruppe c/o Infoladen Omega
Antifaschistische Liste c/o Schwarzmarkt
91054 Erlangen Wentorfer Str. 25 Schweffelstr. 6 Bahnhofstr. 44
c/o Rosa-Luxemburg- Kleiner Schäferkamp 46
21029 Hamburg 24118 Kiel 24534 Neumünster
Haus 20357 Hamburg
Espelkamp Goßlerstr. 16a
37073 Göttingen Hannover Remscheid
Antifa-Gruppe Koblenz Norden
Antifa-AG der Uni Antifa
c/o Jugendzentrum Autonome Antifa Antifa Norden
Hannover c/o Kraftstation
Espelkamp Autonome Antifa (M) c/o AStA FH c/o AKU
c/o AStA der Uni Honsbergstr. 2
Kantstr. 25 c/o Buchladen Am Finkenherd 4 Bahnhofstr./Güterbahnhof
Hannover 42857 Remscheid
32339 Espelkamp Rote Strasse 10 56075 Koblenz 26506 Norden
Welfengarten 1
37073 Göttingen 30167 Hannover Rendsburg
Essen Lörrach Nürnberg Antifa-Rendsburg
Autonome Antifa Essen Eine Antifa im JUZI Hanau antifa Antifaplenum c/o Kommunikations-
c/o APO Haus c/o Buchladen Autonome Antifa Hanau c/o Infostockwerk c/o Komm zentrum T-Stube
Mülheimer Str. 68 Rote Strasse 10 Metzgerstr. 8 Postfach 2534 Königstr. 93 Postfach 506
45145 Essen 37073 Göttingen 63450 Hanau 79515 Lörrach 90402 Nürnberg 24756 Rendsburg

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Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 182

Antifa Plenum Schleswig Flüchtlingsunter- Österreich Jugend Antifa Aktion Hannover Ludwigshafen
Holstein stützerInnengruppe (JAA) Junge Linke in Antifa Jugendplenum
c/o T-Stube c/o Infoladen Antifa X Cyriaksring 55 »Gleisdreieck« PLK 059178
Postfach 506 Mörikestr. 69 Pennersdorfergasse 42 38118 Braunschweig Borriesstr. 28 Ludwigshafen
24756 Rendsburg 70199 Stuttgart A-1100 Wien 30519 Hannover
(auch Postverteiler für Bremen
Antifa Magdeburg
Städte ohne Tostedt Antifaschistische Jugend Heusenstamm
c/o Infoladen Wien Antifa Jugend Magdeburg
Kontaktadrese: Antifa Land Aktion (AJA) Antifa Jugend Front
Margaretengürtel JWP
Eckernförde, c/o Schwarzmarkt St.-Pauli-Str. 8–10 c/o F. J. Richter
122 –124/1 Keller Immermannstr. 30
Flensburg/Umland, Kleiner Schäferkamp 46 28203 Bremen Schulstr. 3
A-1050 Wien 39108 Magdeburg
Linden) 20357 Hamburg 63150 Heusenstamm
Delmenhorst
Schweiz Antifaschistische Jugend Ingelheim Mölln
Reutlingen Tübingen
Avanti! Antifaschistische Infoladen Kasama Delmenhorst Jugend Antifa Ingelheim Antifa Jugend Front Mölln
Antifa Reutlingen
Gruppe Klingenstr. 23 Oldenburgerstr. 13 Postfach 1317 c/o Schwarzmarkt
c/o »Zelle«
c/o Infocafé CH-8005 Zürich 27753 Delmenhorst 55206 Ingelehim Kleiner Schäferkamp 46
Postfach 1952
Schellingstr. 6 20357 Hamburg
72760 Reutlingen Dresden Kaiserslautern
72072 Tübingen
Antifa Jugend Front Antifaschistische Jugend
Rosenheim München
Wiesbaden c/o Infoladen c/o EPI-Zentrum
Antifa Rosenheim Jugend Antifa Kamenzerstr. 17 Ottostr. 8
Jugend Antifa München
Autonome Antifa c/o Infoladen
Oberaustr. 2 01099 Dresden 67657 Kaiserslautern
Mainz/Wiesbaden Breisachstr. 12
83026 Rosenheim Berlin
c/o Infoladen Einbeck Koblenz 81667 München
Antifa Jugend Front
Saarbrücken Werderstr. 8 Antifaschistische Jugend AJF Koblenz
Gneisenaustr. 2a
Projekt Antirassismus/ 65195 Wiesbaden Einbeck c/o AStA FH
10961 Berlin Neuschönningenstedt
Internationalismus im Wiesloch PLK 068209 D Am Finkenherd 4 Antifa Jugend Front
AStA der Universität Jugend Antifa Spandau 37574 Einbeck 56075 Koblenz c/o KG Gethsemane
Antifa Wiesloch/Walldorf c/o El Locco
Saarbrücken Postfach 1311 Kirchenstieg 1
c/o AStA Kreuzbergstr. 43 Göttingen AJF Höhr-Grenzhausen 21465 Reinbek
69154 Wiesloch 10965 Berlin Antifa Jugend Front (innerer Umschlag)
Postfach 151131
66041 Saarbrücken c/o Buchladen AStA FH (äußerer
Witzenhausen Bielefeld Nürnberg
Rote Strasse 10 Umschlag)
BDP-Antifagruppe Antifa Jugend Front Antifa Jugend Front
Schleswig 37073 Göttingen Am Finkenherd 4
Witzenhausen c/o Infoladen Anschlag Nürnberg
Antifaschistischer Kreis 56075 Koblenz
c/o Bund deutscher Heeperstr. 133 Guben c/o Komm
Postfach 1613 PfadfinderInnen Königstr. 93
33607 Bielefeld Antifa Jugend Front Köln
24826 Schleswig Am Frauenmarkt 19 90404 Nürnberg
c/o Infoladen Grenzfall JRE – Jugend gegen
37213 Witzenhausen Bonn Grünstr. 60 Rassismus in Europa
Soltau Antifa Jugend Front Bonn 03172 Guben Postfach 300629 Oldenburg
Antifaschistische Aktion Wuppertal Rhein/Sieg 50776 Köln Antifa Jugend Front
Postfach 1116 Antifaschistische Aktion c/o Büro für politische Hamburg
29614 Soltau Oldenburg
c/o Infoladen Kulturarbeit Antifa Jugend Front Leipzig
c/o Alhambra
Brunnenstr. 41 Florentinusgraben 25 Kleiner Schäferkamp 46 Antifa Jugend Front
Stuttgart Hermannstr. 83
42105 Wuppertal 53111 Bonn 20357 Hamburg Bernhard-Göring-Str. 152
– Antifaschistische Gruppe 26135 Oldenburg
04277 Leipzig
AVANTI Koordinationskreis der Braunschweig Hannoversch Münden
– Autonome Antifa-Gruppen Antifa Jugend/Autonome Antifa Jugend Front Lübeck Osnabrück
Antirassistische Gruppe Wuppertals Gruppe Hann. Münden Antifa Jugend Front Antifa Jugend Plenum
c/o Infoladen c/o Infoladen c/o AStA TU c/o Buchladen c/o Alternative c/o Infoladen Zett
Mörikestr. 69 Brunnenstr. 41 Katharinenstr. 1 Rote Straße 10 Auf der Wallhalbinsel 27 Alte Münze 12
70199 Stuttgart 42105 Wuppertal 38106 Braunschweig 37073 Göttingen 23554 Lübeck 49074 Osnabrück

182 183
Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 184

Passau Cottbus Rheinbach Fantifas Archive Dortmund


Jugendantifa EPIs EPIs Antifa-Archiv
c/o BBS Straße der Jugend 155 c/o Le Sabot Nr. 7 c/o Taranta Babu
Bielefeld Berlin
Gottfried Schäfferstr. 6 03046 Cottbus Breite Str. 76 Humboldtstr. 44
Fantifa Aktives Museum
94032 Passau 53111 Bonn 44137 Dortmund
c/o Infoladen Anschlag Faschimus und
Einbeck
Regensburg Heeperstr. 133 Widerstand Berlin Düsseldorf
EPIs Rostock
c/o Infoladen 33609 Bielefeld Köthener Str. 44 Antifaschistische
Postlagerkarte 068209 D EPIs
Engelburgergasse 16 37574 Einbeck c/o Infoladen 10963 Berlin Leihbücherei der VVN
93047 Regensburg Frankfurt/M Van-Douven-Str. 4
August-Bebel-Str. 90 Fantifa Frankfurt
Goslar 18055 Rostock Deutsch-Jüdische 40227 Düsseldorf
Stuttgart c/o JUZ Heidepark
EPIs Archivgruppe
AJF-Stuttgart Schleiermacherstr. 7 Duisburg
Postfach 2012 Schwäbisch Hall Kiebitzweg 23
c/o Infoladen 60316 Frankfurt/M D.I.S.S.
38610 Goslar EPIs 14195 Berlin
Mörikestr. 69 Realschulstr. 51
70199 Stuttgart c/o Club Alpha 60 Hamburg 47051 Duisburg
Grimma Pfarrgasse 3 Fantifa Olga B. Friedensbibliothek
Suhl EPIs 74523 Schwäbisch Hall c/o Schwarzmarkt Flensburg
Friedensstr. 1
Alternativer Jugendkreis Postfach 412 Kleiner Schäferkamp 46 Antifaschistisches Archiv
10249 Berlin
im alternativen JUZ 04668 Grimma 20357 Hamburg Postfach 1916
Weil
Gothaer Str. 105 EPIs 24937 Flensburg
Kaiserslautern Projekt Archiv
98527 Suhl Postfach 1334 Kassel
EPIs Tacheles c/o AStA Frankfurt/M
79576 Weil am Rhein Fantifa
Wiesbaden c/o VVN-BdA Brunnenstr. 7 Dokumentationsarchiv des
c/o Gestochen Scharf
Jugendantifa Wiesbaden Lutrinastr. 6 10119 Berlin deutschen Widerstandes
Folgende Gruppen Elfbuchenstr. 18
c/o Infoladen 67655 Kaiserslautern 34119 Kassel Rossertstr. 9
Werderstr. 8 können über: 60323 Frankfurt/M
Antifa-Presse-Archiv
65195 Wiesbaden Linker Niederrhein c/o »Edelweiss-Piraten«
Koblenz c/o Papiertiger
EPIs Gneisenaustr. 2a Hamburg
Autonome Feministische Cuvrystr. 25
c/o Bücherladen am 10691 Berlin Hamburger Stiftung für
Antifa 10997 Berlin
Rathaus kontaktiert werden: Sozialgeschichte des 20.
c/o AStA FH
»Edelweiß- St. Antonstr. 86 Edelweiß-Piraten Jahrhunderts
Am Finkenherd Bonn
47798 Krefeld – Aurich/Großefehn Schanzenstr. 75–77
Piraten« 56075 Koblenz Bonner Institut für
– Salzgitter-Bad 20357 Hamburg
– Baden Faschismus und
Lüneburg Marburg Antifaschistische Aktion
Beckum/Oelde/ – Brandenburg Projektgruppe für die
Kampagne »Stoppt die Fantifa Marburg Postfach 410108
Ennigerloh – Breuberg vergessenen Opfer
Nazi-Zeitungen« Autonomes 53023 Bonn
EPIs – Craislheim Lindenallee 54
c/o Heinrich-Böll-Haus FrauenLeseben-Referat
c/o Grüne – Dresden 20259 Hamburg
Katzenstr. 2 Erlenring 5
Roggenmarkt 7 – Heister Bielefeld
21335 Lüneburg 35037 Marburg München
59269 Beckum – Henningsdorf VVN-Bund der
Antifaschistisches
Magdeburg – Kreuztal Nürnberg Antifaschisten
Berlin Informations- und
EPIs – Karlsruhe Feministische Antifa Herforder Str. 155a
EPIs Dokumentationsstelle &
c/o JWP – Mindelheim c/o Komm 33609 Bielefeld
Gneisenaustr. 2a Archiv
Imermannstr. 30 – Osterburg Königstr. 93
10961 Berlin Postfach 430147
39108 Magdeburg – Rathenow 90402 Nürnberg Bremen 80073 München
Bonn – Rudolstadt VVN-Bund der
EPIs Nordbaden – Usingen Passau Antifaschisten Nürnberg
c/o Le Sabot EPIs – Werne Feministische Antifa Bürgermeister- ABIDoZ
Breite Str. 76 Postfach 104671 Gottfried-Schäffer-Str. 6 Deichmann-Str. 26 Rothenburgerstr. 106
53111 Bonn 69036 Heidelberg 94032 Passau 28217 Bremen 90439 Nürnberg

184 185
Antifa 18.11.1997 17:10 Seite 186

Osnabrück Pressespiegel Antifaschistischer Lübeck Tatblatt Frankfurt/M


Antifa-Archiv Osnabrück Aktion Sühnezeichen/ Beobachter AZ – Antifa Zeitung Gumpendorferstr. 157/11 Antirassistisches/Antifa-
Postfach 1211 Friedensdienste Bockenheimer Landstr. 79 c/o Akzent A-1060 Wien schistisches Notruf- und
49002 Osnabrück Jebenstr. 1 60325 Frankfurt/M Fleischhauerstr. 32 Infotelefon
10623 Berlin 23552 Lübeck c/o Cafe Exzess
Wiesbaden Göttingen Leipzigerstr. 91
Bildungs- und Solidaritäts- ZAG Recklinghausen 60487 Frankfurt/M
Fight the Power
werk Anna Seghers Yorkstr. 59 Antifaz 069/703337
AJF-Info
19965 Berlin
Werderstr. 8 c/o Buchladen Hernerstr. 43 Notruf- und Gießen
65195 Wiesbaden Rote Strasse 10 45657 Recklinghausen
Bielefeld Infotelefone Antirassistisches/Antifa-
Antifa-Jugendinfo 37073 Göttingen
Rendsburg schistisches Notruftelefon
c/o Infoladen Anschlag 0641/791464
Österreich Gegengift Berlin
Heeperstr. 132 Halle
Dokumentationsstelle des c/o T-Stube Antifa-Infotelefon
33607 Bielefeld Subotnik in LA Hamburg
österreichischen Postfach 506 030/2512277
c/o Initiative für eine Antirassistisches Telefon
Widerstands Schlag Nach 24756 Rendsburg Antirassitisches Infotelefon
Vereinigte Linke c/o Haus für Alle
1. Bezirk c/o Bürgerinitiative 030/8619422
Große Klausstr. 11 Amandastr. 58
Wipplingerstr. 8 Bürgerwache Saarbrücken Antirassistisches Telefon
06108 Halle 20357 Hamburg
A-1010 Wien Rolandstr. 10 Antifa Nachrichten Ostberlin 040/431587
33615 Bielefeld c/o Infoladen AZ 030/4426174
Hannover Brauerstr. 39 Heidelberg
Niederlande Bonn Der Rechte Rand 66123 Saabrücken Antirassistisches
Bonn
ID-Archiv im IISG Antifa-Jugend-Info Bonn Postfach 1324 Notruftelefon
Antifaschistisches
Cruquisweg 31 Rhein/Sieg Hannover Wuppertal c/o AZ
Infotelefon
NL-1019 AT-Amsterdam c/o Büro für politische Antifa-Zeitung NRW 0228/690509 Alte Bergheimer Str. 7a
Kulturarbeit Heidelberg c/o Infoladen 69115 Heidelberg
Florentinusgraben 25 Heidelberg-Info Brunnenstr. 41 06221/29082
Braunschweig
53111 Bonn c/o Infoladen Moskito 42195 Wuppertal
Antirassistisches Telefon Kassel
Alte Bergheimer Str. 7a
Zeitschriften Cottbus 69115 Heidelberg
0531/341134 Antifaschistisches/Anti-
Cottbusser Infoblatt Schweiz rassistisches Notruf- und
Berlin Straße der Jugend 155 Bremen Infotelefon
03046 Cottbus Kiel Anti-Rassismus-Büro Sickingstr. 10
Antifa-Versand SCHRÄZ
ATZE – Antifaschistische Sielwall 38 34117 Kassel
Gneisenaustr. 2a Postfach 1031
Dresden Zeitung Kiel 21203 Bremen 0561/17919
10961 Berlin CH-9001 St. Gallen
Antifa-Info Dresden Schweffelstr. 6 0421/706444
c/o Infoladen Schlagloch 24118 Kiel Mannheim
Antifaschistisches Infoblatt Antifa
Kamenzerstr. 17 Delmenhorst Antirassistisches
c/o L. Meyer c/o N.S.K.
01099 Dresden Köln Info-Telefon Notruftelefon
Gneisenaustr. 2a Postfach 1203
Krass c/o Album 0621/1564141
10961 Berlin Erfurt CH-8036 Zürich
c/o Antifacafé Oldenburgerstr. 13 Infotelefon
F.R.E.I. Brief 0621/21705
Antifa Jugend Info BRD Ludolf Camphausenstr. 36 Österreich 27753 Delmenhorst
Postfach 375
Gneisenaustr. 2a 50672 Köln 04221/17815
99008 Erfurt München
10961 Berlin Mitteilungen Antirassistisches Telefon
Frankfurt/M Antifaschistische Dokumentationsarchiv des Duisburg 089/5439612
Frontblatt Antifa-Info FfM Nachrichten österreichischen Antifa Notruftelefon
GNN-Verlag c/o Cafe Exzess GNN-Verlag Widerstandes c/o AStA GH Duisburg Münster
Czeminskistr. 5 Leipziger Str. 91 Postfach 260226 Wipplingerstr. 8 Lotharstr. 65 Antifa-Infotelefon
10829 Berlin 60487 Frankfurt/M 50515 Köln A-1010 Wien 47057 Duisburg 0251/60256

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Nürnberg Mailbox
Antirassistisches Telefon
0911/262088 SpinnenNetz Mainz/
Wiesbaden
Saarbrücken
European Counter
Antifaschistisches/Anti-
Network (ECN)
rassistisches Notruftelefon
Werderstr. 8
im Saarland
65195 Wiesbaden
Postfach 100202
Mailbox: 0611/9490749
66002 Saarbrücken
Tel.: 0611/440887
0171/4021043
Fax: 0611/9490751
(Funktelefon)

Stuttgart
Antifa-Infoteleon
0711/6491629

Anmerkung der Redaktionsgruppe:

Alle aufgenommenen Adressen wurden im Januar 1994 durch Anschreiben unsererseits


und von überregionalen »Verteilern« bestätigt. Eine Gewähr für die Richtigkeit und
Vollständigkeit kann jedoch nicht gegeben weden. Sicherlich bestehen noch weitere
Initiativen, die sich leider nicht rückgemeldet haben. Für eine Aktualisierung der
Adressenliste bei einer eventuellen Neuauflage bitten wir um eine Nachricht an:

Antifa-Versand, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin

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